Ausbildung zum Künstler – 3/3: Die große Blase – BEST OF HR | B E R U F E B I L D E R . D E

Ausbildung zum Künstler – 3/3: Die große Blase



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Noch Ende des 19. Jahrhunderts hatten Künstler eine ganz klare Aufgabenstellung. Sie arbeiteten unter einem Mäzen oder malten für die Kirche, den Adel oder das Bürgertum. Heute werden die Künstler ohne jede Absicherung unvorbereitet auf den freien Markt geworfen.

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Hier schreibt für Sie: Anke Ernst ist Chefredakteurin des Düsseldorfer Kunstmagazins INDEX und freiberufliche Journalistin für Reise, Kunst und Kultur. Profil

Künstler als Dienstleister

Peter von Cornelius, der Nazarener, der 1819 in Düsseldorf als Rektor der wiedergegründeten Königlich-Preußische Kunstakademie sein Amt antrat, schrieb 1814 in einem Brief an den katholischen Publizisten Joseph Görres:

„Jetzt aber komme ich endlich auf das, was ich, meiner innersten Überzeugung gemäß, für das kräftigste und ich möchte sagen unfehlbare Mittel halte, der deutschen Kunst ein Fundament zu einer neuen, dem großen Zeitalter und dem Geist der Nation angemessenen Richtung zu geben: dieses wäre nichts anderes als die Wiedereinführung der Fresko-Malerei, so wie sie zu Zeiten des großen Giotto bis auf den göttlichen Raphael in Italien war“.

Damals: Lehrplan am Arbeitsmarkt orientiert

An die Stelle der Kirche trat später das preußische Reich, welches Kultur und Wissenschaft gezielt förderte und seine politische Macht auch durch die Monumentalkunst zur Schau stellen wollte. Besonders in der Kunstakademie unter Eduard Julius Friedrich Bendemann (1859-1867) wurde zugunsten dieser Malerei gewirtschaftet.

Und auch der Direktor der Nationalgalerie Rudolf Jordan sowie der Referent für Kunstangelegenheiten im Kultusministerium Richard Schöne verhalfen der Monumentalmalerei zu Aufschwung. Das führte dazu, dass für die Künstler an der Düsseldorfer Akademie hauptsächlich diese Form der Malerei auf dem Lehrplan stand.

Heute: Vielfalt in der Lehre in der großen Blase

Heute stehen den Studierenden die künstlerisch-technischen Einrichtungen offen, in denen sie sich beispielsweise in Gipsformerei, Maltechnik, Modellieren, Fotografie, Video und Film üben können. Sie können diese Einrichtungen aber auch komplett ignorieren. Die Frage stellt sich, ob das bloße Angebot ausreicht, oder ob handwerksbezogene Pflichtveranstaltungen sinnvoll wären.

Es scheint zwar geradezu undenkbar, dass ein Künstler sein Handwerk nicht lernen möchte. Aber andererseits werden die Studierenden in einer großen Blase gehalten: Sie haben nicht nur keine Ahnung von den eingangs erwähnten Schattenseiten der professionellen Künstlerexistenz, sondern auch nicht vom komplexen Kunstmarkt des 21. Jahrhunderts. Häufig fördert dieser Umstand einen selbst produzierten, eindimensionalen und ergo ziemlich hinderlichen Geniekult.

Nicht in die Spielregeln des Kunstmarktes eingeführt

Wenn heutzutage die Künstler die Akademie verlassen, haben sie jedoch keinen konkreten Auftraggeber oder Mäzen. Sie werden als Künstler auch nicht fest angestellt, und sie sind nicht in die Spielregeln des Kunstmarktes eingeführt worden. Sie verlieren ihren Studentenstatus und müssen mit einer Reihe von Fragen fertig werden:

  • Wo finde ich ein passendes Atelier?
  • Wie funktioniert das mit der Künstlersozialkasse und der Krankenversicherung?
  • Wie finde ich eine Galerie, wie vermarkte ich mich selbst, wie baue ich ein Netzwerk auf?
  • Wie viel soll mein Kunstwerk kosten und wie viel Prozent bekomme ich vom Verkaufspreis?
  • Wie werden meine Arbeiten versichert?
  • Soll ich Auftragsarbeiten annehmen?
  • Wie schreibe ich eine Rechnung und wie berechne ich die Mehrwertsteuer?
  • Wie funktionieren Auktionen und was ist eigentlich dieses Folgerecht?

Muss die Freiheit im Studium absolut sein?

Eine Absolventin der Kunstakademie urteilt wie folgt:

„Man wird nicht auf das Leben als freischaffender Künstler vorbereitet, im Gegenteil, man wird in einer Glaskugel aufgezogen und muss später ins kalte Wasser springen und oft ist es für viele, die es sich anders vorgestellt haben, dann zu spät, um eine neue Laufbahn zu beginnen. Ich würde mein Kind nicht an die Akademie schicken.“

Muss die Freiheit während des Kunststudiums absolut sein? Würde das Wissen darum, wie es nach dem Studium weitergeht, die Studierenden motivieren, sich handwerklich ausbilden zu lassen, damit sie für den Notfall Techniken beherrschen, mit denen sie Geld verdienen können?

Mehr Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt schadet nicht

Grundsätzlich glaube ich, dass handwerkliche Fähigkeiten sowie ein paar kunsthistorische Kenntnisse zur Grundausbildung eines Künstlers gehören. Darüber hinaus könnten ein paar Seminare zur Vorbereitung auf den Kunstmarkt nicht schaden. Wohlgemerkt: beides in Maßen und über die Jahre wohldosiert verteilt, um die künstlerische Freiheit zu gewährleisten. Denn diese Freiheit ist für unsere Gesellschaft unabdingbar.

Was sagt nun die neue Rektorin Rita McBride zu alldem? Welche sind ihre Überzeugungen und wie plant sie, sie umsetzen? Mit wem wird sie die bald vakante Professur von Lucie McKenzie besetzen? Leider bleiben diese Fragen vorerst im Raum stehen, denn McBride ist aktuell zu keinem Interview bereit.

Crosspost von Index – Das Düsseldorfer Kunstmagazin

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