Jobs für Flüchtlinge: Wir haben eine Flüchtlingschance

  • Felix Hartz & Robert Högler
  • Robert Högler ist Country Manager Germany bei Everjobs.de, Felix Hartz ist bei Rocket Internet für Everjobs zuständig.
  • 30.11.2015
  • 1703 Leser
  • 10 Debatten

  • 851 Wörter
  • Lesezeit: 6 Minuten, 36 Sekunden

Initiativen für Flüchtlinge sprießen in Deutschland momentan fast täglich aus dem Boden. Kleidung für Flüchtlinge, Kochen für Flüchtlinge, Bücher für Flüchtlinge, Wohnraum für Flüchtlinge. Wer in Berlin in seinem Bekanntenkreis herumfragt, wird kaum jemanden finden, der sich nicht auf die eine oder andere Weise engagiert.

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Bildrechte: Bildmaterial im Rahmen einer Kooperation kostenlos zur Verfügung gestellt von Shutterstock, außerdem von Janossy Gergely.

 Engagement, das beeindruckt

Manches davon ist elementar, einiges scheint trivial, aber jedes Engagement finden wir beeindruckend. Es hat uns stolz gemacht zu sehen, wie große Teile der Gesellschaft mit der Herausforderung der Flüchtlingsströme umgehen und es hat uns als Team bestärkt, auch etwas beizutragen. Für uns als Karriereplattform lag die Antwort natürlich nahe, denn Jobs sind eines der größten langfristigen Themen in der Flüchtlingsthematik.

Aktuell ist die Situation schwierig: Die meisten Ankömmlinge dürfen zunächst keinerlei sinnvoller Tätigkeit nachkommen. Sie sind zum Nichtstun verdammt. Bis der Asylstatus geklärt ist – und das kann dauern – ist Vieles verboten. Das ist nicht nur Zeitverschwendung, sondern auch höchst belastend für diese Menschen. Schon bei ansonsten sozial und wirtschaftlich abgesicherten Bürgern führt Arbeitslosigkeit häufig zu Stress, Krankheit oder gar Depression. Für Menschen, die alles zurücklassen mussten, die eine maßlos anstrengende und gefährliche Reise auf sich genommen haben und jetzt vor der Aufgabe stehen, sich eine komplett neue Existenz aufzubauen, potenziert sich das noch.

Politik & Bürokratie sind zu langsam

Politik und Bürokratie agieren hier viel zu langsam, auch wenn das Asylbeschleunigungsgesetz von Oktober schonmal ein begrüßenswerter Ansatz ist. Auf die rechtliche Lage können wir keinen Einfluss nehmen, wohl aber auf die Jobvermittlung zwischen Unternehmen und Flüchtlingen an sich. Daher haben wir im September eine deutsche Version unserer Jobplattform aufgesetzt, speziell für die Vermittlung von geflüchteten Menschen.

Das Angebot und die Funktionalität sind im Grunde die gleichen, die wir bereits erfolgreich in Asien und Afrika anbieten. Der entscheidende Vorteil ist aber, dass hier explizit der Fokus auf Nichtmuttersprachler und geflüchtete Menschen gelegt wird. Das schafft eine Transparenz, die bei anderen Jobvermittlungen so noch nicht gegeben ist – und es vermeidet unnötige Frustration in einer ohnehin schon schwierigen Lage.

Wenn die Deutschkenntnisse nicht reichen

Wenn beispielsweise alle Anforderungen erfüllt werden, nur die Deutschkenntnisse nicht ausreichen. B E R U F E B I L D E R . D E bietet für diese Fälle den Deutschkurs-Finder German for Refugees, der Unternehmen und Flüchtlingen dabei helfen soll, den passenden Deutschkurs zu finden.

Allerdings:  Dass die Deutschkurse nicht ausreichen, ist bei uns weniger wahrscheinlich, da Unternehmen von Vornherein nur solche Jobs anbieten, die auch für Flüchtlinge interessant sind. Dabei ist momentan vom Praktikant bis zum Manager alles vertreten, seit September sind knapp 500 Jobs eingestellt worden.

Dabei helfen uns unsere Erfahrungen aus den “emerging markets”, auch hier gibt es besondere Schwierigkeiten – angefangen von der Netzabdeckung bis hin zu Bildungsstandards. Mit Herausforderungen bei der Jobvermittlung kennen wir uns also aus. Rechtlich ist die Lage jetzt natürlich um einiges komplexer. Man muss Perfektion gegen Pragmatismus eintauschen, das ist in der Startup-Welt häufig so und gilt hier mehr denn je. Wo man Lücken hat, kann eventuell jemand anderes helfen.

Kooperation mit Kiron Higher Education

Aus diesem Grund kooperieren wir jetzt mit Kiron Open Higher Education. Diese Initiative hat sich in kürzester Zeit ein umfassendes Kontaktnetzwerk unter den Flüchtlingen aufgebaut – etwas, das wir nicht haben. Kiron bietet ein gebührenfreies Onlinestudium und die anschließende Vermittlung an eine Partneruniversität.

Durch diesen Ansatz können die Bewerber schon mit dem Studium anfangen, bevor sie eventuelle Papiere und Nachweise haben. Es geht also um ein ganz ähnliches Problem wie bei den Jobs: Geflüchteten die Möglichkeit geben, wieder eine sinnvolle Beschäftigung aufzunehmen. Es ist sehr wichtig, dass sich die vielen einzelnen Initiativen jetzt untereinander helfen. Nur so bewegen wir etwas.

Chancen für Konzerne & Mittelstand

Wir in Deutschland haben die Kompetenzen, wir haben die Infrastruktur und wir haben die Wirtschaftskraft. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir auch den Bedarf. Alleine der Fachkräftemangel im Bereich IT ist enorm und passt hervorragend zu den Skills vieler Ankömmlinge. Jetzt zu helfen ist nicht nur eine Frage der Moral, es ist auch eine sehr reale Chance für Wirtschaft und Gesellschaft.

Das begreifen auch immer mehr Unternehmen, die deutsche Telekom AG hat beispielsweise schon erfolgreich Flüchtlinge eingestellt und ist auch auf everjobs.de mit über 100 Jobs vertreten. Es freut uns zu sehen, dass das neben den großen Konzernen auch immer mehr Mittelständler so sehen.

Alte Fehler nicht wiederholen

Diese Sparte wird oft vergessen, obwohl sie für die deutsche Wirtschaft eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hier wollen wir überzeugen und Flüchtlinge mit Unternehmen zusammenbringen, denn hier sehen wir auch das größte Potenzial. In unser Land kommt aktuell ein riesiger Pool an willigen, motivierten Menschen, viele mit guter Ausbildung und alle mit dem festen Vorsatz, sich hier ein neues Leben aufzubauen.

Wir dürfen die Fehler der letzten Migrationswelle nicht wiederholen. Dieses Mal müssen wir zusammenarbeiten, wir müssen offener sein und wir müssen diese Menschen besser integrieren. Ein entscheidender Punkt ist hierbei Bildung und Arbeit. Was für diese Menschen als Katastrophe begann, kann am Ende ungemein positiv für alle enden. Wenn wir das Thema konstruktiv angehen, haben wir kein Flüchtlingsproblem, dann haben wir eine Flüchtlingschance.

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