Gestern war ganz Deutschland in Sachen Fußball auf den Beinen. Ganz Deutschland? Nein. Ein kleiner Teil saß zu Hause auf dem Sofa, neben der Übertragung liefen Skype, Facebook oder TeamSpeak mit. Kollektives Jubeln mal anders – und ein Zeichen, wie Soziale Netzwerke unser Arbeits- und Privatleben verändern.


Ich saß gestern mit einem Kollegen in einer vollen Kneipe in Berlin-Friedrichshain und schaute mir gemeinsam mit zig anderen das 4:0-Spiel Deutschland gegen Australien an. Selbst für einen Nicht-Fußballfan wie mich ein schönes Erlebnis: Wenns spannend wurde, rissen alle die Arme hoch, so dass man nichts mehr sah, und wenn ein Tor fiel, stand der Kellner bestimmt wieder im Weg rum. Public Viewing wie man es kennt und liebt.
Die neue Art des Public Viewing?
In der Halbzeitpause erzählte die junge Frau hinter mir ihren Kumpels, warum ihr Freund nicht in die Kneipe mitkommen wollte: Der habe zu Hause den Fernseher laufen, daneben den Computer und darauf TeamSpeak . Damit kann man sich beim Fußball in einer Art Konferenschaltung via Computer wie bei Skype mit einander unterhalten, kommentieren, Emotionen Teilen, gemeinsam jubeln – und dennoch gemütlich zu Hause auf dem Sofa sitzen. Public Viewing im Jahr 2010?
Das Phänomen ist das selbe, das auch bei Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter immer gerne von Gegnern und Befürwortern heiß diskutiert wird: Die (angebliche) Vereinsamung des einzelnen zu Hause vor dem Rechner mit seinen vielen virtuellen Freunden. Ich widerspreche da immer gerne, weil ich nicht glaube, das virtuelle Kontakte die echten ersetzen sondern höchstens ergänzen sollten. So z.B. beim Eurovision Song Contest, den ich zwar “public” genossen habe, aber mein Handy zum Twittern dabei habe.
Bequem oder einsam?
Und nun das: Public Viewing zu Hause vor dem Rechner. Ich gebe zu, das hört sich sehr bequem an: Man kann soviel Bier trinken wie man will, weil man hinterher nur noch ins Bett fallen muss, auch der Blick auf den TV ist immer frei. Zudem kann man Freud und Leid so auch mit weit enfernte Freunden – z.B. in Australien
– teilen. Twitter und Facebook sind für Echtzeitkommunikation bei einem Fußballspiel aber einfach zu langsam – da braucht es schon etwas wie “TeamSpeak.”
Aber irgendwie wäre das für mich doch nicht das selbe, weil einfach die Atmosphäre fehlt. Die Mimik und Gestik der umstehenden – alles viel unmittelbarer. Auch spontan um den Hals fallen kann man seinem Tischnachbarn nicht in einen plötzlichen Anfall von Freude. Und vielleicht hätte ich auf diese Weise auch nicht meinen sonst ausgesprochen ruhigen Kollegen plötzlich sehr emotional erleb – wo er nur selbstironisch bemerkte: “Mitgrölen macht gemeinsam mit anderen doppelt so viel Spaß”
Wie seht Ihr das?
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