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Meine Replik auf den Artikel zur Gründungsförderung in ZEIT ONLINE: Innovations-Bremse Deutschland


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ZEIT ONLINE hat am Freitag einen Beitrag zu Förderungen für Existenzgründer veröffentlicht. Der soll offenbar Gründern Mut machen, wenn Autor Hilmar Poganatz behauptet, dass schlechte Förderbedingungen in Deutschland ein Mythos sind. Das Problem: Der Mythos ist leider Realität, gerade für Kleinstgründer fließen Euros und Cents nur tröpfchenweise. Eine Replik!


Hier schreibt für Sie:

 

simone_janson Simone JansonSimone Janson spricht in der ARD, schreibt für DIE WELT & t3n, macht Berufebilder.de & HR-Kommunikation.

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Gleich unter der Überschrift steht in dem Artikel: „Nirgendwo haben es Firmengründer so schwer wie in Deutschland, so das Klischee. Die Realität sieht anders aus.“ Bislang 20 Kommentare hat der Artikel bei ZEIT ONLINE bekommen.

Die meisten davon schreiben, was ich beim des Artikels Lesen auch dachte: Das stimmt so einfach nicht. Zumindest nicht für alle Gründer. Denn gerade für Kleinstgründer in der Kreativindustrie fällt der Geldfluss in der Regel weitaus spärlicher aus. Auch weil keiner weiß, was die Kreativen da eigentlich tun. Differenzieren ist notwendig!

In mittelständischen Traditionsbranchen ist alles ok

Der Autor bemüht für seine These ein Beispiel aus dem Mittelstand: Die Berliner Firma 3S Antriebe, einen Spezialhersteller für automatisierte Armaturen in Wasser-, Gas- und Fernwärmenetzen. Die hat nach eigenen Angaben  die komplette deutsche Gründerförderung genossen. Schön.

Tatsache ist aber: 3S Antriebe ist auch genau die Art von Unternehmen, für die die Deutsch Gründerförderung gedacht ist. Drei Geschäftsführer, acht Mitarbeiter (man beachte das Verhältnis!), bodenständiger deutscher Bohnenkaffee, verkammert, kostengünstiges Darlehen über 80.000 Euro.

Gute Förderung nur in der Theorie

Dementsprechend darf in dem ZEIT-Artikel auch Marc Evers, Existenzgründerexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die Deutsche Förderlandschaft als einzigartig loben!

Aber: Dass es in Deutschland zahlreiche sogenannte Gründerprogramme und Fördermittel gibt, hat ja auch niemand bestritten. Der aktuelle Global Entrepreneurship Monitor, eine Studie, die jährlich die Gründungsbedingungen in 42 Ländern Weltweit untersucht, kommt zeigt:

Klischee und Wirklichkeit

Zwar bietet Deutschland eine sehr gute öffentliche Förderinfrastruktur, es stehen ausreichend Büro- und Gewerbeflächen sowie Verkehrs- und Kommunikationsmittel zur Verfügung, der Schutz des geistigen Eigentums durch Patente ist gewährleistet und Gründer können auf zahlreiche Beratungsangebote und Zulieferfirmen zugreifen.

Doch auf der anderen Seiten platziert die Weltbank die Bundesrepublik unter den 30 OECD-Industriestaaten auf Rang 24, wenn es um die Bedingungen für Start-ups geht. „Im internationalen Vergleich sind die Gründungszahlen in Deutschland weiterhin sehr klein“, wird Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Hannover, der im Frühjahr den deutschen Länderbericht zur GEM-Studie  vorstellt, von Poganatz zitiert.

Schlechte Rahmenbedingungen, miese Gründungskultur

Die Gründe dafür stehen übrigens auch in GEM-Studie – man muss sie nur finden: Denn Deutschland schneidet bei zahlreichen Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich deutlich schlechter ab als andere Länder:

Vor allem kritisieren die durch GEM befragten Experten die übermäßige Regulierungswut des Staates, die schlechte gründungsbezogene Ausbildung und schließlich die negative gesellschaftliche Haltung zur Gründung. Fast 50 Prozent der Deutschen haben einfach zu viel Angst, sich selbständig zu machen.

Intolerant, Sicherheitsfanatisch und 0-Fehler-Perfektionismus

Die Kommentatoren unter dem ZEIT ONLINE-Artikel haben das sehr schön zusammengefasst: Da ist von der fehlenden Toleranz gegenüber ungeraden Lebensläufen die Rede,von der falschen Prägung der Schüler, denen der sichere Beamtenstatus als Ideal vor die Nase gehalten wird, und von der gesellschaftlichen Ächtung gescheiterter Unternehmer.

Übrigens habe ich auch schon gehört, dass vorherige Selbständigkeit bei der Jobsuche tatsächlich ein Problem sein soll – man glaubt es kaum, man sollte denken, Unternehmer möchten Mitarbeiter, die selbst denken können….

Jedenfalls habe ich viele der hier nur angerissenenen Punkte bereits in meiner Artikel-Serie „Besser scheitern“ (bitte links die Artikel-Übersicht beachten) behandelt – von der Angst vor dem Scheitern über die fehlende Unternehmer-Ausbildung bis hin zum Insolvenzrecht.

Klein und innovativ? Pech gehabt!

Noch ein anderer Aspekt scheint mir wichtig: Unternehmer, das sind in Deutschland vor allem die großen Unternehmen, die mit schickem Büro und Sekretärin. Oder eben der Mittelstand, vorzugsweise aus dem traditionsreichen Handwerk.

Kleine, innovative Garagenfirmen schauen hingegen in die Röhre. Dabei haben Google und Facebook, die heute unbestritten zu den erfolgreichsten Unternehmen Weltweit gehören, ja auch mal so angefangen.

Lieber Imbissbude als Kreativ-Industrie

Carsten Förtsch von Deskmag, einem Magazin für neue Arbeitsräume, wird eher gefördert, was man schon kennt, hat das gestern sehr schön auf den Punkt gebracht: Auf der Cognitive Cities Conference im Berliner Betahaus hielt er einen Vortrag über die Coworking Bewegung. Gefragt, ob das Betahaus denn eine öffentliche Förderung in Anspruch genommen hätte, sagte er:

„In Deutschland fördert man lieber Imbissbuden als Unternehmen aus der Kreativindustrie – einfach, weil man eher schätzt, was man schon kennt. Wer hingegen eine ganz neue Idee hat, bekommt in der Regel keine Förderung. Dabei brauchen viele kleine Unternehmen gar nicht die großen Kredite, die viele Gründungsförderungen enthalten, sondern könnten mit 10.000 Euro schon viel bewegen. Genau in diesem Mikro-Bereich sieht es in Deutschland aber eher mau aus. Eine Förderung bekommt man eigentlich eher, wenn man schon erfolgreich ist – und sie nicht mehr braucht!“

Armutszeugnis für den IT-Standort Berlin

Das ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, die sich selbst als besonders hippen, innovativen IT-Standort präsentieren will. Und dieser Diskrepanz ist man sich offenbar bewusst, den auf Seiten der Förderer spricht man das nur hinter vorgehaltener Hand: Beispielsweise laviert sich Christoph Lang von der Berlin Partner GmbH im Interview geschickt um die Frage herum, welche Unternehmen man denn nun eigentlich genau fördert.

Inofiziell habe ich da von Mitarbeitern aber schon gehört, dass man vermutlich mit einer kleinen Förderung von 10.000 Euro mehr erreichen könnte, als mit großen Förderpojekten. Nur öffentlich eingestehen mag das eigentlich niemand.

Bitte Nachsitzen!

Das zeigt: Bei der Gründungsförderung ist sicher der Wunsch der Vater des Gedankens. In der Praxis muss man in Deutschland nochmal kräftig nachsitzen!

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