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Text stammt aus dem Buch: “Die Sigergene. Talent, Übung und die Wahrheit über außergewöhnlichen Erfolg” (2020) und Es lebe der Generalist!: Warum gerade sie in einer spezialisierten Welt erfolgreicher sind” (2020) , erschienen bei Münchener Verlagsgruppe (MVG), Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Hier schreibt für Sie:

David Epstein ist Journalist bei ProPublica.Er ist Autor von 2 Büchern, nämlich “Range: Why Generalists Triumph in a Specialized World (2019)”,  “The Sports Gene: Inside the Science of Extraordinary Athletic Performance (2013)” beides Bestseller der New York Times. Vor ProPublica war Epstein als leitender Autor bei Sports Illustrated tätig, wo er sich auf wissenschaftliche Themen im Sport und investigative Berichterstattung spezialisierte.

Erfolg Talent Potenzial: Die Stunde der Sieger

Wie entstehen außergewöhnliche Leistunge? Und welche Fähigkeiten machen echte Sieger und Gewinner aus? Der Sport ist ein gutes Beispiel.

Ist die Fähigkeit zu siegen angeboren?

Im College hatte ich die Gelegenheit, gegen Kenianer anzutreten, und fragte mich, ob Ausdauergene die Reise aus Ostafrika mitgemacht hatten. Gleichzeitig fiel mir
auf, dass sich fünf Teamkameraden, die Tag für Tag, Schritt für Schritt
miteinander trainierten, dennoch zu fünf völlig verschiedenen Läufern
entwickelten. Wie konnte das sein?

Nach dem Ende meiner College-Läuferkarriere studierte ich Naturwissenschaften und schrieb später für die Sports Illustrated. Eine Recherche führte mich jenseits des Äquators und des
Polarkreises und brachten mich in Kontakt mit Weltmeistern und
Olympiasiegern, aber auch mit Tieren und Menschen, deren seltene
Genmutationen oder außergewöhnliche körperliche Eigenschaften
einen drastischen Einfluss auf die körperliche Leistung haben. Unterwegs erfuhr ich, dass Charaktereigenschaften wie beispielsweise die Trainingsmotivation, die ich für eine Frage des Willens hielt, tatsächlich in großem Maße genetisch bestimmt sind, während andere vermeintlich
angeborene Eigenschaften wie die blitzschnelle Reaktionsfähigkeit eines
Baseball- oder Cricket-Schlagmanns womöglich gar nicht erblich
bedingt sind.

Wie man Können ohne Gene erklärt

Beginnen wir doch gleich einmal mit einem Beispiel dazu. Das American-League-Team lag weit zurück, und für das NationalLeague-Team trat gerade Schlagmann Mike Piazza an. Also holte
man die Geheimwaffe aufs Feld.
Jennie Finch schlenderte an einer Phalanx der weltbesten Batter vorbei auf das sonnenbeschienene Infield. Ihr flachsfarbenes Haar strahlte
im klaren Wüstenlicht. Seit vierundzwanzig Jahren war das Pepsi
All-Star-Softballspiel ein Ereignis, an dem nur Baseballspieler der Major
League teilnahmen. Die Menge brummte vor Aufregung, als die 1,85
Meter große Spitzenpitcherin der Softball-Nationalmannschaft den Pitcher-Hügel erreichte und ihre Finger um den Ball legte.

Es war ein milder Tag im kalifornischen Cathedral City; 21 Grad
warme Luft füllte die hiesige Nachbildung des Wrigley Field der Chicago Cubs, einer der uramerikanischen Sportkathedralen. Die Replik in
Dreiviertel der Originalgröße glich dem Original bis hin zu den mit
Efeu bedeckten Mauern. Sogar die geziegelten Wohnhäuser der Chicagoer Nachbarschaft waren dort in der Wüste am Fuße der Santa Rosa
Mountains präsent, auf beinahe lebensgroß ausgedruckten Originalfotos.
Finch, die in wenigen Monaten bei den Olympischen Spielen 2004
eine Goldmedaille gewinnen sollte, war ursprünglich nur als Mitglied
des Trainerstabs der American League eingeladen worden.

Die Baseball-Geheimwaffe

Das änderte sich, als die Stars der American League im fünften Inning mit 9:1 in
Rückstand gerieten. Kaum war Finch auf dem Mound angekommen, machten es sich die
Defensivspieler hinter ihr gemütlich. Der Yankees-Infielder Aaron
Boone zog seinen Handschuh aus und legte sich hin, wobei er die zweite
Base als Kissen benutzte. Hank Blalock von den Texas Rangers nutzte
die Gelegenheit für ein Schlückchen Wasser. Immerhin hatten sie Finch
während des Schlagtrainings pitchen gesehen.

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Im Rahmen der Feierlichkeiten vor dem Spiel hatte eine Reihe von
Major-League-Stars ihre Fähigkeiten gegen Finchs Unterhandgranaten
getestet. Finchs Würfe kommen aus einer Entfernung von 13 Metern
und erreichen Geschwindigkeiten von annähernd 110 km/h. So benötigt der Ball ungefähr die gleiche Zeit bis zur Home Plate wie ein
150 km/h schneller Fastball vom 18 Meter entfernten regulären PitcherHügel. Ein solcher Fastball ist zwar schnell, aber für Profi-Baseballer
auch Routine. Zudem ist ein Softball größer und sollte daher leichter zu
treffen sein.

Menschen mit ungeahnten Fähigkeiten

Trotzdem ließ Finch die Bälle mit jedem Windmühlenschwung ihres
Armes an den verdutzten Männern vorbeisausen. Als Albert Pujols, der
größte Batter einer ganzen Generation, beim Aufwärmtraining Finch
gegenübertrat, drängten sich die anderen Starspieler gaffend um ihn
herum. Nervös richtete Finch ihren Pferdeschwanz. Ein breites Lächeln
huschte über ihr Gesicht. Freude durchströmte sie, aber auch die Sorge,
dass Pujols ihren Wurf mit einem Line Drive erwidern könnte. Über
seiner breiten Brust baumelte eine silberne Kette, seine Unterarme
waren so breit wie der Kopf des Schlägers. »Na dann«, sagte Pujols leise
und signalisierte damit seine Bereitschaft. Finch schwankte erst nach
hinten, dann nach vorne und peitschte dabei den Wurfarm in weitem
Bogen. Zunächst feuerte sie einen hohen Pitch ab. Bei dem Anblick
taumelte Pujols erschrocken zurück. Finch kicherte.

Sie ließ einen weiteren Fastball folgen, der diesmal hoch und innenseitig ankam. Pujols wirbelte defensiv herum und drehte den Kopf weg. Hinter ihm lachten seine Kollegen laut auf. Pujols trat aus seiner Position heraus, fasste sich und nahm seinen Platz wieder ein. Er scharrte mit den Füßen, bis er sicher stand, und starrte Finch an. Der nächste Pitch ging ab durch die Mitte. Pujols wirbelte ihm einen mächtigen Schwung entgegen, aber der Ball segelte am Schläger vorbei und die
Zuschauer johlten. Der nächste Wurf war weit außen und Pujols ließ
ihn vorbeifliegen. Mit dem darauffolgenden erzielte Finch wieder einen
Strike, während Pujols nur leere Luft traf. Für den verbleibenden Pitch
rückte Pujols ganz nach hinten in die Batter’s Box und duckte sich tief.
Finch schwang erst nach hinten, dann nach vorne und feuerte. Pujols
schlug weit daneben. Er wandte sich ab und ging zu seinen kichernden
Kameraden. Dann blieb er verwirrt stehen. Pujols wandte sich wieder
Finch zu, zog vor ihr die Mütze und setzte seinen Weg fort. »So etwas
will ich nie wieder erleben«, schwor er später.

Die Abwehrspieler hinter Finch hatten also gute Gründe, es sich auf
dem Spielfeld bequem zu machen, sobald sie ins Spiel kam: Sie wussten,
dass es keine Hits geben würde. Und wie beim Aufwärmtraining
bezwang Finch die beiden Batter, gegen die sie antrat. Piazza schwang
an drei schnurgeraden Würfen vorbei. Brian Giles, ein Outfielder der
San Diego Padres, verfehlte den dritten Strike so sehr, dass ihn sein
Schwung in eine Pirouette zog. Anschließend beschränkte sich Finch
wieder auf ihre Rolle als Ehrencoach. Aber dies sollte nicht das letzte
Mal sein, dass sie Major Leaguer demütigte.

Besser als die Besten

In den Jahren 2004 und 2005 trat Finch regelmäßig in einer Baseballsendung beim Fernsehsender Fox auf. In den Einspielern reiste sie
zu den Trainingslagern der Major League und ließ die besten Baseballer
der Welt wie Stümper aussehen.
»Die Mädels treffen solche Bälle?«, staunte Mike Cameron, Outfielder der Seattle Mariners, nachdem er einen Pitch um eine gute Handbreit verfehlt hatte. Nachdem der siebenfach als bester Spieler ausgezeichnete Barry Bonds Finch beim All-Star-Spiel der Major League
gesehen hatte, drängte er sich durch die Reporter, um sie in einen Trashtalk zu verwickeln.

»Also, Barry, wann krieg ich’s endlich mit dem Besten zu tun?«,
fragte Finch. »Wann du willst«, antwortete Bonds zuversichtlich. »Du hast dich
mit den ganzen Zwergen abgegeben … Jetzt musst du dich mal dem
Besten stellen. Du siehst gut aus und hast es drauf, da kannst du doch
keinen Mann abweisen, der auch gut aussieht und es drauf hat«, sagte
Bonds, um sie gleichzeitig anzubaggern und einzuschüchtern. Dann riet
er ihr noch, ein Schutznetz mitzubringen, falls sie sich an ihn herantraute, denn »das wirst du brauchen … Ich treffe nämlich«. »An meinen Ball ist bisher nur einer rangekommen«, erwiderte
Finch. »Rangekommen?«, fragte Bonds lachend. »Wenn der Ball über die
Plate kommt, dann komm ich ran, das kannst du mal glauben. Dann
komm ich ran, aber wie.«
»Meine Leute melden sich bei deinen Leuten und dann machen wir
was aus«, sagte Finch.
»Oh, das ist schon ausgemacht! Ruf einfach mich an, Mädchen«,
sagte Bonds. »Ich nehme Herausforderungen gerne persönlich an …
Wir senden das Ganze, im nationalen Fernsehen. Ich will, dass die Welt
zusieht, dass alle es sehen.«

Nur Mädchenbälle?

Also reiste Finch zu einem Treffen mit Bonds – diesmal ohne Fans
und Reporter –, und sein spöttischer Ton verging ihm schnell. Bonds
sah Pitch um Pitch vorbeisausen und bestand darauf, dass die Kameras
ihn nicht aufnahmen. Finch schoss einen Pitch nach dem anderen an
Bonds vorbei und seine anwesenden Teamkameraden deklarierten sie
sämtlich als Strikes.
»Der gilt aber als Ball!«, quengelte Bonds, worauf einer seiner Kameraden antwortete: »Barry, hier sind zwölf Schiedsrichter.« Bonds ließ
Dutzende von Strikes an sich vorbeiziehen, ohne auch nur den Schläger
zu schwingen. Erst als Finch ihm ankündigte, wie sie den Ball werfen
würde, erwischte er einen läppischen Foul Ball, der ein paar Meter weit
rollte und liegenblieb.

Bonds flehte Finch an: »Mach weiter, wirf noch
einen.« Sie tat es – und schmiss an ihm vorbei.
Als Finch in der Folge auf Alex Rodriguez traf, den amtierenden
Spieler der Saison, schaute Rodriguez ihr über die Schulter, während sie
sich mit einem Catcher aus seinem Team aufwärmte.  Der Catcher vermasselte drei der ersten fünf Würfe. Als Rodriguez das sah, weigerte er
sich zu Finchs Enttäuschung schlichtweg, die Batter’s Box zu betreten.
Er beugte sich zu ihr und raunte ihr zu: »Mich macht man nicht zum
Affen.«

Das Geheimnis des Erfolgs: Die Reaktionszeit ist es nicht

Seit vier Jahrzehnten versuchen sich Wissenschaftler ein Bild davon zu
machen, wie Spitzensportler schnelle Objekte treffen können.
Eine intuitive Erklärung wäre, dass die Albert Pujolses und Roger
Federers der Welt genetisch mit schnelleren Reflexen gesegnet sind und
daher mehr Zeit haben, um auf den Ball zu reagieren. Allerdings stimmt
das nicht.

Testet man Menschen auf ihre »einfache Reaktionszeit« – wie schnell
sie auf ein Lichtsignal hin einen Knopf drücken können –, brauchen die
meisten von ihnen, egal ob Lehrer, Anwalt oder Profisportler, ungefähr
200 Millisekunden oder eine fünftel Sekunde. Eine fünftel Sekunde
entspricht in etwa der Mindestzeit, die eine Information braucht, um
von der Netzhaut an der Rückwand des menschlichen Auges über zahlreiche Synapsen – den Lücken zwischen Nervenzellen, deren Querung
jeweils einige Millisekunden dauert – zum primären visuellen Kortex im
hinteren Teil des Gehirns zu gelangen und vom Gehirn aus als Signal ins
Rückenmark übermittelt zu werden, von wo aus die Muskeln in Bewegung gesetzt werden. All dies geschieht so schnell wie ein Blinzeln. (Bei
blendendem Licht dauert es schon 150 Millisekunden, bis die Augen
zugekniffen werden.)

Aber so schnell eine Reaktionszeit von 200 Millisekunden auch ist, angesichts von 160-km/h-Würfen und 200-km/h-Tennis-Aufschlägen ist das viel zu langsam.
Allein in den 75 Millisekunden, die die Sinneszellen in der Netzhaut
benötigen, um einen Baseball im Sichtfeld wahrzunehmen und seine
Flugbahn und Geschwindigkeit für die Weiterleitung ans Gehirn zu
bestimmen, legt ein typischer Fastball im Profibaseball rund drei Meter
zurück.

Wenn der Blick in die Kristallkugel verwehrt ist

Der gesamte Flug des Baseballs von der Hand des Pitchers bis zur
Plate dauert nur 400 Millisekunden. Und weil allein die Hälfte dieser
Zeit für das Auslösen der Muskelaktion gebraucht wird, muss ein Batter in der Major League schon kurz, nachdem der Ball die Hand des Pitchers verlassen hat und lange bevor er überhaupt auf halbem Weg zur Plate ist, entscheiden, wohin der Schläger zu schwingen ist. Das Zeitfenster, in dem der Ball in Reichweite des Schlägers ist und überhaupt
getroffen werden kann, misst 5 Millisekunden, und weil sich der Winkel, aus dem der Batter den Ball sieht, in Nähe der Plate so schnell
ändert, ist der Ratschlag, den Ball im Auge zu behalten (keep your eye on
the ball) buchstäblich unmöglich zu befolgen.

Das Sehorgan des Menschen ist einfach nicht schnell genug ist, um den Ball in seiner ganzen
Bahn zu verfolgen. Ein Batter könnte daher genauso gut die Augen
schließen, wenn der Ball auf halbem Weg zur Homeplate ist. Angesichts
der Wurfgeschwindigkeit und unserer biologischen Grenzen ist es
eigentlich ein Wunder, dass überhaupt jemand irgendwelche Bälle trifft.
Dennoch erkennen und bewältigen Albert Pujols und seine
All-Star-Kollegen 160-Sachen-Fastballs und verdienen damit sogar ihre
Brötchen. Wieso verwandeln sie sich dann in Amateure, sobald sie mit
100 km/h lahmen Softballs konfrontiert werden? Der Grund ist, dass
man einen Ball mit derart hoher Geschwindigkeit nur treffen kann,
indem man in die Zukunft blickt, und wenn ein Baseball-Batter einer
Softball-Pitcherin gegenübersteht, ist ihm der Blick in seine Kristallkugel verwehrt.

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