Digitale Manipulation durch Quantified Self: Es fängt schon bei den Kindern an


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Die Quantified-Self-Bewegung findet weltweit immer mehr Anhänger. Kein Wunder, wenn bereits Kinder für diesen Trend begeistert werden. Ein krasses Beispiel dafür habe ich Estland gefunden.

Digitale Manipulation durch Quantified Self: Es fängt schon bei den Kindern an

Hier schreibt für Sie:

 

Simone Janson Simone JansonSimone Janson ist VerlegerinBeraterin und Leiterin des Instituts Berufebilder Yourweb.

  Profil

Hauptargument: Selbstoptimierung

Ich gebe es zu: Die Begeisterung dafür, sich selbst in allen Details zu vermessen und Selbstverbesserung zu betreiben, ist mir schlicht ein wenig unheimlich – auch wenn die Self-Tracker auf diese Weise sicherlich Ergebnisse gewinnen, die ihnen bei der Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung behilflich sind.

Das ist denn auch das Hauptargument der Self-Tracker, sich diesen Stress – wie ich persönlich finde – anzutun. Nun kann das jeder Erwachsene halten, wie er will. Als ich nun kürzlich auf einer Pressereise in Estland das ICT-Democenter besuchte, in dem uns Funktionsweise und Organisation des elektronischen Staates erklärt wurde, stellte ich fest, dass hier bereits die Kinder zu einer Art “Quantified Self” erzogen werden – und das stimmt mich sehr, sehr nachdenklich.

e-School für die Self-Tracker von morgen

E-School heißt das Tool, das ein Großteil der Esten nutzt, und das zunächst einmal nichts anderes als eine Art Klassenbuch zu sein scheint – aber in elektronischer Form. Die Lehrer können hier z.B. eintragen, was im Unterricht durchgenommen wurde, welche Hausaufgaben sie aufgegeben haben, aber auch die Noten. Neu ist, mit welcher Geschwindigkeit die Daten an die Eltern übermittelt werden: nämlich sofort. Unter anderem auch per SMS.

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Auf der Website dazu liest sich die PR folgendermaßen – samt einem netten Video zum Thema:

  • “Teachers enter grades and attendance information in the system, post homework assignments, and evaluate students’ behavior. They also use it to send messages to parents, students or entire classes.”
  • “Parents use it to stay closely involved in their children’s education. With the help of round-the-clock access via the internet, they can see their children’s homework assignments, grades, attendance information and teacher’s notes, as well as communicate directly with teachers via the system.”
  • “Students can read their own grades and keep track of what homework has been assigned each day. They also have an option to save their best work in their own, personal e-portfolios.”
  • “District administrators have access the latest statistical reports on demand, making it easy to consolidate data across the district’s schools.”

Zeitsparend oder gefährlich?

Nun wird der eine oder andere sagen: “Wie praktisch. Es entfallen nervige Elterngespräche. Und man kann sofort gegensteuern, wenn etwas nicht rund läuft.” Stimmt. Und das waren auch die Argumente, die uns die begeisterten Esten dafür genannt haben, dass nahezu jeder in Estland dieses Tool nutzt – sofern die Schule, die für diesen Service bezahlt, es anbietet.

“Wenn das Kind nicht in der Schule ankommt, bekommen die Eltern eine SMS” hieß es. Das mag noch sinnvoll sein. Wie sieht es aber aus, wenn das Kind mit dem Tischnachbarn geschwatzt und einen Eintrag ins “Klassenbuch” erhalten hat? Ist es wirklich sinnvoll, wenn Eltern jederzeit über jeden Schritt ihrer Kinder informiert werden? Wie seht Ihr das?

Ein Vater erzählte uns, dass er sich zunächst auch Sorgen gemacht habe, seine Tochter könne sich überwacht fühlen. Die aber habe ihren Vater von sich aus gebeten, noch einmal zu überprüfen, welche Hausaufgaben sie aufhat. Eine Big-Brother-Situation hat sie offenbar gar nicht gesehen – vielmehr wurde der Überwacher zum Sekretär gemacht.

Vier Überlegungen, die man machen sollte

Das Kind sieht offenbar vor allem seinen praktischen, persönlichen Effizienz-Gewinn in der Situation. Alles gut also? Ich finde, man sollte dennoch ein paar Überlegungen machen:

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  1. Mehr Kommunikationsaufwand.  Ich stelle mir das ein wenig wie beim Wandel vom Brief zur eMail vor: Früher ging alles langsamer, daher wurde weniger geschrieben. Die ständige Verfügbarkeit des Kommunikationstools führt dazu, dass man es auch mehr nutzt, als es vielleicht manchmal nötig wäre. Hier ist vor allem das Verantwortungsbewusstsein der Lehrer gefragt, Eltern nur dann zu benachrichtigen, wenn es wirklich Not tut.
  2. Ständiger Handlungsbedarf.  Was macht das mit Eltern, die ja ständig das Beste für ihr Kind wollen, wenn sie über jeden noch so kleinen Fehltritt informiert werden? Sie haben ständig das Gefühl, sie müssten irgendwie reagieren. Ich versuche mir vorzustellen, unter welchen Druck das Eltern setzt.
  3. Über-Optimierung.  Bereits ohne dieses Tool übertreiben es manche Eltern schlicht mit ihrem Wunsch, nur das Beste für ihr Kind zu wollen. Was passiert nun, wenn Eltern nicht nur ständig daran erinnert werden, sondern zudem befürchten müssen, ihr Kind könnte “abgehängt” werden, wenn man nicht agiert – weil eben alle anderen auch dieses Tool benutzen? Schlussendlich setzen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Kind permanent unter Druck.
  4. Soziale Unterschiede.  Und schließlich darf man nicht vergessen, dass e-School ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, für das Schulen bezahlen müssen. Was passiert mit denen, die es nicht bezahlen können? Das Tool hilft auf diese Weise, soziale Unterschiede zu zementieren.

Super Tool oder latente Gefahr?

Man muss allerdings sagen: Diejenigen Esten, mit denen ich gesprochen habe, fanden das Tool alle super – und meinten, es werde zumindest von einem Großteil der Esten genutzt. Vielleicht sind meine Unkenrufe also völlig daneben?

Ich denke nicht. Denn: Kinder werden hier sehr früh damit vertraut gemacht, dass eine ständige (Selbst)Überwachung normal und nicht zu hinterfragen ist. Was aber macht das mit einer Gesellschaft, in der völlig kritiklos mit diesem Thema umgegangen wird?


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