
Eine These übrigens, der Robindro Ullah in seinem Blogpost als Reaktion auf meine Erst-Veröffentlichung dieses Textes bei RP-ONLINE kräftig widerspricht:
So ganz stimme ich dem Beitrag allerdings nicht zu. Die Erfahrungen, die Simone Janson beschreibt, habe ich in unserem Konzern noch nicht gemacht… Mag sein, dass es in anderen Unternehmen anders aussieht, aber eigentlich dachte ich, ich würde in nem konservativen Laden arbeiten…
Da frage ich mich doch glatt: Wie sieht das in der Realität aus? Wenn ich mich zum Beispiel als geisteswissenschaftlicher Absolvent bei der Deutschen Bahn bewerbe? Denn da hat man es in der Regel tatsächlich nicht einfach.Gerechterweise muss man aber auch sagen, dass manche Leute auch einfach wenig Lust auf etwas Neues haben!
Lieber unzufrieden weiterreiten als umsatteln!
Das scheint auch die Mehrzahl der Deutschen so zu sehen: In einer Umfrage unter Arbeitnehmern fand das Beratungsunternehmen Gallup 2010 heraus: Gut 66 Prozent der Deutschen machen Dienst nach Vorschrift und zählen die Stunden bis zu Feiertagen und Urlaub.
Und gar 23 Prozent hat innerlich gekündigt. Richtig motiviert arbeiten noch ganze 11 Prozent. Aber warum ziehen diese Arbeitnehmer keine Konsequenzen? Warum wagen sie nicht einfach den beruflichen Umstieg?
Es gibt erfolgreiche Quereinsteiger
Tatsächlich gibt es viele Beispiele erfolgreicher Quereinsteiger. Die frühere ÖTV-Vorsitzende und spätere Kanzlerberaterin Monika Wulf-Mathies etwa begann ihre Karriere als Historikerin und kam als Seiteneinsteiger in Politik und Wirtschaft.
Ab 2009 war sie Managerin bei der Deutschen Post DHL und ist seit 2009 dort Beraterin des Vorstandes ist. Über ihre Karriere sagt sie heute: „Man braucht Engagement und Fleiß, Leistungswillen, Freude an der Arbeit, Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, Risikobereitschaft, ein gesundes Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungsfreude, und nicht zu vergessen: Glück!“
Noch mehr erfolgreiche Beispiele
Auch viele andere haben es geschafft, ungewöhnliche Karriewege zu gehen: Der Politikwissenschaftler Johannes Lenz etwa gelangte über viele Umwege in die Kommunikationsabteilung einer Werbeagentur, der Historiker Stephan Zeilinger wurde Referent in einer Kanzlei für Patentrecht und den Mathematiker Robindro Ullah verschlug es in die Personalabteilung der Deutschen Bahn.
Das zeigt: Quereinstiege sind alles andere als selten. Dennoch gelten Menschen, die nach ihrer Ausbildung etwas ganz anderes machen, nach wie vor als Exoten und haben es entsprechend schwer. Sie werden von gradlinigen Karrieristen belächelt, den ehemaligen Kollegen beargwöhnt und von so manchem Personaler nicht ganz voll genommen. Schon bei der Bewerbung müssen sie besser sein als die anderen und sich später im Berufsalltag imm wieder neu unter Beweis stellen.
Das Ideal ist schnurgerade!
Grund für den Argwohn: Noch immer gilt in Deutschland ein schnurgerader Lebenslauf als das Ideal. Man macht eine Berufsausbildung oder absolviert ein Hochschulstudium auf einen bestimmten Beruf hin – und diesen übt man dann sein ganzes Leben lang aus. Wer von diesem Ideal abweicht, muss schlecht in seinem Job sein – oder er ist einfach ein unzuverlässiger Mitarbeiter.
Der Grund: Personaler bleiben gerne auf der sicheren Seite – denn wenn sich die Entscheidung hinterher als falsch herausstellt, könnten sie ja leicht in Erklärungsnöte kommen. Dennoch müssen Unternehmen umdenken: Neue Aufgabenbereiche und Berufsbilder entstehen aufgrund der technologischen Veränderungen heute zum Teil schneller, als die Hochschulen ausbilden können. Das erfordert auch von Kandidaten eine höhere Flexibilität und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen.
Mut zur Neuorientierung
Wer sich neu orientieren will, dem macht der Psychologe Tom Diesbrock Mut. In seinem gerade erschienen Buch „Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!“ setzt er sich mit beruflichen Veränderungen auseinander. Seine Auffassung: das menschliche Gehirn ist so ausgelegt, dass wir gerne an Vertrautem und Bewährtem festhalten, uns Neues aber Angst macht.
Daher behalten wir lieber einen sicheren Job, als etwas Neues auszuprobieren. Menschen, die genau dieses Riskio eingehen, gehören also zu den engagierteren und mutigeren. Diesbrock, der selbst ein Medizinstudium abgebrochen hat und heute als Coach arbeitet, bringt es auf den Punkt: „Das Gehirn wird heute als lebenslang lernfähig angesehen. Wenn Sie sich mit 70 noch entscheiden, japanisch zu lernenm haben Sie dafür also die ausreichende Hardware.“
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