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Emotionsverarbeitung & Kommunikation im Internet: Traurig & Einsam trotz Masse?

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Soziale Medien – Kommunikationsmittel, Selbstdarstellungstool und Auslöser kollektiver Emotionen – bestes Beispiel sind etwa die Reaktionen zum Tod von Basketballstar Kobe Bryant. Falsch genutzt fördern sie jedoch Vereinsamung. Wie macht man es richtig?

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Online-Kommunikation richtig nutzen oder gemeinsam einsam sein?

Kein Zweifel, das Internet führt zu selektiver Wahrnehmung und verstärkt damit unseren Tunnelblick. Das hat zur Folge, dass wir uns manchmal trotz Gesellschaft ganz fürchterlich einsam fühlen. Wir sind sozusagen gemeinsam einsam – ein Begriff, den die amerikanische Psychoanalytikerin und Soziologie-Professorin Sherry Turkle geprägt hat.

Dabei geht es darum, dass viele Menschen dazu tendieren, komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen durch pflegeleichte Online-Beziehungen ersetzen: Wer dieser Versuchung nicht widerstehen könne, werde immer einsamer, stellt Turkle fest. Klingt dramatisch. Wer aber lernt, den richtigen Kommunikationskanal im richtigen Moment einzusetzen, profitiert von den vielfältigen Möglichkeiten des mobilen Internets.

Gemeinsame Emotionsverarbeitung am Beispiel Kobe Bryant

Wie sehr heutzutage die Entstehung und Verarbeiten von Emotionen dem Kommunikationsverhalten im Internet unterworfen ist, zeigt sich immer dann, wenn etwas besonders tragisches und dramatisches passiert und die allgemeine Anteilnahme riesig ist – seien das nun Terroranschläge oder der Tod einzelner Prominenter. Und diese emotionalen Mechanismen werden von Medienmachern aller Art ja auch geschickt ausgenutzt um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Ein gutes Beispiel dafür war z.B. der Tod des Basketballstars Kobe Bryant und seiner dreizenjährigen Tochter bei einem Hubschrauberabsturz in Los Angeles im Januar 2020. Der Tod der Sportikonen hat in den Vereinigten Staaten Schockwellen von Sportfans ausgelöst, reichte jedoch noch weiter von Kenia bis nach China. Denn Kobe Bryant war weltweit noch bekannter und vielleicht sogar noch einflussreicher als Michael Jordan – in manchen Kreisen galt er als der größte NBA-Spieler aller Zeiten.

Wie äußert sich kollektive Trauer?

Joseph Hammond, ein freiberuflicher Journalist, der in fast zwei Jahrzehnten Beiträge für The Economist, Anthony Bourdains Parts Unknown (CNN), U.S. News and World Report, International Business Times und zahlreiche andere Publikationen verfasst hat, schrieb über Bryants Bekanntheit und listet einige Details der weltweiten Anteilnahme aus:


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“Die Los Angeles Lakers planen, eine Statue von Kobe Bryant auf der Star Plaza aufzustellen, einem Bereich vor dem Staples Center, wo die Figuren vieler Laker-Größen stehen. Eine Statue von Kobe in seiner Laker-Uniform steht bereits vor dem Skulpturenmuseum der Guangzhou Academy of Fine Arts in China. Zusammen mit dem gebürtigen Yao Ming spielte Kobe Bryant eine entscheidende Rolle bei der Öffnung Chinas für die NBA. Auch in Afrika wurde der Tod von Kobe zutiefst betrauert. Kobe Bryant war gerade am Anfang der Handy-Revolution in Afrika und ist in vielerlei Hinsicht das Gesicht des Basketballs auf dem Kontinent. ‘Afrika ist weitgehend jung, über 70% unter 40”, sagt Cynthia Mumbo, die CEO von Sports Connect Africa und ehemalige Managerin der kenianischen Frauen-Basketball-Nationalmannschaft, in einem Interview mit der Autorin. Viele von uns sind mit der NBA-Aktion oder einem NBA-Spiel am Sonntag aufgewachsen. Kobe war bei diesen Spielen ein entscheidender Faktor… Die meisten Spiele waren Lakers, Bulls, Magic-Spiele. Die NBA ist ein wichtiger Bestandteil der Spiele, und als Kobe bei den Lakers war, hatten wir so viele mit seinem Image. Ich glaube, wir werden diese Woche auch viele sehen.’ “

Schleichende Vereinsamung durch mobiles Internet?

Zurück zu Sherry Turkle, seit über 30 Jahren die Auswirkungen moderner technischer Entwicklung auf unser Leben erforscht – zunächst euphorisch, wie sie sagt, dann zunehmend kritischer, seit sie festgestellt habe, welch rasante Veränderungen ein Internet mit sich bringt, das wir allzeit in der Hosentasche herumtragen könnten. In ihrem Buch “Alone Together” warnt sie vor der schleichenden Vereinsamung, die kommunikative Veränderungen mit sich bringen können.

Denn das Internet, vor allem in der mobilen Version für Hand- oder Hosentasche, böte jederzeit die Möglichkeit, den komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen der Realität zu entfliehen – so wie die Studentin, die ohne Weiteres ihren Freund gegen einen Roboter als Liebhaber eintauschen würde, um sich die Welt einfacher und besser zu machen. Oder wie Kollegen, die eMails oder SMS ins Nachbarbüro schicken, weil es ihnen zu intim vorkäme, dort einfach vorbeizuschauen.

Das Internet verändert zwischenmenschliche Beziehungen

Wichtige Informationen und Gefühlsregungen, die in einem Telefonat oder im persönlichen Gespräch mit ausgetauscht würden, fehlten dabei – und genau dadurch verändere sich nicht nur die Kommunikation, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen insgesamt. So sagt Turkle in einem Interview auf ZEIT ONLINE:

“Man kann online andere Beziehungen haben. In einer gewissen Weise enthüllen die Menschen mehr von sich selbst. Aber sie enthüllen das, was sie enthüllen wollen, nicht unbedingt das, was der andere wissen will! In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch statt. Ich untersuche solche Chats seit den frühen neunziger Jahren, und wissen Sie was: Wenn es ungemütlich wird, dann kneifen die Leute. Es gibt viel weniger Verbindlichkeit in den Beziehungen.”

Nun mag Turkle Recht haben damit, dass im Internet soziale Beziehungen anders, nämlich oberflächlicher ablaufen, und dass damit für manche Menschen die Gefahr des Realitätsverlustes einhergeht, wenn sie sich zu sehr darauf einlassen. Die Medizinerin Shima Sum von der Universität Sidney zeigte zudem 2008 in einer Studie unter Senioren, dass sich bereits bestehende Einsamkeit nur sehr schlecht mit Social Media, Chats, Foren und privaten Nachrichten bekämpfen lässt. Im Gegenteil: Wenn sich die Isolation im realen Leben erst den Weg ins virtuelle soziale Netz bahnt, wird der Mangel an echten Freunden eher noch größer.

Online-Intimität nicht mit echter Intimität verwechseln

Allerdings darf man Online-Intimität eben nicht mit echter Intimität verwechseln. Und natürlich sind Textnachrichten im Internet bequemer als Telefonate oder das persönliche Gespräch. Denn die Online-Kommunikation ermöglicht es, mit einer großen Zahl von Menschen in Kontakt zu stehen und diese gleichzeitig mehr auf Distanz zu halten, als das zum Beispiel bei einem Telefonat möglich wäre, bei dem wir persönlich anwesend sein müssen und die Stimme – und die darin mitschwingenden Emotionen – des anderen hören.

Indes kann ich nicht erkennen, was am Einsatz der Online-Kommunikation verkehrt sein soll. Im Gegenteil, um effizient arbeiten zu können, ist diese Filterung sogar unabdingbar. Zumal Turkle auch über sich selbst sagt, dass eMails ebenfalls ihr wichtigster Kommunikationsweg sind.

Das eigene kontrollierte Bild in der Öffentlichkeit

Und auch viele Prominente nutzen die Sozialen Medien regelmäßig, um so ein Bild von sich in die Öffentlichkeit zu tragen, das sie selbst kontrollieren können. So erläutert der Journalist Joseph Hammond auch, dass der Grund für Bryants Verehrung viel mit seinem eigenen, offenen Kommunikationsverhalten zu tun hatte:

“Seine Rolle als Bürgerbotschafter begann früh. Kobe Bryant’s Vater Joe ‘Jelly Bean’ Bryant wollte, dass sein Sohn international beachtet wird. Kobe wurde nach dem berühmten japanischen Rindfleisch benannt, das seine Eltern auf einer Speisekarte sahen. Einige von Kobe’s prägenden Jahren verbrachte er in Italien, wo er zum ersten Mal Jersey’s mit der Nummer 8 verwendete. Sein Vater spielte nach dem Ende seiner NBA-Karriere 1983 sieben Jahre lang in einer italienischen Liga. Der junge Kobe Bryant lernte schon bald Italienisch und beeindruckte selbst spät in seiner Karriere gelegentlich Gastreporter, indem er Fragen auf Italienisch beantwortete. Sicherlich lag Bryants Weg zum globalen Ruhm im Interesse Bryants und der NBA, aber er ging auch aus einem legitimen Interesse an anderen Menschen und Kulturen hervor. Tausende amerikanischer Kinder sind wie Bryant in Italien aufgewachsen – nur sehr wenige von ihnen sind gekommen, um Italienisch zu lernen. In der Tat lernte Bryant in Los Angeles auch, sich auf Spanisch zu unterhalten – sehr zur Freude seiner Latino-Fans in Los Angeles und eine Fähigkeit, die seine Marktfähigkeit in der spanischsprachigen Welt erhöhte. Bryant lernte auch etwas Serbisch und Französisch, um gegnerische Spieler zu verunsichern oder Teamkollegen zu ermutigen.”

Wer die Regeln kennt, profitiert von mehreren Kommunikationskanälen

Das zeigt auch eine holländische Studie von Patti M. Valkenburg und Jochen Peter: Demnach sind soziale Medien hervorragende Mittel, um einen bereits bestehenden Bekanntenkreis zu pflegen und sich nach außen darzustellen. Man muss also differenzieren. Einmal nach den Gründen, wie und warum man soziale Medien nutzt, aber auch danach, mit wem man kommuniziert und warum. Denn natürlich besteht die Gefahr, dass man seinem inneren Schweinehund nachgibt und faul zu Hause sitzen bleibt, statt sich persönlich mit Menschen zu treffen. Aber dafür gleich das Internet zu verdammen, wie es in der gegenwärtigen Diskussion um die Internetsucht passiert, scheint mir da der falsche Weg.

Und während die meisten Menschen im richtigen Leben oft sehr genau wissen, wer Freund, Kollege, guter Bekannter oder Feind ist, scheint genau diese Unterscheidung viele Menschen in sozialen Netzwerken zu verwirren. Das merke ich immer dann, wenn mich Leute, die sich normalerweise auch nicht mit jedem auf ein Bier verabreden, unsicher fragen “Was mache ich denn, wenn ich bei Facebook eine Freundschaftsanfrage von jemandem bekomme, den ich nicht als Freund haben will?” Grund für die Verwirrung ist, dass die Kommunikation in digitalen Zwischenräumen zwar öffentlich, aber doch oft auch irgendwie persönlich ist.


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