{Replik} Fachkräftemangel – Ingenieure machen gegen ihren eigenen Verband mobil: Wir sind VDI! Wir sind VDI!

Von Simone Janson (Mehr) • Zuletzt IT-aktualisiert am • Zuerst veröffentlicht am 24.02.2012 • Bisher 5856 Leser, 2675 Social-Media-Shares Likes & Reviews (5/5) • Kommentare lesen & schreiben • Offenlegung & Urheberrechte:  

Vor kurzem habe ich darüber berichtet, wie der VDI auf Beschwerden seiner (zahlenden) Mitglieder hinsichtlich des vom Verbands stets propagierten Themas Fachkräftemangel reagiert. Nämlich alles andere als Verständnisvoll. Dagegen wollen sich die Mitglieder nun wehren.

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Großunternehmen: Mehrheit ohne Probleme

Wie schon öfter berichtet, wird in Deutschland immer mal wieder heftig über den Fachkräftemangel diskutiert. Und das wahrscheinlich viel zu polemisch. Denn das ganze Bild muss man differenzierter sehen: Es gibt Unternehmen, denen tatsächlich Fachkräfte fehlen – und solche, die keine Probleme haben, Stellen zu besetzten.

Die großen Unternehmen haben offenbar weniger Probleme – darin bestätigt sich die Diskussion, die ich gestern hier veröffentlich habe. Die Stellenbörse Jobstairs hat beispielsweise ihre Mitglieder, 56 deutsche Großunternehmen, befragt. Die sind mit der bisherigen Anzahl und Qualität der Bewerber für 2012 weitestgehend zufrieden.

Über zwei Drittel der Befragten sehen hier keine Veränderung oder sogar eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. 67,6 Prozent der befragten Unternehmen sind mit der Anzahl der eingegangenen Bewerbungen zufrieden.

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Bewerber: Qualität mit kleinen Mankos

Etwas knapp ist derzeit noch die Nachfrage nach technischen Berufen. Besonders gefragt sind  wohl derzeit Auszubildende für Metall- und Elektroberufe, wie beispielsweise Mechatroniker oder Industriemechaniker, aber auch angehende Eisenbahner.

Weitestgehend zufrieden sind 64,7 Prozent der befragten Unternehmen mit der Qualität der Bewerber, bei 2,9 Prozent wurden die Erwartungen sogar übertroffen. Aber: 32,4 Prozent bemängeln fehlende oder  unzureichende Qualifikationen bei den angehenden Berufseinsteigern, insbesondere fehlen gute schulische Leistungen in den relevanten Fächern. Dennoch legen sich 36,4 Prozent der Umfrageteilnehmer schon in dieser frühen Beratungsphase fest, dass sie alle ihre ausgeschriebenen Ausbildungsplätze für das Jahr besetzen werden.

Verschnarchte Unternehmen und die ungehaltene Reaktion des VDI

Wir haben also keinen Fachkräftemangel und Unternehmen jammern auf hohem Niveau? Vielleicht. Aber kleinere Unternehmen, die oft weniger zahlen oder weniger bekannt sind, haben durchaus Probleme. Gibt es also doch Fachkräftemangel oder sind die Kleinunternehmer einfach nur zu verschnarcht, um die passenden Leute zu finden, wie Dr. Brenke konsterniert hat?

Es zeigt sich jedenfalls, dass man das Thema sehr differenziert betrachten muss. Genau das mach aber der VDI nicht, wenn er ständig und immer wieder zum Fachkräftemangel polemisiert. Auf Anfragen eines Lesers und Ingenieurs zu einem am 15.02.2012 im SPIEGEL erschienenes Interview mit VDI-Chef Willi Fuchs bzw. auf die Größtenteils negativen Leserkommentare reagierte der Verband ungehalten bis unverschämt:

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„Jetzt erstaunen Sie mich aber doch. Erst loben Sie den SPIEGEL als den waren Kenner der Lage, nun wird das Interview veröffentlicht und Herr Dr. Fuchs ‚getoastet‘ weil er die Realität wiedergibt? Bei allem Respekt, aber so langsam kann ich Ihnen genauso folgen, wie ich Herrn Brenke ernst nehme. Dem von Ihnen prophezeiten Shitstorm sehen wir gern, mit Fakten vorbereitet, entgegen. Die bisherigen Reaktionen auf das Interview im web geben uns Anlass dazu. Übrigens: Wer droht hat keine guten und haltbaren Argumente. (ist meine private Meinung).“

Provoziert der VDI Massenaustritte?

Mein Leser will nun seine Ankündigung wahr machen und nun so viele VDI-Mitglieder wie möglich dazu bewegen, ihren Austritt anzukündigen – und zwar unter dem Motto: „Wir sind VDI“. Vorbild ist die Aktion

Derweil gibt es Gerüchte, wonach die Zahlengrundlage des VDI, gerade was die Altersstruktur der Ingenieure angeht, gar nicht stimmt. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Hier mal der, zugegeben etwas polemische Aufruf, zur Aktion:


Hallo zusammen, dann will ich mal klein anfangen. Erstmal müssen wir uns sammeln. Ich denke ich werde gleich zum Du übergehen – ich hoffe das ist O.K so. Und vorab ein Versprechen: Ich werde natürlich Eure Namen und Email-Adressen ohne Zustimmung niemals an Blogs, Medien etc. weitergeben. Ich fange an mit einem kleinen Aufruf: Wer dem VDI noch nicht gekündigt hat, den würde ich bitten, noch bis zum spätestmöglichen Zeitpunkt mit der Kündigung zu warten (Die Frist ist 3 Monate zum Ende des Kalenderjahres). Wir brauchen nämlich besonders diejenigen VDI-Mitglieder, die noch nicht gekündigt haben, für ein kleines Experiment: Wenn in Deutschland nur 100 Ingenieure und Fachkräfte öffentlich einen Massenaustritt aus dem VDI mit einer entsprechenden Botschaft ankündigen, kann das in Internet, Presse und Fernsehen eine erhebliche Durchschlagskraft entfalten (*wake up call*) – gerade vor dem Hintergrund des vieldiskutierten angeblichen Fachkräftemangels. Denn viele VDI-Mitglieder, die bis dahin noch indifferent-gleichgültig waren, werden nach einem öffentlichen Massenaustritt zunächst nachdenklich werden und dann vielleicht zu der Erkenntnis bekommen, die uns hier vereint: Nämlich dass der VDI nicht ausreichend die Interessen seiner Mitglieder vertritt, besonders was dessen Haltung zum angeblichen Fachkräftemangel angeht. Es braucht nur einen Trigger (schönes Wort, wir Ingenieure und Techniker lieben sowas;-),  um diese Entwicklung anzustoßen und einen signifikanten Meinungsumschwung unter den Mitgliedern zu bewirken – die Zeit ist meiner Meinung nach reif dafür. Dann muss der VDI Farbe bekennen. Unser Vorbild ist die Initiative „Wir-sind-Einzelfall.de“, die im letzten Jahr innerhalb weniger Monate 14.000 (!!) unzufriedene Kunden vereinen konnte und damit den Mobilfunkbetreiber O2 urplötzlich zu einer Kurskorrektur und massiven Netz-Investitionen „überreden“ konnt:-). Wo immer es sich anbietet, bitte auf *wir-sind-vdi@web.de* weiterleiten, verlinken, und auf Facebook, Xing, Twitter…. teilen! Im Moment sind wir noch wenige, aber ich denke das kann sich schnell ändern, wenn Ihr das Thema mal mit Euren Kollegen diskutiert und fragt, ob sie nicht mitmachen wollen. Wenn 10 Leute je 2 weitere Interessenten finden, und diese 20 dann wieder je 2 weitere  usw… ihr kennt das Spiel…… Wer bereits aus dem VDI ausgetreten ist, kann dennoch extrem helfen, indem er VDI-Mitglieder im Bekanntenkreis auf uns aufmerksam macht. Also, es ist machbar, aber nur wenn Ihr ein wenig mitmacht: Hilfreich wären z.B. Beiträge in den grössten Kommentarbereichen (SPIEGEL, WELT, DIE ZEIT, Süddeutsche etc.) und das Verbreiten von Links aus der öffentlichen Berichterstattung an Freunde und Kollegen. Ihr könnt gerne meine Mailadresse Wir-sind-VDI@web.de weitergeben, damit weitere desillusionierte VDI-Mitglieder sich hier anschließen können.

Eine Inititative entsteht

Diese ungehaltene bis unverschämte Reaktion des Verbands auf die Kritik und die Forderung nach einer differenzierteren Betrachtung des Arbeitsmarktes führte direkt zur Gründung der Initiative „Wir sind VDI“, womit die Ingenieure nun selbst zur Offensive übergingen. Der Leser, dessen Anfragen beim VDI auf wenig Verständnis stießen, rief seine Kollegen dazu auf, ihre Kündigung aus dem Verband zwar anzukündigen, diese aber bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hinauszuzögern, um die Durchschlagskraft einer koordinierten Aktion zu maximieren.

Ziel war es, nur eine kritische Masse von hundert öffentlichen Austrittsdrohungen zu sammeln, um in den Medien einen „wake up call“ auszulösen und die bis dato gleichgültige Mehrheit der Mitglieder wachzurütteln. Nach dem Vorbild einer erfolgreichen Konsumentenprotestaktion gegen einen Mobilfunkanbieter sollte dieser strategische Massenaustritt den VDI zwingen, seine Haltung zur vermeintlichen Fachkräftemangel-Polemik zu korrigieren und die Interessen seiner zahlenden Basis effektiver zu vertreten.

Die Glaubwürdigkeitskrise des VDI

Die Konsequenz dieses Aufrufs ist eine tiefgreifende Glaubwürdigkeitskrise für den Verband der Deutschen Ingenieure, dessen Datenbasis und deren Interpretation in Zweifel gezogen werden. Gerüchte über nicht stimmige Zahlengrundlagen, insbesondere hinsichtlich der Altersstruktur der Ingenieure, verstärken das Misstrauen zusätzlich. Der VDI sieht sich durch die Mobilisierung der Basis gezwungen, seine primäre Loyalität offenzulegen:

Vertritt er die Ingenieure selbst, indem er faire Löhne und Arbeitsbedingungen fordert, oder dient er als Sprachrohr des „neuen deutschen Industrieadels“, der den Fachkräftemangel künstlich hochspielt, um eine Niedriglohn-Lobby zu unterstützen? Der Konflikt ist damit eskaliert von einer reinen Daten- und Fakten-Debatte zu einer fundamentalen Auseinandersetzung um die Repräsentationsrolle des Verbands im deutschen Arbeitsmarkt – ein Prozess, der den VDI dazu veranlassen muss, Farbe zu bekennen und seine Positionierung neu zu überdenken.

Fazit: So lässt man einen Konflikt eskalieren

Der Konflikt zwischen dem VDI und seinen Mitgliedern eskaliert zur Glaubwürdigkeitsprobe für den Berufsverband. Die Initiative „Wir sind VDI“ markiert den Wendepunkt, an dem Ingenieure selbst aktiv gegen die jahrelange Polemik des Fachkräftemangels mobilisieren, die sie als einseitig und den Arbeitgeberinteressen dienend empfinden.

Dieser Aufstand der Basis verdeutlicht, dass die öffentliche Debatte über den Arbeitsmarkt nicht länger von undifferenzierten Zahlen bestimmt werden kann, sondern die Interessen und die empfundene Realität der Fachkräfte selbst in den Vordergrund rücken muss, um den Vertrauensverlust in die Verbandsarbeit zu stoppen.

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16 Antworten zu „{Replik} Fachkräftemangel – Ingenieure machen gegen ihren eigenen Verband mobil: Wir sind VDI! Wir sind VDI!“

  1. Social Media und Persönlichkeitsentwicklung: Fehler akzeptieren und daraus lernen » imgriff.com

    […] nicht in der Lage gewesen wäre. Einige Hundert Kommentare später wurde die Initiative Wir sind VDI  gegründet, die mittlerweile auch das Interesse von Institutionen wie DGB erweckt hat und in der […]

  2. dob

    Hallo Frau Janson,

    danke für diesen Artikel und die Verfolgung der „MINT-Fachkräftemangel‘-Diskussion.
    Nachdem ich selbst das Thema wegen Überdruss einige Zeit nicht weiter verfolgt habe, ist mein erster Eindruck, dass die DIW-Studie und die vielen Leserkommentare in Online-Foren mit einiger Verzögerung doch wirken. Durch seine Kontinuität und die Links trägt bestimmt auch Ihr Blog mit dazu bei.

    Der VDI hat nun ein Problem, weil er eine vorwiegend auf Umfragen bei Arbeitgebern gestützte Arbeitsmarktanalyse über Jahre als Ist-Zustand verkauft hat. Nun ist er in der Situation, auf Biegen und Brechen an diesem Verfahren festzuhalten, anders ermittelte Zahlen als falsch darstellen und Kritiker abqualifizieren zu müssen.

    Der Aktion ‚Wir-sind-VDI‘ wünsche ich viel Erfolg.

  3. Frank

    @Elektronews @frontmotor Besser wäre es, Austritte zu Bündeln um dem VDI mal ein wenig Druck zu machen, siehe

  4. Oskar Ohm

    @Elektronews @frontmotor Besser wäre es, Austritte zu Bündeln um dem VDI mal ein wenig Druck zu machen, siehe

  5. wir-sind-vdi

    @Elektronews @frontmotor Besser wäre es, Austritte zu Bündeln um dem VDI mal ein wenig Druck zu machen, siehe

  6. Ich

    Fragt man einen Arzt/Ärztin warum er/sie Mitglied beim Marburger Bund ist, lautet die Antwort, die vertreten unsere Interessen und sorgen unter anderem dafür, dass wir nicht völlig ausgebeutet werden. Fragt man einen Piloten/Pilotin warum er/sie Mitglied beim Cockpit ist lautet die Antwort, die vertreten unsere Interessen und sorgen unter anderem dafür, dass wir nicht durch billigere Inder oder Chinesen ausgetauscht werden. Und was für Gründe geben Ingenieure für eine VDI Mitgliedschaft an?

    Die haben tolle Zeitschriften, machen lustige Treffen und der beste Grund ist, mein Professor hat mich dazu gebracht.

  7. Politik für Aachen

    "Wir sind #VDI" Ingenieure drohen mit Austritt aus Verband, der Fachkräftemangellüge im Arbeitgeberinteresse propagiert

  8. Daniel

    Bitte mehr davon. Ünterstützung ist Euch sicher!

    Gruß

    1. Simone Janson

      Ihr Wunsch ist mir Befehl – bitteschön:

    2. Gerhard Müller

      Das nenne ich Engagement. Endlich sagt jemand was der VDI ist.
      Der VDI ist die Interessenvertretung des neuen deutschen Industrieadels.
      Also der Niedriglohnlobby des Herrn Hundt und der Parteidiktatoren.
      Der Fachkräftemangel wird hochgespielt. Es gibt genügend Ingenieure, aber wenig verarschbare Niedriglöhner.
      Mit Austritt kann ich nicht dienen, weil ich noch nie Mitglied war.
      44J. in der Industrie 33J. als Dipl. Ing. (FH)

      1. Simone Janson

        Danke, wir freuen uns. In letzter Zeit ist das Engagement von VDI wohl leider wieder etwas abgeklungen. Zum Thema Fachkräftemangel haben wir hier gerade eine vierteilige Serie angefangen, die nächste Woche weitergefühft wird:

  9. Mr X

    "Wir sind #VDI" Ingenieure drohen mit Austritt aus Verband, der Fachkräftemangellüge im Arbeitgeberinteresse propagiert

  10. liberal-konservativ

    "Wir sind #VDI" Ingenieure drohen mit Austritt aus Verband, der Fachkräftemangellüge im Arbeitgeberinteresse propagiert

  11. Holger Froese

    Ingenieure machen gegen ihren eigenen Verband mobil: Wir sind VDI #Business

  12. Simone Janson

    #Blogpost Ingenieure machen gegen ihren eigenen Verband mobil: Wir sind VDI

  13. Liane Wolffgang

    Ingenieure machen gegen ihren eigenen Verband mobil: Wir sind VDI: Vor kurzem habe ich darüber berichtet, wie de…

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