Die Lüge der digitalen Bildung - Teil 6: Schwächt Mediennutzung das Selbstbewusstsein?



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Wer ein kleines Kind in die Badewanne steckt, kann leicht bestätigen: Es wird vergnügt auf das Wasser einschlagen, mal mit seiner Quietscheente, mal mit der flachen Hand. Die Spritzwirkungen fallen sehr unterschiedlich aus, und das Kind entdeckt auf diese Weise, wie sich Wasser zum Spielen nutzen lässt.

Die Lüge der digitalen Bildung - Teil 6: Schwächt Mediennutzung das Selbstbewusstsein? selbstbewusstsein


Hier schreibt für Sie: Prof. Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mannheim und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing e. V. Profil


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Kinder reagieren auf Reize der Umgebung

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Das Kind reagiert unmittelbar auf Reize der Umgebung – weit entfernt davon, zu seinen Erfahrungen abstrakte Begriffe zu bilden. Nun stellen wir uns ein kleines Kind vor einem Tablet vor, auf dem es Teletubbies schaut.

Wir können eine erste Beobachtung machen, völlig unabhängig vom Inhalt: Das Geschehen auf dem Bildschirm läuft nur zweidimensional ab, kann also keinen realen Eindruck der Welt vermitteln. Außerdem sind die Inhalte aus dem Kontext gerissen, das bedeutet, sie stehen in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Umwelt des Kindes. Oder bewegt es sich im normalen Leben durch die bunte Hasenlandschaft der Teletubbies? Eher nicht ...

So wichtig sind ist die Sinneserfahrung

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Den entscheidenden Punkt nennt aber Prof. Ernst Schuberth, der Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik studiert hat. Er wurde 1974 Professor an der Pädagogischen Hochschule (Universität Bielefeld), 1978 war er Mitgründer der Akademie für Waldorfpädagogik in Mannheim. Schuberth betont, "dass für das Kind die Sinneserfahrung in den ersten Jahren eine Hauptrolle spielt, und zwar für die Entwicklung von Gehirn und Seele." Was auf dem Bildschirm erscheint, sei niemals "die Sache selbst", sondern nur ein Surrogat der Realität.

Welche Konsequenzen hat das für ein Kind? Der Mathematiker erklärt das mit einem einfachen Vergleich: Wer ein Eiscafé besucht, dem gibt die Kellnerin eine Eiskarte – mit bunten Bildern aus dem Angebot, inklusive der Preise. "Wenn Sie in die Karte mit den Bildern reinbeißen", so Schuberth, "werden Sie nicht das Geschmackserlebnis und alle anderen Wahrnehmungen haben, die sich einstellen, wenn Sie einen echten Eisbecher probieren."


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Die Banane auf dem Bildschirm

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Der reale Cup Denmark bewirke im Gehirn viel mehr als das reine Betrachten einer Eiskarte. So sei das mit allen Sinneswahrnehmungen. Ironisch schlägt er vor:

"Beißen Sie einmal in eine Banane, die auf dem Bildschirm gezeigt wird – und schulen Sie dabei Ihren Geschmackssinn. Das hält das iPad nicht lange aus."

Das große Thema ist der Wirklichkeitsbezug: Das Kind forme in den ersten Jahren die Fähigkeit aus, Sinneswahrnehmungen wirklich aufzunehmen, so Schuberth. Es gehe um "den Klang einer Stimme; wie sich ein Mensch fühlt, der gerade spricht; um eine bestimmte Musik oder den Geschmack des Essens".

Der erste Schritt zum Selbstbewusstsein

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Dadurch differenziere sich die gesamte Sinnesorganisation aus, so der Mathematiker. Genau das meinte Piaget, als er die sensomotorische Phase kleiner Kinder beschrieben hat. Auch Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther schildern plastisch, worauf es in dieser Phase des Lebens ankommt:

"Der Mensch [bewegt sich] zunächst entlang sinnlicher Spuren – da wird alles gerochen, geschmeckt, in den Mund gesteckt, beäugt und befühlt, ja der ganze Körper kommt zum Einsatz, und wie! Es wird gerobbt, geklettert, gesprungen, gehopst, gepurzelt und auf Zehnspitzen gestanden, jeder Muskel wird gestreckt, gewalkt, geübt, und dabei dieser wunderbare Körpersinn aufgebaut, der unsere Hände, Arme und Beine regelrecht Wurzeln schlagen lässt in der Umwelt."

Ihr Resümee: Dieses "nach und nach entstehende sinnliche Be- wusstsein" sei der erste Schritt zu "unserem Selbstbewusstsein": "Der Besitz unserer Sinne macht uns unser selbst bewusst", so Renz-Polster und Hüther.

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