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Interview mit Ulrich Heide, Vorstand der Deutschen AIDS-Stiftung: „Spendenakquise über digitale Medien ist ernüchternd“


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Ulrich Heide ist seit 1996 Geschäftsführender Vorstand der Deutschen AIDS-Stiftung. Im Interview erzählt er, warum Crowdfunding und Internetkampagnen für die Deutsche AIDS-Stiftung bislang weit weniger Bedeutung haben als Offline-Aktivitäten.

Ulrich Heide, geboren 1953 in Bad Pyrmont, war seit August 1987 Geschäftsführer der Deutschen AIDS-Stiftung „Positiv leben“ und später hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender dieser Stiftung. Er studierte in Bonn und Köln Erziehungswissenschaften, Geschichte und Evangelische Religionslehre. Das Studium schloss er 1979 mit dem Staatsexamen für das Lehramt ab, 1983 promovierte er an der Universität Bonn zum Doktor der Erziehungswissenschaften. Ulrich Heide arbeitete nach seinem Studium zunächst im Bereich der Kirche und frei als Medienpädagoge. 1982 bis 1986 war er als Referatsleiter für audiovisuelle Medien in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter anderem für die Filmproduktion der Behörde zuständig. Vom Mai 1986 bis zum August 1987 war Ulrich Heide Geschäftsführer des Landesverbandes der Grünen in Nordrhein-Westfalen.


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Wie genau sieht das Tätigkeitsfeld der Deutschen AIDS-Stiftung aus?

Die Deutsche AIDS-Stiftung hilft Menschen mit HIV und AIDS in Notsituationen durch finanzielle Hilfen, die sich in der Mehrzahl auf den Erhalt und die Ausstattung/Einrichtung der Wohnung beziehen. Medizinische Hilfsmittel, wie Brillen, Hörgeräte und Zahnersatz stellen den zweitwichtigsten Bereich dieser Hilfsleistungen dar. Daneben fördert die Stiftung Projekte von und für Menschen mit HIV und AIDS. Das Spektrum reicht hier von der Förderung auf Beratung und Kommunikation angelegter Treffpunkte (Frühstücksangebote in AIDS-Hilfen oder Gesundheitsämtern) bis hin zu Wohnprojekten für Menschen, die einer intensiveren Unterstützung bedürfen.

Seit ca. 15 Jahren fördert die Stiftung darüber hinaus ausgewählte Hilfsprojekte im südlichen Afrika, der am stärksten von HIV und AIDS betroffenen Regionen der Welt. Einen Schwerpunkt dabei bildet das DREAM-Programm in Mosambik, in dem die von uns geförderten Gesundheitszentren insbesondere die Weitergabe des Virus von HIV-infizierten Schwangeren auf ihre Babys zu verhindern suchen. Daneben hat die Stiftung von Beginn an im In- und Ausland versucht, durch ihre Öffentlichkeitsarbeit die Akzeptanz und Integration von Menschen mit HIV und AIDS zu fördern und ihre Ausgrenzung und Diskriminierung zu verhindern.

Aus welchen Quellen kommen Ihre Spendeneinnahmen und wie setzen sich diese prozentual zusammen?

Für Stiftungen in Deutschland finanziert sich die Deutsche AIDS-Stiftung sicher vergleichsweise untypisch. Der Anteil der Erträge aus dem Stiftungskapital, der beim Durchschnitt der Stiftung ca. 50 % der Gesamteinnahmen ausmacht, liegt bei uns bei lediglich ca. 20 %.

Ebenfalls untypisch niedrig ist der Anteil der Öffentlichen Hand an unserer Finanzierung. Er liegt bei lediglich ca. 1 %, im Durchschnitt der Deutschen AIDS-Stiftung bei gut 10 %. Deutlich überproportional sind hingegen die Einnahmen aus Spenden und Benefizprojekten. Sie machen ca. zwei Drittel unserer Gesamteinnahmen aus und entscheiden somit über die Leistungsfähigkeit der Stiftung.

Wie gewinnen Sie Spender?

Bei der Auswertung unserer Mailingergebnisse können wir feststellen, dass viele unserer Spender über einen sehr langen Zeitraum die Stiftungsarbeit unterstützen. Etliche Spender helfen uns seit den ersten Jahren nach der Gründung 1987 oder seit den frühen 90er Jahren. Diese Spender haben sich offensichtlich sehr bewusst für die Hilfe zu Gunsten einer Organisation zum Thema HIV und AIDS entschieden.

Dabei dürfte neben der Hilfe für Menschen in Not der gesellschaftspolitische Aspekt rund um HIV und AIDS eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Bei HIV und AIDS ging es immer auch um Menschenrechte. Die Mehrzahl der Spender, die wir in den zurückliegenden Jahren gewinnen konnten, haben wir über die Qualität unserer großen Fundraisingprojekte, also insbesondere der Operngalas und der Kunstauktionen ansprechen und gewinnen können.

Ein Charity-Event wie die jährliche Gala, die die Deutsche AIDS-Stiftung im Opernhaus Düsseldorf veranstaltet, hat zuletzt einen Reinerlös von 160.000 € erzielt. Dem steht ein immenser organisatorischer Aufwand gegenüber. Lohntsich dieser Aufwand?

Bislang lässt sich die Frage aus unserer Sicht eindeutig mit ja beantworten. Die Deutsche AIDS-Stiftung erzielt ihre freien Einnahmen in weit höherem Maße im Zusammenhang mit Benefizprojekten wie den Galas als durch Mailings oder Spenden aus Unternehmen und Verbänden. Daneben bieten öffentlich wahrgenommene Veranstaltungen wie die Operngalas oder die Kunstauktionen immer wieder Gelegenheit, das Thema HIV und AIDS in die Medien und damit in die Öffentlichkeit zu tragen.

In den letzten beiden Jahren wird dies grundsätzlich immer schwieriger, da HIV und AIDS in aller Regel kaum noch zu den wichtigen Problemen dieses Landes gezählt werden, obwohl durch die bessere Behandelbarkeit der Infektion immer mehr Menschen mit HIV in unserem Landes leben. Zurzeit ca. 83.000.

Darüber hinaus sind die Erfahrungen in der Spendenakquisition über digitale Medien – nicht nur bei der Deutschen AIDS-Stiftung – bislang eher ernüchternd. Der Anteil von Onlinespenden an unseren Gesamteinnahmen beläuft sich im Promillebereich, obwohl die Stiftung durchaus in regelmäßige Relaunchs ihres Internetauftritts und in soziale Medien investiert.

Sind für Sie eher traditionelle Methoden, etwa solche Charity-Events, wichtig oder die Möglichkeit des Internets?

Wie bereits bei der vorherigen Frage ausgeführt, sind aktuell für uns traditionelle Methoden des Fundraisings – und damit meine ich nicht nur Events, sondern auch klassische Mailings – bislang wesentlich wichtiger als Einnahmen über das Internet. Dies gilt zumindest bislang sehr deutlich für die Spendenakquise.

Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Präsenz im Internet und den sozialen Netzwerken nötig ist, um jüngere Menschen zu erreichen. Diese sind bekanntermaßen aktuell nicht die wichtigen Spendergruppen. Für Botschaften zur Achtsamkeit und zur Prävention in Bezug auf HIV-Infektionen sehen wir hier aber natürlich einen Zwang zur Präsenz. So haben wir im vergangenen Herbst in Kooperation mit der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln den einzigen aktuellen Präventionsspot produziert und zum Welt-AIDS-Tag sehr breit durch die Unterstützung verschiedenster Fernsehanstalten streuen können.

Wie stark nutzten Sie das Internet, um z.B. durch Online-Ticketverkäufe oder Social Media Tools, solche Events vorzubereiten und die Teilnehmer zu erreichen?

Das Internet und Social Media nutzen wir Zurzeit vor allem, um über unsere Arbeit zu informieren und um jüngere Zielgruppen mit unseren Themen und mit Präventionsbotschaften zu erreichen. Selbstverständlich bewerben wir auch unsere Events über diese Wege, haben aber nicht den Eindruck, dass wir damit die für uns relevanten Zielgruppen erreichen.

Gerade die hochpreisigen und mit Dinner oder Empfang verbundenen Tickets unserer Events werden bislang primär über traditionelle Kanäle nachgefragt. Der Onlineticketverkauf hat in den letzten Jahren zwar deutlich zugenommen, allerdings nur für die Tickets im unteren und mittleren Preissegment. Dies entspricht dem Kaufverhalten bei normalen Konzert- und Opernbesuchen. Die höherpreisigen Karten, die exklusivere Angebote enthalten, werden auf diesem Wege so gut wie nicht nachgefragt.

Crowdfunding wird in den letzten Jahren verstärkt als neue Finanzierungsform für Kunst- und Kulturprojekte, aber auch für soziale Projekte diskutiert. Sehen Sie hier Möglichkeiten für Ihre Stiftung?

In der Theorie ja, in der Praxis bislang kaum. Die aus unserer Sicht zu geringe öffentliche Aufmerksamkeit beim Thema HIV und AIDS erschwert es sicherlich, zu diesem Thema erfolgreiche Crowdfundinginitiativen zu realisieren. Ungerechtfertigte Dramatisierungen oder Skandalisierungen, die kurzfristig Aufmerksamkeit schaffen könnten, halten wir aber auch nicht für einen mittel- oder langfristig tragbaren Weg.

Wie genau werden die Spendengelder eingesetzt?

Die direkte finanzielle Hilfe spielt für einzelne von HIV und AIDS betroffene Menschen eine maßgebliche Rolle. Die Unterstützung von Projekten von und für diese Gruppe ist ebenfalls nach wie vor wichtig. Das Spektrum der Hilfsleistungen reicht hier von Präventionsangeboten, wie Informationsständen in Innenstädten, über Kommunikationsangebote für Menschen mit HIV und AIDS, insbesondere für Familien und alleinerziehende Frauen und ihre Kinder, bis hin zu Wohnprojekten für besonders unterstützungsbedürftige Menschen mit HIV und AIDS.

Darüber hinaus unterstützen wir seit gut 15 Jahren beispielhafte Projekte im südlichen Afrika. Einen Schwerpunkt sehen wir seit nahezu 10 Jahren in der Finanzierung des DREAM-Programms in Mosambik. In diesem Programm werden ca. 40.000 Menschen mit HIV und AIDS mit antiretroviralen Medikamenten behandelt und erhalten so eine neue Lebensperspektive. Die Deutsche AIDS-Stiftung konzentriert sich auf die Förderung von 3 Behandlungszentren in Maputo, Matola und Beira, die ihren Schwerpunkt auch in der Verhinderung der Virusübertragung von HIV-infizierten Schwangeren auf ihre Kinder sehen. Dabei ist dieses Programm außerordentlich erfolgreich. In den zurückliegenden Jahren sind weniger als 2 % der im Programm geborenen Kinder mit einer HIV-Infektion zur Welt gekommen, im vergangenen Jahr weniger als 1 %.

Inwieweit kann Ihre Stiftung die AIDS-Forschung tatsächlich beeinflussen?

Medizinische und naturwissenschaftliche Forschung erfordert in aller Regel Finanzmittel, die wir auch nicht ansatzweise zur Verfügung stellen können. Außerdem sehen wir hier vor allem die pharmazeutische Industrie – die in den zurückliegenden 25 Jahren enorme Fortschritte erzielt hat – sowie staatlich finanzierte Forschungseinrichtungen in der Pflicht.

Aktuell bemühen wir uns aber beispielsweise durch einen sehr überschaubaren finanziellen Zuschuss, die Koordination zwischen deutschen Wissenschaftlern zu fördern, die an der Entwicklung von HIV-Impfstoffen arbeiten. Gleichzeitig glauben wir, dass unsere Öffentlichkeitsarbeit und unsere Kontakte zu Medien und Politik helfen können, die Notwendigkeit einer intensiveren Förderung dieses Bereiches zu vermitteln.

Open Science bietet heute die Möglichkeit, Forschungsergebnisse offen und transparent zu dokumentieren, die Verbreitung von Wissen zu beschleunigen und schneller neue Techniken und Verfahren zu entwickeln. Nutzt Ihre Stiftung die Möglichkeiten von Open Science bei der Umsetzung von Forschungsprojekten?

Die Stiftung selbst forscht nicht. Eigene Forschungsergebnisse können somit auch nicht durch die Möglichkeiten von Open Science verbreitet werden. Bei der bereits angesprochenen Unterstützung der Entwicklung von Kooperationsplattformen wird sich die Frage neu stellen.

Hier dürfte es aber vor allem entscheidend sein, ob es gelingt, Forscher von der Notwendigkeit einer offenen und vertrauensvollen Kooperation zu überzeugen. Dies würde viele der bisherigen traditionellen Verfahrensweisen an Lehrstühlen und wenn man so will im akademischen Elfenbeinturm in Frage stellen. Zu einer solchen Entwicklung wird die Stiftung günstigstenfalls beitragen können.

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