Interview mit Bill Rothschild, Raketenwissenschaftler beim Space-Shuttle-Programm der NASA: “Arbeite hart, akzeptiere kein Nein!”

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Bei Boeing war Bill Rothschild verantwortlich für die strategische Planung, Entwicklung und das Projektmanagement für die Boeing-Komponenten des Space-Shuttle-Systems und hatte zeitweise Zugang zu den Top-Secret-Informationen der USA. Ich traf auf dem NASA-Gelände in Houston, Texas. Im Interview spricht er darüber, wie man Raketenwissenschaftler wird, über den Stratosphärensprung von Felix Baumgartner – und über die beiden großen Unglücke während des Space-Shuttle-Programms.


William J. Rothschild wurde 1949 im bayrischen Steinburg geboren. Als er zwei war, wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus. Er studierte an der Pennsylvania State University Physik und machte am Air Force Institute of Technology seinen Master in Aero-Mechanical Engineering. Zudem besuchte er das Defense System Management College sowie das Industrial College of the Armed Forces. Er arbeitete für das Verteidigungsministerium und diverse Raumfahrtunternehmen, war 20 Jahre lang Offizier der amerikanischen Air-Force und wurde mehrfach ausgezeichnet. Bei Boeing war Bill zunächst leitender Ingenieur und später Direktor der Abteilung Space Shuttle Research & Development. Zuletzt war er bei Boeing Direktor für Engineering Operations. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Berater für NASA und Air Force – und zeigt als Volunteer im Space-Center der NASA in Houston Kindern, wie man zum Mond fliegen kann. Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich hier.

Mr. Rothschild, wie wird man Raketenwissenschaftler?

Indem man Fächer wie Physik, Chemie, Mathematik oder Ingenieurwissenschaften wählt, fleißig studiert, immer die ausgefallensten Kurse belegt und sich die schwierigsten Themen sucht.

Aber eigentlich ist es nichts besonderes. Wissen Sie: Raketenwissenschaftler kochen auch nur mit Wasser.

War Raketen-Bauen Ihr Kindheitstraum?

Ja, ich wollte bereits als kleiner Junge Raketenwissenschaftler werden und habe dann alles dafür getan, was nötig war.

Waren Sie jemals selbst im All?

Nein.

Ist das nicht frustrierend, die Raketen zu bauen, mit denen andere in All fliegen?

Nein, ich hatte kein Interesse daran: Ich wusste ja, was alles schief gehen kann. Und es ist ja auch Vieles schief gegangen. Ich war einfach nicht sehr tapfer.

Sie spielen damit auf die beiden großen Unglücke im Space-Shuttle-Programm an…

Ja, das Challenger-Unglück 1986 und der Columbia-Katastrophe 2003. Wir haben jeweils 7 tapfere Leute verloren.

Wie war Ihre Rolle dabei?

Ich war beim Columbia-Unglück im Ingenieur-Team, das die Untersuchungskommission unterstützte.

Was genau ist schief gegangen?

Das Challenger-Unglück hätte vermieden werden können, wenn man auf die Ingenieure gehört hatte, denn es war an dem Tag einfach zu kalt. Denn durch Kälte büßten die Dichtungsringe in den seitlichen Feststoffraketen ihre Elastizität ein, Verbrennungsgas strömte aus, was schließlich zum Zerbrechen Raumfähre kurz nach dem Start führte.

Bei der Columbia, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach, kamen wir zu dem Schluss, dass wir nichts hätten besser machen können: Denn die Ursache war ein beim Start abgerissenes Schaumstoffteil, das ein Loch im Hitzeschild verursachte, was schließlich zu einer Überhitzung des Tragflächeninneren führte. Das war nicht vorherzusehen.

Was war Ihre größte Herausforderung?

Das Space-Shuttle wieder zum fliegen zu bekommen nach dem Columbia-Unglück.

Heute fliegen Touristen ins All. Was halt Sie davon?

Das ist eine großartige Idee. Noch ist es leider ziemlich teuer.

Aber ist es nicht gefährlich?

Ach nein, die heutigen Raketensysteme sind deutlich sicherer als früher. Wir machen das schließlich nun schon seit 56 Jahren.

Und was halten Sie von Felix Baumgartner und seinem Stratosphärensprung?

Der kann Gott danken, dass er noch lebt. Solche Stunts bringen für die Wissenschaft keinen Gewinn, denn Forschung ist kein Draufgängertum, sondern besteht in ständigem Ausprobieren und Testen. Allerdings erzeugt so etwas Medieninteresse, das bringt Geld. Ein Vorteil immerhin.

Glauben Sie, dass die jungen Ingenieure heute aus Ihren Fehlern von damals gelernt haben?

Die stehen heute vor ganz anderen Herausforderungen als wir damals. Die Technik hat sich rasant weiterentwickelt, heute wird alles auf eine ganz andere Art gemacht als früher und alles soll viel ökonomischer ablaufen. Das ist gar nicht vergleichbar.

Was ist das “next big thing” im All, wie sieht Ihre Zukunftsvision aus?

Ich glaube, das meine Enkelkinder Marsianer werden. Ich glaube das wir zum Mars fliegen, dass es dort Wasser gibt, das wir nur finden müssen – und dass wir Mars und Mond besiedeln werden. Auch wenn das nicht sehr bald geschieht. Dass wir, wie geplant, 2020 auf dem Mars landen, halte ich für illusorisch.

Warum?

Wegen der Finanzierung. Nicht, dass wir das wissenschaftliche Know How nicht hätten, aus technischer Sicht wissen wir, wie wir es machen können. Aber es ist einfach nicht genug Geld da, das wird zur Zeit auf der Erde ausgegeben.

Warum sollten Menschen denn überhaupt ins All fliegen, wenn es doch auf der Erde genug Probleme gibt?

Zum einen wegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse: Die ganze Mikroelektronik gäbe es nicht, denn Sie sind durch die Weltraumprogramme entwickelt worden. Auch Computer gäbe es nicht. Man muss sich mal vorstellen: Die Computer, mit denen wir Menschen auf den Mond schickten, hatten nur 1 MB Speicher.

Der zweite Grund ist eher philosophisch: Menschen wollten schon immer ihren Horizont erweitern und über sich hinauswachsen. Das gehört einfach zur menschlichen Natur.

Haben Sie einen Tipp für alle, die Ihre Träume wahr machen wollen?

Ja: Studiere das Richtige, arbeite Hart und Akzeptiere nie ein “Nein” als Antwort. So wie wir damals: Präsident Kennedy hat 1961 angekündigt, dass die Amerikaner auf dem Mond landen.

Das war damals undenkbar und eigentlich hatte keiner Ahnung, wie wir das machen sollten. Doch wir haben es einfach gemacht und uns über die Grenzen hinweggesetzt.


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