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Diskussion um Moral und Ethik in Unternehmen: Verderben Geld und Macht den Charakter?


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Moral und Ethik sind in Unternehmen eher unterrepräsentierte Themen. Eine Studie zeigt aber, dass selbst Top-Manager moralische Bedenken haben. Demgegenüber möchte ich eine geisteswissenschaftliche Perspektive stellen. Daraus entstand eine interessante Diskussion – auch darüber, wie sich z.B. Geisteswissenschaftler in Unternehmen einbringen können!


Geschrieben von:

 

simone_janson Simone JansonSimone Janson spricht in der ARD, schreibt für DIE WELT & t3n, macht Berufebilder.de & HR-Kommunikation.

Profil

Zunächst mal ein Zitat:

Geld verdirbt den Charakter – das glaubt auch die Mehrzahl der deutschen Top-Manager. Wegen des wachsenden Drucks, ständig und kurzfristig Erfolge vermelden zu müssen, glauben Top-Manager zunehmend, ohne Verrat an der eigenen Moral und Ethik nicht überleben zu können. 57 Prozent der Führungskräfte quält mehrmals jährlich ihr schlechtes Gewissen, weil ihr Handeln mit einstigen Wertvorstellungen unvereinbar ist. 47 Prozent beobachten in ihrem beruflichen Umfeld regelmäßig moralisch verwerfliches Handeln. Und bei 72 Prozent der Leistungsträger haben sich die Vorstellungen von Moral und Ethik im Laufe ihres Berufslebens verschoben.

Das sind Ergebnisse des „Managerpanels”, durchgeführt von der internationalen Personalberatung LAB Lachner Aden Beyer & Company in Kooperation mit der „Wirtschaftswoche”. Mehr dazu hier.

Blickwinkel der Geisteswissenschaften

Ich möchte dazu einladen, die Sache noch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: In unserem Forum Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft haben wir sehr oft über mögliche Betätigungsfelder für Geisteswissenschaftler in Unternehmen diskutiert und sind dabei auch auf den Bereich Ethik, Moral und Philosophie gestoßen (und sei es nur, weil einige Diskutanten Theologen oder Philosophen waren):

Denn für ethisches Handeln fühlt sich mancher Geisteswissenschaftler häufig prädistiniert. Führungskräften Moral und Ethik beizubringen als neues Betätigungsfeld für Geisteswissenschaftler im Unternehmen – damit die armen Führungskräfte bald kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen?

Moral und Ethik – realitätsfern?

Ich bin durchaus der Ansicht, dass so mancher, der meint, anderen mangelnde Moral und Ethik vorzuwerfen, gut daran täte, einmal zu überprüfen, ob die eigenen Vorstellungen von Moral und Ethik nicht ein wenig überzogen und nicht der Realität angepasst sind. Erfahrungsgemäß tuen sich hier Geisteswissenschaftler gerne ein wenig schwer.

Und auch die 57 Prozent Manager, deren Handeln mit ihren eigentlichen Vorstellungen von Moral und Ethik unvereinbar ist, sollten sich diese Frage stellen: Warum habe ich diese Vorstellungen? Und warum handle ich dennoch anders?

Können Führungskräfte ethisch handeln?

Und: wie die Studie zeigt, könnten Führungskräfte durchaus ethisch handeln, wenn Sie wollten, fühlen sich dem Druck jedoch nicht gewachsen. Und da eigentlich unsere Entscheidungen, nicht unsere Wünsche, zeigen was wir wirklich wollen, zeigt die Studie m.E. Erachtens nur eines:

Offenbar haben sich die befragten Manager dafür entschieden, so zu handeln – und 72 Prozent haben ihre Vorstellungen von Moral und Ethik praktischerweise gleich angepasst. Was soll also nun das Weinen über vergossene Milch, bzw. das schlechte Gewissen? Das bringt nur etwas, wenn man, wie hier beschrieben, sein Handeln für die Zukunft ändert. Sonst kann man auf das schlechte Gewissen auch gleich verzichten.

berufebilder

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    Meistdiskutiert im letzten Monat:
  1. Jan Thomas Otte

    Vielen Dank! Wir jetzt auch auch, endlich: http://www.karriere-einsichten.de/2011/03/perfektionismus-fehler-tabus-simone-janson/ 😉

  2. Simone Janson

    Hallo Herr Otte,
    danke für Ihre Ergänzung. Ich bin auch immer wieder erstaunt, welche Resonanz doch relativ alte Beiträge noch finden. Das Thema hat aber nicht zuletzt durch die Wirtschaftskrise stark an Aktualität und Brisanz gewonnen.
    Habe Sie jetzt endlich auch verlinkt unter http//www.berufebilder.de/willkommen/blogroll, wollte ich schon längst machen.
    Viele Grüße
    Simone Janson

  3. Jan Thomas Otte

    Wirtschaften funktioniert zu 80 Prozent über Menschenkenntnis, den verbleibenden 20 Prozent aus einer Mischung von „Learning on the Job“ und Theorie aus dem Studium. Ob BWL oder Theologie, finde ich. Das dabei auch Ethik eine Rolle spielt, ist einerseits klar, anderseits auch nicht was die Umsetzung angeht. Das geflügelte Wort „Wo ein Wille, da auch ein Weg“ gilt zwar längst nicht immer, aber manchmal eben doch. Danke für den Text!

  4. Simone Janson

    Hallo,
    danke für den ausführlichen und hervorragenden Kommentar. Ich gebe Ihnen in allen Punkten völlig recht und wollte das schlechte gewissen gar nicht abschaffen. Es ist uns als Geisteswissenschaftlern ja auch völlig klar, dass es Sinn macht, die beiden Gegenpole, die Geisteswissenschaften und Wirtschaft in unserer Gesellschaft offenbar darstellen (warum das so sein muss, darüber habe ich nur ein paar vage Theorien), zu verbinden um für alle Beteiligten bessere Ergebnisse zu erzielen.
    Uns in der Gruppe und mir geht es dabei jedoch um die praktische Umsetzung dieser Idee: Wie stelle ich es als Geisteswissenschaftler an, dem Personalchef zu verklickern: „Hey, ich hab zwar keine Ahnung von deinen Zahlen, aber als Querdenker bringe ich frischen Wind in dein Unternehmen?“ So mancher Chef/Personaler wird sich da an den Kopf tippen, schon alleine weil er das unbequem findet, aber auch, weil Kenntnisse fehlen.
    Gegenseitige Annäherung ist sinnvoll, aber ich glaube, die Annäherung muss von den Geisteswissenschaftlern ausgehen, weil die „Gegenseite“ bislang immer davon ausging, dass ständige Gewinnmaximierung zum Erfolg führt. Allerdings dürfen sich die Gewis dazu auch nicht zu sehr verbiegen.
    Vielleicht kommt es jetzt im Zuge der Finanzkrise auch zu einem Umdenken auf Wirtschaftsseite – es wäre wünschenswert. Gerade diese Tage las ich in einer Studie des Zukunftsinstitutes von Herrn Horx, dass Ethik in Unternehmen eine immer größere Rolle spielen wird, da sie wichtig ist, um Gewinne zu erzielen.
    Oder ist das am Ende nur wieder leeres Geschwätz ohne das wirklich ernste Absichten dahinterstecken?

    Dass durch den Bachelor so einige geisteswissenschaftliche Ideen auf der Streck bleiben, bedauern ziemlich viele, einschließlich mir 🙂

  5. kopfarbeit

    Es stimmt zwar, dass das „schlechte Gewissen“ mancher Führungskräfte heuchlerisch anmuten mag, aber Gewissensbisse deshalb gleich abschaffen? Die meisten Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft haben nicht so viel Entscheidungsfreiheit, wie man vermuten könnte, sondern ordnen ihre Entscheidungen unterschiedlichsten Faktoren unter. Dass es wenigstens noch ein Bewusstsein dafür zu geben scheint, dass moralisch verantwortliches Handeln dabei gern auf der Strecke bleibt, ist zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer. Warum man sich dann dennoch über die eigenen ethischen Standards hinwegsetzt und wie das verhindert werden kann, ist ein anderes Problem. Gegen das Bild vom Geisteswissenschaftler als unanfechtbare moralische Autorität habe ich (selbst Geisteswissenschaftler) mich immer gewehrt. Ein Philosophiestudium ist kein Freifahrtschein für „moralisch richtige“ Urteile. Schade ist in diesem Zusammenhang, dass Studiengänge wie z. B. die Kommunikationswissenschaften an der TU Berlin, die den Ansatz einer Integration von Technik, Wirtschaft und geisteswissenschaftlichen Grundlagen verfolgten, im Zuge des Bachelor-Unwesens quasi weggefegt oder inhaltlich reduziert wurden. Schließlich kam der Impuls dazu aus der Erkenntnis, das Technik ohne Moral und Ethik Ingenieure hervorbringt, die dann auch nicht mehr hinterfragen, ob sie Massenvernichtungswaffen für ein menschenverachtendes Regime bauen.
    Grundsätzlich halte ich es aber nicht für falsch, die genannten Geisteswissenschaftler auch in Unternehmen zu integrieren. Selbst wenn deren Vorstellungen überzogen sind, tragen sie eine außerwirtschaftliche Perspektive in die Diskussion. Die „nur“ von Wirtschaftsinteressen und kurzfristiger Profitmaximierung diktierten Vorstellungen sind genauso realitätsfern. Vielleicht lassen sich ja sinnvolle Ergebnisse erzielen, wenn beide Extreme aufeinandertreffen und irgendwie, auch wenn es ihren jeweiligen Vertretern nicht passt, in Kompromissen miteinander verknüpft werden müssen?

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