Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel


Eines gleich vorweg: der Autor Martin Gaedt schafft den Spagat. „Mythos Fachkräftemangel“ ist ein Sach- und Fachbuch mit akribisch recherchierten Zahlen, Daten, Fakten. Nichts Belegbares bleibt unbelegt. Zugleich liest es sich in großen Strecken fast so spannend wie ein Krimi. In etlichen Passagen dank Gaedts lebhafter Beispiele und seiner bildhaften Sprache sogar ausgesprochen unterhaltsam. Und der Kreis derjenigen, die aus diesem Buch Inspirationen gewinnen können, ist groß.


Unternehmen & Fachkräfte: Wie zwei Königskinder

Als ich begann in diesem Buch zu blättern, so nach den ersten zehn Seiten, fiel mir spontan die Volksballade von den zwei Königskindern ein, die nicht zu einander kommen, weil ein tiefer Fluss sie trennt. Die beiden Königskinder sind in diesem Buch Unternehmen und Fachkräfte.

Und siehe da, auf S. 131 zum Ende des 1. Buchteiles „Warum unser Arbeitsmarkt nicht zukunftsfähig ist“, zitiert Gaedt diese Ballade. Um wenige Seiten weiter beherzt eine Brücke zu bauen: Buchteil 2 „Wie wir den Fachkräftemangel beheben“, zeigt, dass es möglich ist, den Fluss zu überqueren.

Weg mit den Vorurteilen

Bereits im Vorwort kennzeichnet Gaedt ein Grundübel, das – nur allzu menschlich – das Monster Fachkräftemangel fleißig füttert und am Leben erhält: Das bequeme Vor-Urteil.

Beklagenswerte Schulbildung der jungen Generation und demographisch bedingter Bevölkerungsrückgang sind der Grund, warum es zu wenig Ärzte gibt und keine Auszubildenden zu finden sind – so das gängige Urteil. Ist das wirklich so? Fragt Gaedt! Stimmen die Behauptungen jeweils für sich so überhaupt? Und wer trägt die Verantwortung dafür?

Das Problem beginnt schon bei der Berufswahl

Der gesamte Teil 1 liefert eine messerscharfe Analyse, detailfreudig und aus vielen Perspektiven. Wie stellen sich die Unternehmen selbst dar? Wie machen auf sich aufmerksam – oder auch nicht? Und womit senden sie Negativsignale?

Gaedt zieht schon in diesem Kapitel auch die große, die umfassende Karte zum Standort Deutschland hervor. Da geht es auch um Schulen und Berufsberatungsinstitutionen – wer weiß schon, dass es 345 (!) duale Ausbildungsberufe gibt. Was aber ist oft noch geübte Praxis? Ein junger Mensch kreuzt auf dem Fragebogen an: Ich arbeite gerne im Freien. „Werd‘ doch Gärtner“ spuckt das System als einzige Antwort aus.

Die Versäumnisse der Unternehmen

Mit Fahrtrichtung zum Teil 2 des Buches und bereits in dessen Fahrwasser fokussiert Gaedt noch einmal sehr dezidiert auf Versäumnisse und Fehlentscheidungen von Unternehmen. Arbeitgeber und Personalverantwortliche aufgepasst!

In Gaedts Beobachtungen steckt so viel Sprengkraft, wird bis zur Schmerzgrenze deutlich gemacht, wo es hakt, dass jedes Unternehmen, dass flugs und unbedacht die Fachkräftemangel-Flagge aus dem Fenster hängt, nach diesem Buch sich zu Recht fragen (lassen) muss: Und haben Sie diese Aspekte schon einmal bedacht?

Das richtige Matching herstellen

Zugleich aber zeigt der Autor Potenziale auf, die viele Unternehmen bei sich noch gar nicht entdeckt haben. Bis er zu einem lösungsorientierten Höhepunkt in diesem an Ideen wahrlich nicht armen Buch kommt: dem in einem Beratergespräch geborenen und von Gaedts Firma konzipierten Talentpool:

Ein webbasiertes Netzwerk, in das Unternehmen diejenigen Bewerber zur Vorstellung einladen, die bei einem Unternehmen nicht 100prozentig ins Profil gepasst haben. Für ein anderes Unternehmen aber möglicherweise die Idealbesetzung darstellen. Eine in ihrer Einfachheit geniale Idee. Der Talentpool kann sich auf Branchen beziehen, Verbände wie Innungen und IHKen könnten ideale Förderer und Multiplikatoren sein. Ein Gewinn für alle Akteure in diesem Netzwerk.

Einfach machen!

Und damit schlägt der Autor die nächste Brücke: Ob Unternehmen und Bewerber zueinander finden, ist weit mehr als ein Geschehen zwischen diesen beiden. Hier spielen die große und die Regionalpolitik, die Bildungs- und staatlichen Institutionen eine Rolle. Für die Vernetzung aller in diesem System Verwobenen hat der Autor überraschende und zugleich sehr handhabbare Ideen. Es ist nur eine Frage des Willens und des Wollens.

Also Schritt Eins für alle hier genannten Akteure: Buch kaufen, Schritt zwei: Inspirieren lassen, Schritt Drei: Machen!

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  1. Pingback: Zu aktuellen Diskussion um Fachkräftemangel 1/2: Warum finden manche Firmen keine Mitarbeiter? | B E R U F E B I L D E R

  2. @Robindro @Following_HR @younect : Genau das sagt auch Martin Gaedt in seinem Buch: Mythos Fachkräftemangel:

  3. RT @younect: In Gaedts Buch steckt so viel Sprengkraft, wird bis zur Schmerzgrenze deutlich, dass jedes Unternehmen …

  4. In Gaedts Buch steckt so viel Sprengkraft, wird bis zur Schmerzgrenze deutlich, dass jedes Unternehmen @DanielsOnFly

  5. Mythos Fachkräftemangel: Zahlen, Daten, Fakten. Nichts Belegbares bleibt unbelegt… fast so spannend wie ein Krimi

  6. RT @SimoneJanson: Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel –

  7. RT @younect: Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel | B E R U F E B I L D E R – fast so …

  8. RT @younect: Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel | B E R U F E B I L D E R – fast so …

  9. Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel | B E R U F E B I L D E R – fast so spannend w…

  10. RT @SimoneJanson: Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel –

  11. „fast so spannend wie ein Krimi. Dank der bildhaften Sprache sogar ausgesprochen unterhaltsam“

  12. Ob Unternehmen und Bewerber zueinander finden… Regionalpolitik, Bildungs- und staatlichen Institutionen eine Rolle.

  13. RT @younect: @DanielsOnFly Danke! „Mythos Fachkräftemangel“ liest sich fast so spannend wie ein Krimi, ausgesprochen unterhaltsam. http://t…

  14. @DanielsOnFly Danke! „Mythos Fachkräftemangel“ liest sich fast so spannend wie ein Krimi, ausgesprochen unterhaltsam.

  15. „Mythos Fachkräftemangel“ liest sich in großen Strecken fast so spannend wie ein Krimi… ausgesprochen unterhaltsam.

  16. RT @jobcollege: Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel: Eines gleich vorweg: der Au… #B…

  17. Akribische Analyse mit Unterhaltungswert: Mythos Fachkräftemangel: Eines gleich vorweg: der Au… #Beruf #Bildung

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