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Gero Hesse von Bertelsmann diskutiert gegen Sarah Wagenknecht über digitale Arbeit: Dolmetscher gesucht!

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Letzte Woche fand bei UDL-Digital das statt, was hätte mein persönlicher Traum-Polit-Talk werden können: Gero Hesse, ehemaliger Senior Vice President Human Resources bei Bertelsmann und Gründer des Careerloft diskutierte gegen Sarah Wagenknecht, stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Das Thema war “Digitales Arbeiten – zwischen Selbstverwirklichung und Ausbeutung”. Indes zeigte die Diskussion, dass die gesellschaftlichen Kluften so gewaltig sind, dass die beiden die ganze Zeit aneinander vorbeiredeten.

Diskussion am Thema vorbei

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Diskussion ging am Thema vorbei. Vermutlich waren die Diskutanten auch einfach schlecht gewählt, denn vom Arbeiten eines digitalen Freelancers, das sich irgendwo zwischen den Idealen der freien Selbstverwirklichung und den Gefahren der Selbstausbeutung bewegt, haben beide zu wenig Ahnung – dazu unten noch mehr.

Nachdem Moderator Cherno Jobatey gleich am Anfang einen Witz über Oskar Lafontaine gerissen hatte, war Sarah Wagenknecht sichtlich die Lust vergangen. Jobatey, der sonst immer wieder gerne die Diskutanten aufstachelt, war in der folgenden Diskussion ungewohnt ruhig – er sagte hinterher, er sei nicht durchgekommen.

Sachlich, aber nicht mitreißend

Dabei blieb die die ganze Zeit ruhig und sachlich, lieferte Fakten und ließ sich nicht zu billiger Polemik oder gar Witzchen verführen wie Philipp Rösler vor einigen Wochen an der selben Stelle. Das mag, wie via Twitter bemerkt wurde, nicht besonders mitreisend oder unterhaltsam gewesen sein – ich fand das gut.

Extreme Positionen

Warum wurde am Thema vorbei diskutiert? Nun: Auf der einen Seite  Gero Hesse, der seit Jahren bei Bertelsmann in abgesicherter Position ist.

Auf der anderen Seite Sarah Wagenknecht, die aus ihrer früheren Arbeit als Autorin zwar das freiberufliche Leben kennt, der die Digitalisierung und die Chancen, die sich daraus ergeben könnten, aber offenbar eher skeptisch gegenüber steht.

Rhetorik aus dem vorherigen Jahrhundert

Oder wie Regine Heidorn so schön bemerkte: “Die Linke hat es nicht geschafft, ihre Rhetorik in das 21. Jahrhundert hinüberzurretten.”

Mir geht es da ähnlich: Obwohl mir die Gefahren der digitalen Ausbeutung durchaus bewusst sind, kann ich mich mit den Lösungsvorschlägen, die Linke und Gewerkschaften parat haben, etwa Streiks, nicht recht anfreunden.

Das falsche PR-Instrument

Auf der anderen Seite ist es m.E. wenig zielführend, wenn Arbeitgeber in Zeiten von Niedriglohnsektor und Leiharbeit von Fachkräftemangel und einem Arbeitnehmermarkt sprechen – weder gesellschaftlich noch für die Eigen-PR, der diese Aussage ja eigentlich dienen soll.

So etwas wird von vielen, wie dieser  Tweet zeigt, ganz anders aufgefasst, als es klingen soll – nämlich nicht als positive, ermutigende Botschaft, sondern als Schönfärberei:

Welche Fachkräfte fehlen eigentlich?

Es mag aus Sicht der Unternehmen sogar einen Fachkräftemangel geben – an jungen, in jeder Hinsicht anpassungsfähigen, hochqualifizierten Leuten. Wenn das aber so undifferenziert bekundet wird, führt das zu Irritationen – und zu den polemischen Gegenstimmen, die Unternehmen so oft beklagen.

Denn Aussagen wie “bei careerloft bewerben sich die Unternehmen bei den Kandidaten im Förderprogramm” (Hesse im Vorab-Interview) mögen viele in Anbetracht ihrer eigenen wirtschaftlich eher schlechten Situation nunmal nicht recht glauben – und reagieren dann entsprechend sauer.

Echte Taten statt Lippenbekenntnisse

Ein Unternehmen, dass die drohende Gefahr eines Fachkräftemangels tatsächlich glaubhaft abwenden wollte, müsste einen Schritt weiter gehen, zumal wenn es sich wie Careerloft als Karrierenetzwerk versteht.

Das würde solchen Kritiken auch den Wind aus den Segeln nehmen. Es müsste nicht erst bei den Absolventen ansetzen, sondern auch das Bildungssystem miteinbeziehen – auch das wurde am Donnerstag kurz angesprochen:

Arbeitgeber machen es sich zu einfach

Frank Heinrich, Berufebilder-Autor und u.a. ehemaliger Berater des Premier-Ministers von Luxembourg, hat das in seinem jüngsten Beitrag sehr schön auf den Punkt gebracht:

Geht es um Bildung und Bildungsqualität machen es sich die Arbeitgeber hingegen [...] oftmals zu einfach. Zuallererst sollten sie das brachliegende Potenzial an Weiterbildungswilligen in ihrem eigenen Unternehmen ausschöpfen und künftige Fach- und Führungskräfte aus dem Pool vorhandener Mitarbeiter rekrutieren [...] Bislang nutzen Unternehmen die Möglichkeit zur Inhouse-Qualifizierung jedoch kaum: In 60 Prozent der Unternehmen stehen dafür jährlich weniger als fünf Weiterbildungstage zur Verfügung, in jedem siebten Betrieb sind es sogar höchstens zwei Tage.

Hochqualifizierte Querdenker einbeziehen

Es müsste auch Leute wie Ex-Taz-Redakteurin Julia Seeliger oder Ingenieurin Karen zwei hochqualifizierte Menschen mit dennoch großen Problemen, in Deutschland einen Job zu finden, miteinbeziehen.

Svenja Hofert hat kürzlich gezeigt, dass oft nur Kleinigkeiten in der Kommunikation über Top oder Flop einer Bewerbung entscheiden. Da wünsche ich mir, wenn schon von Fachkräftemangel die Rede ist, doch etwas mehr Flexibilität auf Seiten der Unternehmen.

Kommunikation als Grundproblem – Dolmetscher gesucht!

Überhaupt scheint mir Kommunikation, das gegenseitig fehlende Verständnis das Grundproblem in der ganzen Diskussion – und das lässt sich durchaus auf die gesamte Gesellschaft übertragen.

So bekannte Hesse nach der Diskussion, er habe bei dieser Abwehrhaltung keine Lust gehabt, an manchen Stellen, an denen ihm das möglich gewesen wäre, auf Sarah Wagenknech ein Stück zuzugehen. Genau das ist das Grundproblem. Dolmetscher dringend gesucht!

Im gesellschaftlichen Kontekt sehen

Auch wenn die Diskussion an sich eher ein wenig langweilig fand, so hat mir doch der Abend insgesamt zu einigen spannenden Erkenntnissen verholfen. Da trafen Welten aufeinander!

Die Augen vor diesen gesellschaftlichen Problemen, der immer größer werdenden gesellschaftlichen Kluft und der wachsenden Unzufriedenheit zu verschließen, finde ich auch für die Unternehmen selbst gefährlich – Griechenland, Zypern und die Euro-Krise lassen grüßen,


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