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Kinder-Erziehung auf chinesisch: Verkannte Mutterliebe


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Eine amerikanische Juraprofessorin chinesischer Herkunft schreibt über Kindererziehung. Und wird Weltweit mit heftiger Emotionalität diskutiert. Doch Amy Chuas Skandalbuch hat gute Ansätze. Wenn sie nur nicht so vehement den Hang zum Perfektionismus übersieht, den sie ihren Kindern anerzieht.

Monster als Mutter?

Nach allem was man in den Medien über sie gelesen hatte, muss diese Frau ein Monstrum sein: Eine Art Eislauf-Mama, die ihre Kinder erbamungslos tritzt, damit sie stets höchsleistungen bringen. Die auch vor harten Strafen und dem Einsperren ihrer Kinder nicht zurückschreckt.

Ich war also auf das Schlimmste gefasst, als ich mir dieses Buch bestellt habe. Und umso überraschter. Denn Chua präsentiert sich keinesfalls als die hartherzige Rabenmutter, die man ihr gerne in den Medien andichtet. Vielmehr als verletzlicher, selbstkritischer Mensch mit Ängsten, Unsicherheiten und Schwächen, der auch offen zu seinen Fehlern steht.

Masoschistische Mutterliebe

Und auch sonst ist Chua fast schon masoschistisch: Sie berichtet davon, dass es ihr egal sei, ob ihre Töchter sie liebten – Hauptsache den Kindern geht’s gut. Oder davon, wie sie allmählich von ihrem harten Kurs abweicht, weil sich die jüngere Tochter immer mehr widersetzt und sie diese mit Geschenken und anderem „Entgegenkommen“ bestechen muss.

Man kann mitunter fast schon Mitleid mit ihr haben.

Westliche Eltern: Verweichlicht und Bequem

Überhaupt geht für Chua das Wohl ihrer Kinder über alles – und dafür ist sie bereit, auch jedes (finanzielle) Opfer zu erbringen. Man kann darüber streiten, ob sie deswegen den westlichen Erziehungsstil als bequem abtun kann.

Bequem deshalb, weil eine Mutter, die ihren Kindern alle Freiheiten lässt, mit der Erziehung ihr Kinder (angeblich) gar keine Mühe hat, während Mütter wie Chua sich selbst ständig aufreiben.

Wer ist das Opfer?

Man kann darüber streiten, ob sie sich selbst derart als Opfer stilisieren darf oder ob nicht doch die Kinder das Opfer sind – obwohl Chua nicht müde wird, zu betonen, welche starke, selbstbewusste Frauen ihre Töchter mittlerweile sind.

Und man kann darüber streiten, ob Chuas Credo, nach dem nur Erfolg glücklich macht, nicht doch angezweifelt werden darf. Denn nur wenn man dem Bedingungslos folgt, hat dieser rein auf Erfolg ausgerichtet Erziehungsstil auch seine Berechtigung.

So entsteht Perfektionismus!

Denn Chuas Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Hang, immer alles perfekt machen zu wollen, entstehen kann: Nämlich eine Erziehung, in der man nur für absolute Spitzenleistungen gelobt wird und in der Kinder schon für eine -1 in der Schule getadelt werden.

Ihre Idee dabei ist, dass ihre Töchter nur selbstbewusste, starke Menschen sind, wenn sie stets zu den Besten gehören. Und dafür ist eben Fleiß, Fleiß und noch mehr Fleiß wichtig. Nun ist natürlich der Wunsch, etwas besonders gut zu machen, in uns allen verankert: Er kann ein Ansporn sein, auch wirklich hervorragende Leistungen zu bringen. Und das kann auch klappen.

Man kann nicht immer Gewinnen

Doch das Problem ist: Man kann nicht immer gewinnen. Und genau diese Möglichkeit kommt bei Chua schlicht nicht vor. Und wie schlecht auch ihre Töchter darauf vorbereitet sind, zeigt sich an einer Stelle im Buch, an der der jüngeren Tochter die Aufnahme an einer bekannten Musikschule verweigert wird.

Die reagiert nämlich dann mit einer typischen Überreaktion, schmeißt hin – und fängt etwas anderes an. Die optimale Lösung ist dann, sich wieder hochzurappeln und weiter zu machen. Wer im Hamsterrad einer festgefahrenen Zielsetzung steckte, hat es schwer, sich derart logisch zu Verhalten. Ein klares defizit von Chuas Erziehungsstil.

Liebe nur bei Leistung?

Und es gibt noch eines: Die Kinder lernen ja auf diese Weise früh, dass die Mutter bzw. andere Menschen nur zufrieden sind, wenn alles 100%ig ist und sie lernen dementsprechend, auch immer diese Höchstleistungen zu bringen – und dann eben nicht nur für die Mutter sondern dann auch in der Schule oder im Job.

Sie sagen sich dann „Wenn ich alles richtig toll & perfekt mache, bekomme ich Anerkennung, also Liebe vom Chef und von den Kollegen. Nur dann bin ich etwas wert!“ Oder: „Wenn ich toll aussehe, liebt mich der Mann mehr!“ Wie gesagt, das kann funktionieren, so lange es klappt. Problematisch wird es aber, wenn der Erfolg ausbleibt: Dann wird daraus ganz schnell der gefährliche Rückschluss: Wenn es nicht funktioniert, werde ich nicht geliebt.

Hier schreibt für Sie:

 

simone_janson Simone JansonSimone Janson spricht in der ARD, schreibt für DIE WELT & t3n, macht Berufebilder.de & HR-Kommunikation.

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    Meistdiskutiert im letzten Monat:
  1. Monika Paitl

    Hallo Frau Janson,
    das spricht mir aus der Seele. Ich habe vor meiner Selbständigkeit für ein taiwanesisches Unternehmen gearbeitet als PR Manager Europa, manche der Typen dort waren definitiv Produkte solcher Mütter. Leistung, blind vor sich hin arbeitend erbracht, teilweise vollkommen daneben in Europa, weil die Flexibilität, sich an andere Sitten anzupassen, einfach nicht da war, durch die Starre der Erziehung. Ich arbeite wirklich viel, aber der Wahn zur Leistung und des permanenten Arbeitens (ohne manchmal viel zu produzieren) den ich dort kennengelernt habe, war schon sehr überraschend. Und die Angst, vor der Familie das Gesicht zu verlieren, wenn mal die Leistung nicht passt.

    Aber solche Eltern gibt es in unseren Breiten ja auch ab und an …

  2. KidsConcept

    Wenn Kindern zu großer Perfektionismus vermittelt wird … (Beitrag via Twitter) 5btB7 via #berufebilder.de von @SimoneJanson

  3. Pingback: Motivation: Wer selbstbestimmt und sinnstiftend arbeitet, leistet mehr. » imgriff.com

  4. Simone Janson

    Kinder-Erziehung auf chinesisch – monsterhaft oder verkannte Mutterliebe? Meine Meinung zu Amy Chuas Erziehungs-Buch

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