Ausbildung zum Künstler – 2/3: Kunst lehren? – BEST OF HR | B E R U F E B I L D E R . D E

Ausbildung zum Künstler – 2/3: Kunst lehren?



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Um die Situation der Künstler auf dem Kunst- und damit Arbeitsmarkt zu verstehen, muss man erkennen, wie die Ausbildung an Kunstakademien abläuft – zum Beispiel an der Kunstakademie Düsseldorf.

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Hier schreibt für Sie: Anke Ernst ist Chefredakteurin des Düsseldorfer Kunstmagazins INDEX und freiberufliche Journalistin für Reise, Kunst und Kultur. Profil

Die Ausbildung in der Theorie

Wie gestaltet sich die Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf heute? Wie sie prinzipiell aussehen sollte, liegt im Kunsthochschulgesetz § 50 Absatz 6 verankert: „Die Kunsthochschule berät ihre Studierenden sowie Studieninteressentinnen und Studieninteressenten, Studienbewerberinnen und Studienbewerber in allen Fragen des Studiums und wirkt auf eine geeignete individuelle Studienplanung hin; dies ist insbesondere Aufgabe der Professorinnen und Professoren.“

Letztendlich steht und fällt die Ausbildung eines Kunststudenten also mit seinem Professor – ein System, für das die Kunstakademie Düsseldorf international bekannt ist. Und hier lehrt nicht irgendwer, sondern es lehren international anerkannte Künstler, von denen jeder ein anderes Unterrichtskonzept vertritt.

Große Namen – gute Lehre?

Die Akademie darf sich mit großen Namen schmücken, darunter mit denen der 2010 von Tony Cragg berufenen Neuzugänge Andreas Gursky, Katharina Fritsch, Katharina Grosse, Tomma Abts, Marcel Odenbach, Johannes Schütz und Eberhard Havekost. Sie blickt seit ihrer Gründung im Jahr 1773 auf eine lange Reihe Direktoren zurück. Jeder von ihnen, von Wilhelm Lambert Krahe (1773–1789) bis Tony Cragg (2009–2013), hat sie auf seine Weise geprägt.

Von Anfang an wollte Letzterer den Posten nur für eine Amtszeit bekleiden, andere Bewerber gab es nicht und deshalb darf sich seit dem 1. August die US-amerikanische Bildhauerin und Installationskünstlerin Rita McBride mit der Ehrenanrede „Magnifizenz“ schmücken – so bestimmt es die Grundordnung der Akademie.

Was lernen die Studierenden?

Die Frage ist nur – steht ein großer Name automatisch für eine gute Ausbildung? Unumstritten lehren an der Akademie Professoren, die sich für ihre Studierenden einsetzen und ihnen zu einem eigenständigen künstlerischen Werdegang verhelfen. Die Studierenden wissen das zu schätzen und äußern sich entsprechend positiv: „An meinen Professoren fand ich gut, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, mich künstlerisch frei zu entwickeln und meine Kunst zu machen, ohne irgendwelche Vorgaben, ohne Standards gesetzt zu bekommen.“

Sie lernen ebenfalls, „wie man Position zeigt und wie man diese einwandfrei vertritt“. Die Mechanismen des Kunstmarktes sind jedoch alles andere als gerecht, sodass künstlerischer Erfolg oftmals nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit Qualität. Und ein großer Künstler muss nicht zwangsläufig ein großer Lehrer sein. Im Zweifelsfall ist er nicht einmal physisch anwesend.

Professoren, die nie da sind

Dass Studierende ihre Abschlussarbeiten ein zweites Mal Monate später aufbauen müssen, damit ihr Professor sie begutachten kann, ist keine Seltenheit. Und welchen Einfluss hat ein, übrigens vom Staat bezahlter, Lehrender, wenn er nicht da ist? Wahrscheinlich keinen, denn bildende Kunst muss man sich ja bekanntlich vor Ort anschauen.

Als Joseph Beuys 1972 vom damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau aus seinem Amt als Professor der Kunstakademie entlassen wurde, war das der Höhepunkt einer langen Reihe von grundlegenden Auseinandersetzungen zu diesem künstlerisch wie politisch relevanten Thema. Überzeugt davon, dass jeder Mensch ein Künstler sei, denn jeder sei nun einmal zu Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Fantasie fähig, entwickelte Beuys seinen „erweiterten Kunstbegriff“, demnach das Kunstwerk als „soziale Plastik“ alle Lebensbereiche betreffe. Der Kunstbegriff müsse daher möglichst so groß gemacht werden, „daß er jede menschliche Tätigkeit umgreifen kann“, solange der Mensch dafür die Verantwortung übernehme.

Kann man Menschen Kunst beibringen?

Diese neuartige Sichtweise führte dazu, dass Beuys von der Akademie abgewiesene Studenten in seine Klasse aufnahm – die daraufhin zeitweise bis zu 400 Studenten umfasste. Beuys’ Entlassung ließ nicht lange auf sich warten. Der damals auf Lebenszeit berufene Rektor der Kunstakademie Eduard Trier (1965–1972) kündigte, Norbert Kricke (1972–1981) übernahm und wurde als jemand, der Wert auf die künstlerische Eignung und eine entsprechende Ausbildung der Studierenden legte, zu Beuys’ Gegenspieler.

Markus Lüpertz, Direktor an der Akademie von 1988 bis 2009, sieht das sicherlich ganz anders. Er vertritt die Ansicht, dass an der Hochschule lediglich ein Mikrokosmos geschaffen werden muss, der der Kunst Raum gibt, zu gedeihen. Er antwortet auf die Frage, ob man dem Menschen Kunst beibringen könnte, mit Nein. Kunst könne man nicht lehren, aber er könne die Atmosphäre und Ästhetik, die sie umgibt, näher bringen. Später fügt er hinzu: „Ich bin der Meister und Kunst kennt keine Demokratie!“

Das Handwerk lehren

Soviel also zum Thema Subjektivität in Bezug auf die Definition von Kunst. Auch Hans Schippert, Rektor an der Akademie von 1959 bis 1965, war der Ansicht, dass Kunst nicht gelehrt werden könne. Tony Cragg betont im Katalog zur Bildhauer-Ausstellung im K20 die Vorteile dieses Systems: „Der inzwischen beinahe selbstverständlich gewordene Begriff der künstlerischen Freiheit, der in Düsseldorf hochgehalten wird, hat anstelle einer Akademisierung der Kunst zu einer großen inhaltlichen und formalen Diversität geführt.“

Was aber unbestritten gelehrt werden kann, ist das Handwerk. Ein Musiker kann auch nicht einfach improvisieren oder bewusst die musikalischen Regeln brechen, ohne sie zu kennen. Absatz 1 von §50 des Kunsthochschulgesetzes verlangt daher unter anderem von der Hochschule, dem Studierenden „die Vorbereitung auf künstlerische und kunstpädagogische Berufe“ zu gewährleisten. „Gewährleisten“ ist in diesem Zusammenhang jedoch sehr vage formuliert.

War früher alles besser?

Das Angebot besteht zweifelsohne an der Düsseldorfer Akademie, nur eben ist es, anders als in ihrer Vergangenheit, keine Pflicht. Als Wilhelm von Schadow 1826 aus Berlin als Rektor an die Akademie berufen wurde, hatte er sich bereits Gedanken über die folgerichtige Ausbildung des Malers gemacht: Er baute auf methodische Kunstdidaktik und führte ein durch Peter von Cornelius (1819–1824) inspiriertes Dreiklassensystem ein.

Ab 1831 durchliefen die Studierenden diese drei Stadien, und während der Einfluss des Lehrers immer mehr nachließ, rückte die Individualität seiner Schüler immer weiter in den Vordergrund: „Die Bildung beginnt mit dem Elementarunterricht, wird fortgesetzt in derjenigen Klasse, welche den Schüler zu selbständigen Kompositionen vorbereitet, und schließt mit dem Rat und den Warnungen, die der Lehrer aus seiner Erfahrung denjenigen Jünglingen noch zu vergeben vermag, die auf den Punkt gelangt sind, wo das eigene freie Komponieren beginnt.“

Die Notwendigkeit, das Handwerk zu lernen, stand außer Frage

Die Studierenden lernten also beispielsweise zuerst einmal, Gemälde zu kopieren und Gegenstände sowie Menschen begreifen und darzustellen; außerdem wurden sie in „Hülfswissenschaften“ wie Anatomie, Architektur und Perspektive geschult. Dann erst, im dritten Schritt, durften sie eigene Kompositionen erschaffen. Diese bahnbrechende Methode sorgte dafür, dass die Düsseldorfer Malerschule und somit auch die Kunstakademie internationales Renommee erlangte.

Wohlgemerkt, zu der Zeit war Düsseldorf niederrheinische Provinz und zählte um die 25.000 Einwohner. Im Gegensatz zu heute lag das damalige Verständnis für Authentizität jedoch im Motiv und nicht im Unikat begründet. Die Beherrschung der Technik war daher extrem wichtig, denn die Künstler verdienten auch daran, Kunstwerke zu kopieren. Wollten die Studierenden rebellieren, weigerten sie sich, sakrale Werke zu malen; so zeigt es beispielsweise Johann Peter Hasen-clevers Atelierszene von 1836. Die Notwendigkeit der Ausbildung an sich stand außer Frage.

Crosspost von Index – Das Düsseldorfer Kunstmagazin

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