Kinder und Gamification in der Realität: Anti-Digitale Schützenhilfe von der BILD-Zeitung?


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Text stammt aus: Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen (2015) von Prof. Dr. Gerald Lembke, erschienen bei Münchener Verlagsgruppe (MVG), Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Bildrechte:  Bildmaterial erstellt im Rahmen einer kostenlosen Kooperation mit Shutterstock. .

Kinder brauchen reale Erfahrungen, um um ihre sensomotorische Phase gut zu durchleben. Und die sollten wir ihnen geben.

Kinder und Gamification in der Realität: Anti-Digitale Schützenhilfe von der BILD-Zeitung? digitale-realitaet


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Hier schreibt für Sie:

 

Prof. Dr. Gerald Lembke Prof. Gerald LembkeProf. Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mannheim und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing e. V.

  Profil

Brotbacken als sinnstiftendes Erlebnis

Ob im Wald oder in der Küche – besonders in der sensomotorischen Phase geht es um echte Sinneseindrücke, die entscheidend für die kognitive Entwicklung der Kinder sind. Der Pädagogik-Professor Ernst Schuberth zeigt in seiner Wohnung auf eine Mühle, die in der Küche steht – und erzählt eine Geschichte von einer Enkeltochter kurz vor der Schulreife.

„Für sie gab es nichts Schöneres, als das Korn mit der Mühle zu mahlen, die Zutaten zu vermischen, den Teig zu kneten… und am Ende stand da das Brot mit Butter und Salz auf dem Tisch – ein volles, sattes, sinnliches Erlebnis.“

Tablets vermitteln keine kognitiven Fähigkeiten

Solche Erlebnisse warten für Kinder an jeder Ecke des Lebens:  Daher hat Brotbacken nichts mit Nostalgie zu tun, sondern kann einer von vielen Schritten sein, damit sich Kinder gesund entwickeln. Genau um solche realen Erlebnisse werden kleine Kinder betrogen, wenn Eltern glauben, Sendungen wie die Teletubbies würden „erste kognitive Fähigkeiten“ vermitteln, wie es die BpB auf ihrer Website schreibt. Das Gegenteil ist der Fall, sobald die „Verbindung mit der Realität“ leidet, wie Ernst Schuberth erklärt:

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„Wenn ein kleines Kind in seinen Bewegungen und Sinneswahrnehmungen zu wenig geschult wurde, kann es später mit dem Willen Denkprozesse weniger steuern. Was ich aber mit der Hand und dem eigenen Körper getan habe, schlägt sich sofort im Gehirn nieder. Jede Bewegung und jeder Sinneseindruck verändere die Struktur des Gehirns, was genau die kognitive Entwicklung sei, die ein Kind zu leisten hat.“

Interaktion mit den Eltern

Kleinkinder sind nicht in der Lage, zwischen einer realen Situation und dem Geschehen auf einem Bildschirm zu unterscheiden („Video-Defizit“). Daher ist die Interaktion mit den Eltern so wichtig. Sind Kinder  zwischen 12 und 18 Monate alt, fällt es ihnen aber leichter, Informationen einer realen Person zu verarbeiten, als Inhalte aus dem Fernsehen zu verstehen.

Die Kinder erinnern sich auch besser, wenn ihre Eltern mit ihnen direkt gesprochen haben. Das deckt sich mit Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie: Schon das Neugeborene bringt grundlegende Fähigkeiten zur sozialen Interaktion mit, wie Hellgard Rauh schreibt.

Die grundlegenden Fähigkeiten

Dazu zählen: eine Präferenz für die menschliche Stimme, die Vorliebe für das menschliche Gesicht, das Interesse an dynamischen Stimuli sowie auditiven und visuellen Informationen. Das Kind unterscheidet zwischen einer Dingwelt und einer Personenwelt: Es betrachtet Objekte als Informationsquellen, denen es „lange, konzentriert und angespannt“ seine Aufmerksamkeit schenkt – und sich dann plötzlich abwendet. Ganz anders ist das Verhalten bei Menschen, die als Interaktionspartner gesehen werden, wie Rauh erklärt:

„Mit ihnen ist es entspannter, zeigt lebhaftere Mimik, Lippen- und Zungenbewegungen (…), positive Laute (Gurren) und Lächeln sowie ein rhythmisches Blick- und Vokalisationsverhalten, sogar Handbewegungen, die wie Vorformen von Geste wirken.“

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Die Verantwortung der Eltern

Diesen Aussagen kann Prof. Thomas Fischer nur zustimmen. Er hat Die Welt in vielen Facetten studiert und drei Studienfächer abgeschlossen (Betriebsökonomie, Jura und Psychologie). Seit 2011 ist er Lehrbeauftragter für Führungspsychologie, und zwar an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Daher hat er einen Überblick, wohin einseitigen Entwicklungen in der Kindheit führen und sagt:

„Meine Sorge ist es, dass die Digitalisierung den Kindern zu wenig Raum gibt, sich wirklich physisch im Leben einzuleben. Es ist viel einfacher, ein Kind vor die Flimmerkiste zu setzen, als mit ihm draußen im Wald spazieren zu gehen, wo man einen Tannenzapfen aufheben und fortwerfen kann. Zu Beginn des Lebens werden motorische Schemata neurophysiologisch aufgebaut, die großen Verbindungen im Gehirn. Daraus ergibt sich eine erhebliche Verantwortung für die Eltern: Ich kann nicht die ganze Zeit vor dem Computer sitzen und erwarten, dass meine Kinder fröhlich ohne Elektronik spielen. Die Kinder wollen das, was Papa und Mama machen. Wenn die Erwachsenen dauernd das iPhone vor der Nase haben, wird das Kind versuchen, dieses Verhalten einfach nachzuahmen.“

Schützenhilfe von der Bildzeitung

In dieser Frage bekommt Fischer Schützenhilfe aus einer erstaunlichen Ecke. Die BILD-Zeitung sorgt sich auch um das Wohl der Kinder, die im digitalen Zeitalter groß werden. Sie stellt in einer Überschrift am 09. September 2014 die Frage:

„Ab wann braucht mein Kind ein Smartphone? Vor dem dritten Geburtstag sollte kein Kind ein mobiles Gerät in die Hand bekommen – auch nicht das der Eltern.“

Digitale Welten sind Surrogate

Fazit: Kinder unter drei Jahren haben vor der Glotze nichts zu suchen. Schluss, aus, fertig. Das gilt genauso für Tablets, Smartphones und alle anderen Gadgets, die angeblich für Kinder im digitalen Zeitalter unverzichtbar sind.

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Der Irrglaube: Je früher Kinder über Tablets wischen, desto besser sind sie präpariert, um später digitale Medien effizient zu nutzen. Wer das behauptet, übersieht einen entscheidenden Unterschied: Digitale Welten sind keine realen Welten. Sie sind ein Surrogat, ein Ersatz für wirkliche Erfahrungen in der Realität.

Die Bausteine der Umgebung

Kinder greifen nach der Welt – und begreifen so die ersten Bausteine ihrer komplizierten Umgebung. Dabei entstehen noch keine Begriffe, der kognitive Prozess setzt auf einer sehr basalen Ebene ein. Im Gehirn entwickeln sich erst die Grundlagen, um später gedankliche Probleme zu lösen. Dazu bedarf es vielfältiger Anregungen aus der echten Welt – einfaches Spielzeug, Waldspaziergänge oder die direkte Interaktion mit den Eltern. Hellgard Rauh schreibt dazu:

„Die Vorstellungen von Gegenständen und Personen, von Abläufen und Gesetzmäßigkeiten entstehen also aus der handelnden Erfahrung des Kindes mit seiner Umwelt und sind eine aktive geistige Leistung des Kindes.“

Handelnde Erfahrungen sind zwingend notwendig

Handelnde Erfahrungen sind zwingend die Grundlage für eine gesunde Entwicklung, die aber nicht passiv vor elektronischen Medien stattfinden kann. Passiv und eben nicht interaktiv, wie der Einwand lauten könnte. Denn wenn Kleinkinder auf dem Tablet wischen oder auf dem Spiel-Laptop Tasten drücken, wird nur ein sehr eingeschränktes motorisches Repertoire eingeübt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass reale Sinneserfahrungen auf diese Weise nicht möglich sind.

Oder lässt sich ein Wald auf dem Bildschirm simulieren – mit grünen Bäumen, verrotteten Ästen und Ameisenhaufen? Mit dem modrigen Geruch des Bodens, dem Gesang der Vögel und den knackenden Geräuschen, wenn morsches Holz auseinanderbricht? Nein – diese Welt ist so einzigartig, dass wir die wichtige Aufgabe haben, unsere Kinder von Anfang an in das Leben einzuleben.

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