Nach der Podiumsdiskussion heute gab es noch ein paar Fragen. Falls weitere Fragen bestehen, eröffne ich hier, wie angekündigt, einen Diskussionsthread. Einfach kommentieren.
Simone Janson ist Journalistin (u.a. für ZEIT-ONLINE, imgriff.com, changeX), Bestseller-Autorin ("Die 110%-Lüge", "Nackt im Netz") und betreibt mit Berufebilder.de das führende deutsche Blog zu Beruf & Bildung, mit mehr als 50 Autoren Teil des 11-Millionen-starken Netzwerks Business & More.
Liebe Frau Janson,
ich hoffe, Sie erinnern sich noch an unser Gespräch nach der Veranstaltung. Nochmal vielen Dank für Ihre kompetente Ermutigung. Allein die Tatsache zu sehen, dass heute erfolgreiche Geisteswissenschaftler nach Abschluss ihres Studiums erstmal genauso orientierungslos waren wie ich jetzt, hat mich aufgebaut
Sie haben ja in gewisser Weise vom Journalismus abgeraten, dennoch interessiert mich die Branche (ich habe übrigens einen Magisterabschluss in Komparatistik, Spanisch und Französisch). Im Moment suche ich eine Einstiegsmöglichkeit und nehme an, dass es auf ein Praktikum hinauslaufen wird. Können Sie das bestätigen? Und wenn ja, welche Praktika sind dafür am geeignetsten? Ich habe beispielsweise an ein Lokalradio gedacht.
Desweiteren interessiert mich die Möglichkeit der Selbstständigkeit (freie Mitarbeit, Übersetzen, usw.). Inwieweit ist das als Berufseinsteiger sinnvoll?
Vielen Dank für Ihre Mühe! Herzliche Grüße,
Anke
Liebe Anke,
ich hatte Sie schon erwartet. Leider habe ich jetzt auch etwas länger gebraucht für die Antwort, aber da sie etwas ausführlicher wird…
Vorweg eine wirklich gute Anlaufadresse: www.jungejournalisten.de
Das Netzwerk hat mir, durch persönliche Kontakte bei den Jahrestreffen, sehr viele Möglichkeiten eröffnet. Man muss sich allerdings persönlich bewerben und dafür schon was in dem Bereich gemacht haben. Es gibt auch ein Mentorenprogramm.
Ich fange mal mit den negativen und demotivierenden Sachen an:
Es ist sicherlich ein schöner und interessanter Beruf. Allerdings sind derzeit tiefgreifende Änderungen im Gange, die durch das Internet bedingt sind. Sprich: Den Verlagen und Medienanbietern, auch den großen, brechen die Einnahmen weg, da Werbekunden abspringen und viel Kunden nicht bereit sind, für Inhalte im Internet zu bezahlen (weil es jeder gewohnt ist, alles konstelos zu konsumieren.)
Daraus ergibt sich ein tiefgreifender struktureller Wandel, auf den vor allem die Deutschen Medien noch nicht wirklich wissen, wie man darauf reagieren kann.
Und auch das Berufsbild des einzelnen (freien) Journalisten ist im Wandel: Man sitzt eben nicht in Ruhe da uns schreibt seine Artikel für den nächsten Tag (so wie ich mir das früher vorgestellt habe) sondern muss sehr schnell Content liefern (Internet will topaktuelle News), der zunehmend billig bis umsonst bereit gestellt werden muss.
Ich kenne auch Redakteure, die den Beruf auch deshalb gut fanden, weil sie da spät morgens anfangen können – und jetzt morgens um 6 zum Frühdienst müssen. Außerdem werden klassische Medien immer mehr durch andere Medien-Anbieter (z.B. Soziale Netzwerke, Twitter usw.) abgelöst. Man darf gespannt sein, was sich da noch entwickelt.
Von freien Journalisten wird daher zunehmend erwartet, dass sie sich nicht nur mit einem Medium auskennen, sondern schreiben, Videos und Podcasts machen usw. können. Sprich, die klassische Aufteilung verschwindet immer mehr. Ich habe Kollegen, die prognostizieren, dass TV und Radio in 10-15 Jahren tot sind. Schon jetzt heißt es ja angeblich, dass gerade jüngere Leute ja vor allem das Internet nutzen.
Tipps für Freie und Infos darüber, was in der Branche so aus Sicht der Freien los ist, bietet www.freischreiber.de/
Wenn Sie sich über die rechtlichen Grundlagen für die Selbständigkeit informieren wollen: www.mediafon.net
Jetzt der positive Teil – Tipps:
Dennoch glaube ich, es gibt Möglichkeiten. Wenn man sich als Autor fachlich auf bestimmte Themen – die nicht alle können – spezialisiert und so aus der Masse heraussticht. Wenn man sich ein Renommee schafft. Das allerdings braucht Zeit. Oder wenn man eigene Ideen entwickelt, eigene Blogs, Videoprojekte usw. Das Internet bietet da vielfältige Möglichkeiten. Man braucht aber auch hier einen langen Atem.
Dementsprechend: Warum Lokalsender? Wenn Sie schon erfahrungen haben: Warum nicht weiter oben versuchen einzusteigen – mit so guten Sprachkenntnissen z.B. bei der Deutschen Welle? Dort dann ins Volontariat übernommen zu werden ist allerdings sehr schwierig. Oder warum es, vielleicht nach 1-2 Praktika, nicht gleich auf der Journalistenschule versuchen. Dort liegt die Altersgrenze bei 27! Ich kenne zwei Frauen, die, allerdings nachdem sie schon vorher ein paar Jahre frei gearbeitet haben, es dann einfach mal versucht haben und beide auf der Henri-Nannen-Schule genommen wurden. Und es beide nicht geglaubt haben.
Warum nicht erstmal was ganz anderes ausprobieren? Eine andere, spanische Bekannte hat, mit Abschlüssen in Deutsch, Englisch, Spanisch, 3 Jahre als Aktienbrokerin in London gearbeitet. Ihre Qualifikation waren die 3 Sprachen, alles andere Learning on the Job. Danach ist sie allerdings lieber Übersetzerin auf Gran Canaria geworden
Generell finde ich es wichtig, gerade als Geisteswissenschaftler, nicht in seinem eigenen Saft zu schmoren, sondern auch Erfahrungen mit Menschen zu machen, die ganz anders Ticken… auch wenn es manchmal weh tut, lernt man doch einiges dabei.
Apropos: Übersetzen können sie natürlich immer. Man kann sich z.B. bei www.proz.com/ eintrag. Oder sich direkt bei Übersetzungsfirmen bewerben. Einziges Problem: Man ist ja für Übersetzungsfehler voll haftbar. Und da es sich in der Regel um technische Übersetzungen handelt, kann das teuer werden.. mir ist zwar kein einziger Fall diesbezüglich bekannt, aber ich sags mal lieber.
So, ich hoffe, Ihnen etwas weitergeholfen und sie nicht vollends abgeschreckt zu haben.
Sie sehen, es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Man muss sich dabei leider auch immer entscheiden, das ist, wie Frau Wulf-Mathies so treffend sagte, mit Risiken verbunden, erfordert Selbstbewusstsein und Willensstärke. Weil man nur dann auch andere von sich überzeugen kann, wenn man selbst überzeugt ist.
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6. Oktober 2009 um 20:34 Uhr
Liebe Frau Janson,
ich hoffe, Sie erinnern sich noch an unser Gespräch nach der Veranstaltung. Nochmal vielen Dank für Ihre kompetente Ermutigung. Allein die Tatsache zu sehen, dass heute erfolgreiche Geisteswissenschaftler nach Abschluss ihres Studiums erstmal genauso orientierungslos waren wie ich jetzt, hat mich aufgebaut
Sie haben ja in gewisser Weise vom Journalismus abgeraten, dennoch interessiert mich die Branche (ich habe übrigens einen Magisterabschluss in Komparatistik, Spanisch und Französisch). Im Moment suche ich eine Einstiegsmöglichkeit und nehme an, dass es auf ein Praktikum hinauslaufen wird. Können Sie das bestätigen? Und wenn ja, welche Praktika sind dafür am geeignetsten? Ich habe beispielsweise an ein Lokalradio gedacht.
Desweiteren interessiert mich die Möglichkeit der Selbstständigkeit (freie Mitarbeit, Übersetzen, usw.). Inwieweit ist das als Berufseinsteiger sinnvoll?
Vielen Dank für Ihre Mühe! Herzliche Grüße,
Anke
9. Oktober 2009 um 12:37 Uhr
Liebe Anke,
ich hatte Sie schon erwartet. Leider habe ich jetzt auch etwas länger gebraucht für die Antwort, aber da sie etwas ausführlicher wird…
Vorweg eine wirklich gute Anlaufadresse: www.jungejournalisten.de
Das Netzwerk hat mir, durch persönliche Kontakte bei den Jahrestreffen, sehr viele Möglichkeiten eröffnet. Man muss sich allerdings persönlich bewerben und dafür schon was in dem Bereich gemacht haben. Es gibt auch ein Mentorenprogramm.
Falls man gar keine Ahnung hat, was man machen will: www.lifeworkplanning.de/
nie selbst ausprobiert, aber viel gutes darüber gehört.
Es gibt auch ein Buch dazu:
Durchstarten zum Traumjob: Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger
Ich fange mal mit den negativen und demotivierenden Sachen an:
Es ist sicherlich ein schöner und interessanter Beruf. Allerdings sind derzeit tiefgreifende Änderungen im Gange, die durch das Internet bedingt sind. Sprich: Den Verlagen und Medienanbietern, auch den großen, brechen die Einnahmen weg, da Werbekunden abspringen und viel Kunden nicht bereit sind, für Inhalte im Internet zu bezahlen (weil es jeder gewohnt ist, alles konstelos zu konsumieren.)
Daraus ergibt sich ein tiefgreifender struktureller Wandel, auf den vor allem die Deutschen Medien noch nicht wirklich wissen, wie man darauf reagieren kann.
Und auch das Berufsbild des einzelnen (freien) Journalisten ist im Wandel: Man sitzt eben nicht in Ruhe da uns schreibt seine Artikel für den nächsten Tag (so wie ich mir das früher vorgestellt habe) sondern muss sehr schnell Content liefern (Internet will topaktuelle News), der zunehmend billig bis umsonst bereit gestellt werden muss.
Ich kenne auch Redakteure, die den Beruf auch deshalb gut fanden, weil sie da spät morgens anfangen können – und jetzt morgens um 6 zum Frühdienst müssen. Außerdem werden klassische Medien immer mehr durch andere Medien-Anbieter (z.B. Soziale Netzwerke, Twitter usw.) abgelöst. Man darf gespannt sein, was sich da noch entwickelt.
Wie neue Geschäftsmodelle im Internet funktionieren können, darüber gibt es ein paar interessante Bücher: www.berufebilder.de/medien/buchtipps/die-thesen-des-medienexperten-jeff-jarvis-was-wuerde-google-tun
Gerade frisch gefunden und selbst noch nicht gesehen: www.elektrischer-reporter.de/elr/video/170/
Von freien Journalisten wird daher zunehmend erwartet, dass sie sich nicht nur mit einem Medium auskennen, sondern schreiben, Videos und Podcasts machen usw. können. Sprich, die klassische Aufteilung verschwindet immer mehr. Ich habe Kollegen, die prognostizieren, dass TV und Radio in 10-15 Jahren tot sind. Schon jetzt heißt es ja angeblich, dass gerade jüngere Leute ja vor allem das Internet nutzen.
Tipps für Freie und Infos darüber, was in der Branche so aus Sicht der Freien los ist, bietet www.freischreiber.de/
Wenn Sie sich über die rechtlichen Grundlagen für die Selbständigkeit informieren wollen: www.mediafon.net
Jetzt der positive Teil – Tipps:
Dennoch glaube ich, es gibt Möglichkeiten. Wenn man sich als Autor fachlich auf bestimmte Themen – die nicht alle können – spezialisiert und so aus der Masse heraussticht. Wenn man sich ein Renommee schafft. Das allerdings braucht Zeit. Oder wenn man eigene Ideen entwickelt, eigene Blogs, Videoprojekte usw. Das Internet bietet da vielfältige Möglichkeiten. Man braucht aber auch hier einen langen Atem.
Und es gehört auch Selbstbewusstsein dazu – siehe auch das Interview mit Monika Wulf-Mathies: www.berufebilder.de/gaeste/interviews/interview-mit-dr-monika-wulf-mathies-ueber-karriere-frauen-und-geisteswissenschaftler-man-erreicht-viel-wenn-man-es-nur-will-und-sich-nicht-entmutigen-laesst
Dementsprechend: Warum Lokalsender? Wenn Sie schon erfahrungen haben: Warum nicht weiter oben versuchen einzusteigen – mit so guten Sprachkenntnissen z.B. bei der Deutschen Welle? Dort dann ins Volontariat übernommen zu werden ist allerdings sehr schwierig. Oder warum es, vielleicht nach 1-2 Praktika, nicht gleich auf der Journalistenschule versuchen. Dort liegt die Altersgrenze bei 27! Ich kenne zwei Frauen, die, allerdings nachdem sie schon vorher ein paar Jahre frei gearbeitet haben, es dann einfach mal versucht haben und beide auf der Henri-Nannen-Schule genommen wurden. Und es beide nicht geglaubt haben.
Warum nicht erstmal was ganz anderes ausprobieren? Eine andere, spanische Bekannte hat, mit Abschlüssen in Deutsch, Englisch, Spanisch, 3 Jahre als Aktienbrokerin in London gearbeitet. Ihre Qualifikation waren die 3 Sprachen, alles andere Learning on the Job. Danach ist sie allerdings lieber Übersetzerin auf Gran Canaria geworden
Generell finde ich es wichtig, gerade als Geisteswissenschaftler, nicht in seinem eigenen Saft zu schmoren, sondern auch Erfahrungen mit Menschen zu machen, die ganz anders Ticken… auch wenn es manchmal weh tut, lernt man doch einiges dabei.
Apropos: Übersetzen können sie natürlich immer. Man kann sich z.B. bei www.proz.com/ eintrag. Oder sich direkt bei Übersetzungsfirmen bewerben. Einziges Problem: Man ist ja für Übersetzungsfehler voll haftbar. Und da es sich in der Regel um technische Übersetzungen handelt, kann das teuer werden.. mir ist zwar kein einziger Fall diesbezüglich bekannt, aber ich sags mal lieber.
Eine andere Möglichkeit auf Zeit: Sprachkurse. Auf Dauer ist das jedoch keine Lösung, wie man an diesem, zugegebn extra-krass geschilderten Beispiel sieht: www.berufebilder.de/about/texte/honorarlehrer-warum-manche-akademiker-unterhalb-der-armutsgrenze-verdienen
Dennoch habe ich mit Bildungsinstitutionen auch so meine Erfahrungen…. dazu gibt es auch ein interessantes Buch, zu dem ich hier einen Artikel geschrieben habe:
www.berufebilder.de/about/specials/die-weiterbildungsluege-wenn-whistelblower-sich-outen
So, ich hoffe, Ihnen etwas weitergeholfen und sie nicht vollends abgeschreckt zu haben.
Sie sehen, es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Man muss sich dabei leider auch immer entscheiden, das ist, wie Frau Wulf-Mathies so treffend sagte, mit Risiken verbunden, erfordert Selbstbewusstsein und Willensstärke. Weil man nur dann auch andere von sich überzeugen kann, wenn man selbst überzeugt ist.
Gruß und viel Glück
Simone Janson