Introversion nach Freud, Jung und Co: Sexmuffel und Menschenfeinde



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Abdruck: Dieser Text stammt aus dem Buch "Die Macht der Stille: Wie introvertierte und hochsensible Menschen ihre Besonderheit erkennen, verstehen und nutzen können (2015)" von Sophia Dembling, veröffentlicht bei Münchener Verlagsgruppe, und wurde uns zum Abdruck überlassen.
Bildrechte: Bildmaterial erstellt im Rahmen einer kostenlosen Kooperation mit Shutterstock. .

Wie genau sich Introversion definiert, hängt davon ab, wen Sie fragen. Die Wissenschaftler Sigmund Freud, C.G. Jung und Hans Jürgen Eysenck etwa hatten jeweils ganz unterschiedliche Meinungen.

Introversion nach Freud, Jung und Co: Sexmuffel und Menschenfeinde sigmund-freud-psychology

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Hier schreibt für Sie: Sophia Dembling schreibt u.a. für Psychology Today und Wall Street Journal. Profil

Der sexbesessene Sigmund Freud

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Für Sigmund Freud in seiner miesepeterigen Art war Introversion pathologisch, eine Form der Neurose. Er definierte sie als „Abkehr der Libido von den Möglichkeiten der realen Be­friedigung…“ Mit anderen Worten: Er glaubte, Menschen seien introvertiert, weil sie der Realität nicht ins Auge blicken und nicht glauben können, dass sie niemals Sex haben werden.

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Glücklicher­ weise werden Gespräche heute nicht mehr von der sexbesessenen Freud’schen Meinungsmache beherrscht, auch wenn deren Schat­ten noch immer in dem Klischee der in einen Bademantel gehüll­ten männlichen Jungfrau weiterlebt, die bei Muttern in der Keller­wohnung lebt.

Seit den Tagen Freuds hat sich die Definition der Introversion gewandelt, verändert und ist gewachsen – und dieser Vorgang hält noch immer an. Introversion ist eigentlich ein schwer greifbarerBegriff, der näher bestimmt werden muss.

Die Nuancen der Introversion

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Je genauer wir ihn uns anschauen, desto mehr allerdings entzieht er sich. Wissenschaftler arbeiten noch immer an dem Versuch einer Definition, die alle Nuancen der Introversion beinhaltet, und sie versuchen gleichzei­tig, die Unterschiede zwischen Introversion und Schüchternheit, Hochsensibilität und weiteren Elementen herauszuarbeiten, die zur Sprache kommen, wenn Introvertierte die Introversion beschreiben.

Zudem würden die Wissenschaftler gerne eine Defi­nition finden, die ihnen bei der empirischen Erforschung in der Psychologie und in den Kognitionslabors helfen könnte.

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C.G. Jung und das Modell der psychischen Energie

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C.G. Jung, ein Schützling Freuds, des ewigen Sexgeredes und der negativen Art seines Mentors überdrüssig, trennte sich von diesem, um seine eigenen Gedanken zu formulieren und eine weniger trost­ lose Meinung über Introversion und Extroversion zu äußern – ihm ist übrigens die Popularisierung dieser Begriffe zu verdanken.

Jung war der Erste, der das Modell der psychischen Energie aufbrachte und darauf hinwies, dass die Energie bei Introvertierten nach innen und bei Extrovertierten nach außen fließt. Wir Introvertierten sind geneigt, diese Definition aufzugreifen.

Das Aufbrauchen persönlicher Energie

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Wir empfinden sie als rich­tig, weil wir genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn unsere Energie aufgebraucht ist, weil wir sie zu sehr haben nach außen fließen las­sen. Ein Wochenende in größerer Gesellschaft kann mich persön­lich anschließend ein paar Tage geradezu ins Koma versetzen. Eine Woche in größerer Gesellschaft, und ich muss mich mindestens eine Woche lang in meine Höhle zurückziehen.

Diese Theorie der nach innen oder außen fließenden Energie bestimmt noch immer die allgemeine Diskussion, auch wenn es so gut wie unmöglich ist, „psychische Energie“ zu definieren, und noch schwieriger, sie im Labor zu messen. Dennoch gehört sie zu den Dingen, die die meisten von uns sozusagen auf zellulärer Ebe­ne verstehen. Zu schade, dass „ich weiß es genau“ nicht ausreicht, sodass Wissenschaftler irgendwelche Daten daran festmachen könnten.

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Hans Jürgen Eysenck und der introvertierte Menschenfeind

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Hans Jürgen Eysenck, ein deutsch-britischer Psychologe, brachte die Soziabilität in die Diskussion mit ein. Eysenck betrachtete die Introversion als das Gegenteil der Extroversion, die er als kontakt­freudig, gesellig, begeisterungsfähig und impulsiv beschrieb. Nach diesem Modell klingt die Introversion in meinen Ohren wie ein trostloses Päckchen; Begriffe, die das Gegenteil von Eysencks De­finition der Extroversion beschreiben, sind „kontaktarm“, „nicht begeisterungsfähig“, „distanziert“.

Während Freud uns das Trau­erkloß-Jungfrau-Modell der Introversion bescherte, kann man Eysenck zum Teil für das Klischee des kontaktarmen Menschen­feindes verantwortlich machen. (Wobei wir, wenn wir uns die Cha­rakterzüge der Extroversion noch einmal ansehen, vielleicht darin übereinstimmen könnten, dass Impulsivität nicht unbedingt etwas ist, worauf man immer stolz sein kann. Ein Punkt geht also doch an die Introvertierten.)

Introversion als angeborene Eigenschaft

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Eysenck war auch der Erste, der äußerte, Introversion und Extroversion könnten physiologisch bedingt sein; die Gehirne der Extrovertierten könnten nach mehr Erregung lechzen als die Gehirne der Introvertierten.

Nicht, dass Eysenck bezüglich der Introversion in allen Punk­ten falsch liegen würde oder diese unbedingt kritisch sähe. Wir Introvertierten sind tatsächlich weniger gesellig als Extrovertierte. Diese Definition ist für uns in Ordnung. Ich möchte nur, dass die Rechtmäßigkeit dieser Tatsache anerkannt und nicht als Mangel abgestempelt wird.

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Auch gefällt mir der Ge­ danke, dass Introversion tatsächlich eine Veranlagung ist, weil ich die Leute satt habe, die versuchen, mich zu ändern – oder das Ge­fühl, ich müsste mich selbst ändern. Wenn dies meine bzw. unsere grundlegende Natur ist, kann sie nicht verändert werden.


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