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Instant-Befriedigung & Impulskontrolle – 2/2: Der hyperbolische Abschlag



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Jeder kennt die Problematik: Im Januar melden wir uns enthusiastisch und voll guter Vorsätze im Fitnesstudio an, Mitte des Jahres sieht es schon wieder anders aus. Spätestens wenn das Wetter besser und unser Bauch nicht in den Maße kleiner wird, in dem wir uns unsere neue Traumfigur, die Belohnung für all unsere Mühen auf Tretmühlen und Steppern, vorgestellt hatten, lässt die Begeisterung spürbar nach. Faulheit? Eher nicht!


Hier schreibt für Sie:

barbara-haag-portrait-2015-4c_berufebilder Barbara Haag Barbara Haag ist Managementtrainerin und Businesscoach.

Profil

Faulheit oder hyperbolischer Abschlag?

Die Onlineausgabe des amerikanischen Magazins The Atlantic berichtete Anfang dieses Jahres über das Phänomens der saisonal an- und abschwellenden Besucherströme in Fitnessstudios – und des Nachlassens an Begeisterung im Sommer.

„Sie würden dieses Verhalten vielleicht als ‘Faulheit’ bezeichnen. Wirtschaftsexperten bevorzugen den Begriff ‘hyperbolischer Abschlag’“, so Derek Thompson in The Atlantic.

Warum Süchtige süchtig bleiben und Regierungen nicht sparen können

Dahinter steckt die Theorie, dass der Mensch sich relativ leicht motivieren kann, wenn eine sofortige Gratifikation winkt, dafür aber Belohnungen in fernerer Zukunft als weniger reizvoll betrachtet.

„Der hyperbolische Abschlag hilft zu erklären, warum das Parlament es nicht schafft, Einsparungen zu beschließen, warum Drogensüchtige süchtig bleiben, warum Schuldner ihre Rechnungen nicht bezahlen, und warum wir uns immer einreden, dass der beste Tag für unser Sportprogramm ‘morgen’ ist“, so Thompson.

Abschlag statt Instant Gratification

Wenn wir also etwas nicht sofort haben können, haben wir das Gefühl, einen „Abschlag“ in Kauf nehmen zu müssen. Das gilt leider auch dann, wenn es um unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit geht, wie im Falle des Fitnessstudio-Besuchs.

Ist es denn aber so schlimm, wenn wir nicht warten wollen? Schließlich sind wir dem Kindesalter entwachsen und wissen vermeintlich selbst, was gut für uns ist. Unsere Lebensumstände erleichtern uns zudem meist die prompte Befriedigung unserer Bedürfnisse.

Befriedigung mit Suchtpotential

Und wenn wir unsere sofortige Gratifikation „hinter uns gebracht haben“, haben wir letztlich auch Zeit gespart und können uns somit produktiv anderen Dingen zuwenden. Oder?

Das Dumme an der schnellen Gratifikation ist unter anderem, dass wir uns sehr schnell an das Gefühl der Belohnung gewöhnen. Ähnlich wie beim Drogenkonsum müssen wir uns die nächste Dosis also noch früher verabreichen, und sie muss am besten noch höher ausfallen, um eine Wirkung zu erzielen.

Vorfreude ist wichtig zur Persönlichkeitsbildung

Und eigentlich wissen wir auch, dass der Moment der Erfüllung eines Wunsches meist weniger spektakulär ist als das Warten darauf. Bei der Suche nach sofortiger Gratifikation besteht also zudem die Gefahr, dass ein schales Gefühl zurückbleibt, wenn wir uns der Zeit der freudigen Erwartung berauben.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass Vorfreude wichtig für unser Wohlbefinden und sogar für die Persönlichkeitsbildung ist. Es leuchtet ein: Wer Vorfreude erleben darf, ist zufriedener und positiver eingestellt.

Erst die Arbeit, dann die Belohnung

Wem das Aufstehen leichter fällt, weil er etwas hat, worauf er sich freuen kann, geht lieber zur Arbeit und erledigt auch unliebsame Aufgaben mit mehr Enthusiasmus. Till Raether, Redakteur beim Zeit-Magazin, beschreibt die Funktion der Vorfreude so:

„Unser Gehirn ernährt sich geradezu von Vorfreude. Sie dient ihm dazu, allerhand positive Fähigkeiten auszubilden. (…) Möglicherweise trainieren wir durch unsere Fähigkeit, Vorfreude zu empfinden, die Belohnungsareale im Gehirn: Wer sich vorfreut, lernt, Freude insgesamt intensiver zu erleben. Es gibt Hirnforscher, die vermuten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Fähigkeit, Vorfreude zu empfinden, und einer allgemeinen Lebenszuversicht.“

Die Gier verhindert kluge Entscheidungen

Nicht zuletzt wissen wir alle, dass die „Jetzt sofort“-Gier uns in unserer Fähigkeit einschränkt, rationale und kluge Entscheidungen zu treffen. Im Eifer des Gefechts planen wir nicht für die Zukunft, sondern eigentlich überhaupt nicht.

Auf diese Weise entstehen Fehlentscheidungen, die uns manchmal teuer zu stehen kommen können.

Unser Wirtschafsystem basiert auf sofortiger Gratifikation

Sicher, ein beachtlicher Teil unseres Wirtschaftssystems basiert auf sofortiger Gratifikation. Gäbe es sie nicht, wäre mit Kreditkarten und Finanzierungsangeboten nicht viel Geld zu machen.

Vielleicht täten wir aber ab und zu gut daran, das Kind in uns ein bisschen warten zu lassen und der Vorfreude eine Chance zu geben. Sie kann uns lehren, klüger zu werden und uns selbst immer wieder zu motivieren. Und nicht zuletzt kann sie uns eine ganze Menge Spaß bringen.

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