Für imgriff.com schrieb ich kürzlich darüber, dass wir durch Reisen viel für das eigene Leben und die eigene Erfahrung lernen können. Doch nicht nur das: Die Art, wie wir reisen, sagt auch viel über unsere Persönlichkeit aus.
Einfach oder Bequem?
Der Kouchibouguac-Nationalpark ist ein 2000 Quadratkilometer großes Gebiet im Norden ost-kanadischen Provinz New Brunswick. Sei exotischer Name stammt von dem Mic-Mac-Indianern, die früher hier lebten.
Die Besonderheit: Anders als z.B. im nahegelegenen Fundy-Nationalpark oder anderen Parks kann man den Kouchibouguac nicht mit dem Auto durchqueren, sondern nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Und auf Übernachtungsgäste warten keine luxioriösen Hotels, sondern nur einige sehr primitiven Campingplätze mit Feuerstelle und Dixiklo.
Es den Leuten etwas einfacher machen
Die Besonderheit des Kouchibouguac sind aber die 500-800 Seelöwen, die sich zu hunderten in den Sandbänken der Lagune tummeln. Dorthin kommt man nur durch einen 8 KM langen Marsch am Strand entlang – oder mit dem Kanu, wofür man einige Stunden paddeln muss.
Wer kein eigenes Kanu hat, für den bietet der Nationalpark geführte Kanutouren an, bei denen 4-8 Gästen mehrere Stunden lang selbst paddeln dürfen, um ihr Ziel zu erreichen. „Wir machen es Leuten, die es lieber bequemer wollen, etwas einfacher“ sagt Camilla Vautour (hier vorne im Bild), die seit 21 Jahren im Kouchibouguac-Nationalpark arbeitet – zunächst als Produkt-Entwickler, mittlerweile als Besucher-Koordinator.

Der geringste Widerstand oder doch die Herausforderung?
In dieser Zeit hat die Franco-Kanadierin festgestellt: „Die meisten Leute mögen Dinge nicht, die zu schwer zu bekommen sind. Sie wollen eher den geringsten Widerstand gehen.“
Allerdings gäbe es, so hat sie mit Erstaunen bemerkt, eine kleine Gruppe von Leuten, die die Herausforderung schätzt: „Es gibt Leute, die sind bereit, für ihre Ziele hart zu arbeiten und wollen geradezu weitere Erfahrungen machen.“
Eine andere Einstellung zur Natur
Insgesamt seien die Europäer etwas aktiver, die Kanadier etwas bequemer, was die Bereitschaft zur Selbsterfahrung in der Natur angeht, wie Camilla resümiert. Möglicherweise liegt das daran, dass man in Kanada eine, nun ja, ganz natürliche Einstellung zur Natur hat: Sie ist halt da, und zwar überall.
Und auch eher traurige Dinge gehören auch dazu – wie z.B. dass da seit ein paar Tagen ein toter Wal am Strand liegt, der offenbar verletzt hier liegengeblieben ist und nun als natürliches Vogelfutter dient.

Der Flow, die Herausforderung zu bestehen
Mich hat diese Beobachtung von Camilla nachdenklich gemacht: Wie gut und sinnvoll ist denn eigentlich Bequemlichkeit? Sind Herausforderungen nicht tatsächlich etwas sehr Positivies? Natürlich bedeuten sie erstmal Stress. Aber der macht auch Sinn: Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat nämlich festgestellt, das genau dadurch positive Energien freigesetzt werden, der sogenannte Flow.
Denn wenn wir uns Stress machen, dann in der Regel um ein Problem zu lösen oder etwas zu erreichen – zum Beispiel Anerkennung, soziale Bindungen oder Sicherheit. Und wenn wir das Problem lösen oder uns unseren Wunsch erfüllen, erfahren wir Freude – Flow eben.
Was passiert bei Flow?
Abgesehen davon, dass durch dieses Flow-Erlebnis Eustress entsteht, ist das laut Wikipedia auch körperlich nachweisbar:
Der Zustand, der beim Flow erreicht wird, entspricht der kardialen Kohärenz, einer optimalen Synchronisation von Herzschlag, Atmung und Blutdruck. In diesem Zustand besteht völlige Harmonie zwischen dem limbischen System, das die Emotionen steuert, und dem kortikalen System/Neocortex, dem der Sitz für Bewusstsein und Verstand zugeordnet wird
Wer hingegen immer im gleichen Trott verharrt, weil es so schön bequem ist, der versagt sich auf Dauer dieses Flow-Erlebnis. Er hat vielleicht weniger Stress, aber auch weniger Enthusiasmus. Denn was gibt es schöneres, als das positive Gefühl, eine Herausforderung bewältigt zu haben?

Sponsor: Die Recherche zu diesem Beitrag wurde ermöglicht durch die
Canadian Tourism Commission, die Reisekosten und Unterkunft bezahlt haben. Danke!
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