Wo Sascha Lobo mit seinem Text über das geborgte Netz irrt: Gefährlich, aber bequem!

Es wird im Internet getwittert, gelikt, geplust, gepint und vieles mehr. Sascha Lobo schürt nun die Angst vor Datenverlust in sozialen Netzwerken und zeigt die Vorteile des Blogens auf einer eigenen Seite auf. Richtig, löblich und idealistisch. Denn Lobo übersieht, warum  es überhaupt so weit gekommen ist.

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Vor zwei Tagen rückte Sascha Lobo bei Spiegel Online ins Bewusstsein, was vor ihm schon viele andere, z.B. auch ich in meinem aktuellen Buch “Nackt im Netz“, als Problem erkannt hatten: Die Abhängigkeit der Social-Media-Schaffenden von den Geschäftsbedingungen kalifornischer Internet-Firmen.

Das geliehene Netz ins Bewusstsein gerückt

Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang für mich Martin Oettings Bild vom durchgeknallten Kneipenwirt aus Kalifornien, an dessen Tisch man sich zwar setzen kann, durch den man sich aber nicht verführen lassen sollte, die eigene Kneipe zuzumachen.

Dementsprechend plädiert Lobo in seinem Beitrag “Euer Internet ist nur geborgt” für die Rückkehr der etwas eingeschlafenen Blog-Verlinkungskultur. Das ist dankenswert, weil dieses wichtige Thema dadurch hoffentlich wieder etwas stärker ins Bewusstsein gerät.

Idealistisches Anliegen mit ernstem Hintergrund

Und es ist nachvollziehbar,Lobos Anliegen deckt sich mit meinem: Er möchte die deutschen Blog-Kultur wiederbeleben. Gegenseitiges, nachhaltiges rezipieren statt schnelle, hektische Klickverlinkung. Lobenswert – und idealistisch.

Wenn es da nicht ein entscheidendes Argument gäbe: Die handfesten Nachteile, die es mit sich bringt, wenn man sich auf Soziale Netzwerke als Kommunikationsplattform verlässt – gerade auch für Unternehmen.

Seite, gesperrt Fans weg

Das von Lobo genannte Beispiel ist zwar ärgerlich aber harmlos: Facebook, das nun plötzlich die Städte lieber selbst vermarkten möchte und dafür ganze Städteseiten löscht. Nun gut, einige tausend Fans weg, dum gelaufen. Aber noch Verschmerzbar. Auch für ein Unternehmen.

Auch wenn Cyquest-Geschäftsführer Joachim Dircks das etwas anders sieht, wenn er in seinem Blog warnend dafür plädiert, die Dinge von Innen nach Außen zu denken:

Jedes Unternehmen, das eine Facebook-Page einrichtet, unterwirft sich den Nutzungsbedingungen und Spielregeln von Facebook. Wenn Facebook morgen entscheidet, dass die Seite.. nicht mehr uns gehört, sondern einem anderen Anbieter, dann könnten wir uns dagegen nur sehr bedingt wehren. Wenn Facebook morgen entscheidet, dass Karrierepages mit mehr als 10000 “Fans” fortan im Jahr sagen wir mal 100000 $ Nutzungsgebühr kosten, dann kann man sich bei BMW oder der Lufthansa zwar überlegen, ob man das ausgeben will und einem die Seite soviel Wert ist oder nicht. Man kann aber im Prinzip nichts dagegen tun.

Daten weg, alles weg

Doch es geht noch schlimmer: So sind sind mittlerweile mehrere Fälle bekannt  (siehe auch in den Kommentaren!), in denen Google ohne Vorankündigung einfach einen Account mit allen darin befindlichen Daten, z.B. E-Mails, Kalender usw. gesperrt bzw. gelöschthat – die betreffenden Personen hatten einfach von heute auf morgen keinen Zugriff mehr und auch keine Möglichkeit, ihre Daten runterzuladen.

Da ich von einigen Unternehmen weiß, dass sie ihr Projektmanagement oder ihre Kommunikation über Facebook bzw. Google abwickeln, ist so etwas eine stete reele Gefahr.Und klar, nun kann man sagen, selbst schuld, wenn man sich darauf verlässt. Doch warum sind Unternehmen eigentlich so blöd.

Instant Erfolg: Der Sieg der Kurzsichtigkeit

Ein Grund dürfte wohl die tatsächliche oder eingebildete Zeitersparnis. Eingebildet deshalb, weil auch twittern, facebooken usw. jede Menge Zeit kosten, das aber gerne übersehen wird. Hingegen schrecken viele vor dem großen Aufwand, eines eigenen Blogs zurück, das merke ich bei Seminaren immer wieder.

Aber nicht nur: Ein wichtiger Grund ist auch das, was Robert Basic sehr schön mit dem Begriff “Instant Gratification” erklärt:

“Das Betreiben einer Facebook-Seite und eines Twitter-Accounts führt recht schnell zu vermeintlichen Erfolgserlebnissen. Im Gegensatz zu einem Blog und den kaum fassbaren Lesern bekommt man auf Facebook und Twitter ein anderes Gefühl vermittelt: Die Liker und Follower sind greifbarer, fühlen sich echter an … Es ist wenig erstaunlich, dass Unternehmen gerne mit ihren Follower/Like-Zahlen hausieren gehen. Sie können es intern besser verkaufen als anonyme Blog-Leser, die man nicht zu fassen bekommt.”

“Es ist ja so praktisch!”

Besser verkaufen – genau das ist für viele Unternehmen der Knackpunkt: Vor allem bei Facebook mit seinen gut 800 Millionen Mitgliedern weltweit scheint es für Unternehmen attraktiv, vertreten zu sein. Denn man will ja schließlich da sein, wo die Kunden sind.

Was dabei letztlich herauskommt, wie viele Menschen tatsächlich an einer Person oder einem Unternehmen Interesse haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es ist ja so einfach und praktisch.

Angst vs. Faulheit: Wer gewinnt?

Daher bin ich, auch wenn ich Sascha Lobo grundsätzlich zustimme, skeptisch, ob die Angst vor dem Datenverlust Menschen wie Unternehmen wirklich abschreckt, sich auf Facebook oder Google zu verlassen. Auch wenn die Panikmache, die nächste Sau, die durchs Dorf Netz getrieben wird, immer mal wieder schlaglichtartig Wirkung zeigt.

Wenn Angst und Faulheit, oder sagen wir mal Bequemlichkeit, sich ein Wettrennen liefern würden, wer denn nun die stärkere menschliche Antriebsfeder wäre, würde ich auf Faulheit als Sieger setzten. Was meint Ihr?

Update: Ein Beitrag zu diesem Thema von mir ist nun auch auf imgriff.com erschienen.


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Kommentare & Reaktionen

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  • http://www.xiqit.de/ Konrad

    Ein Teil des Problems ist ja, dass das ursprünglich auch in vielerlei Blog-Software angelegte Konzept der Pingbacks und Trackbacks so sehr für Spam verbrannt wurde, dass es alle wieder abgeschaltet haben. Ansonsten wäre ja die Ausbreitung von Links in der Blogosphäre besser zu verfolgen. Und auch Leserzahlen von Websites und RSS Feeds können ja sehr gut festgestellt werden; dieses Festhalten an Followern und Friends ist also, wenn man es tiefer durchdenkt, nicht viel aussagekräftiger als Kennzahlen von Websites, die sowieso schon erfasst werden können und auch werden.

    • http://simone-janson.de Simone Janson

      Hallo Konrad,
      da gebe ich dir völlig recht. Ein Unterschied ist aber, dass die Friends & Follower meist mit Foto auftauchen und man dann offenbar das Gefühl hat, konkrete Menschen zu erreichen und nicht nur irgendwelche anonymen Visit-Zahlen. Sprich: Man sieht konkret, wer Hinter den Zahlen steckt.
      Aus dem gleichen Grunde schätze ich z.B. auch Blogkommentare – und wenn es FB & Twitter nicht gäbe, gäbe es vielleicht noch mehr davon, wer weiß!

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  • http://blog.recrutainment.de Jo Diercks

    Hallo Simone,

    wie gesagt, ich bin ja im Prinzip selber ein großer Fan von Social Media Plattformen, aber man sollte bei aller Euphorie die Risiken nicht übersehen und vor allem die Prioritäten nicht falsch(herum) setzen.

    Speziell wenn man über Facebook Karriere-Pages diskutiert, stelle ich bei vielen Unternehmen immer wieder fest, dass sie eigentlich gar keinen gescheiten Content dafür haben. Als sei so eine Seite ein Selbstzweck oder als würde sich das Problem da magisch schon von allein lösen. D.h. ich brauche Content. Ein eigener Blog kann diesen Content liefern, also: Erst bloggen und dann diesen Content im Social Web streuen.

    Und wenn man speziell auf den Aspekt Berufsorientierung oder Personalmarketing schaut, dann wollen Nutzer den Content auch im Endeffekt lieber auf der Karriere-Website lesen, nicht auf Facebook, Twitter (wo es ja auch gar nicht geht mit 140 Zeichen…) oder Pinterest (wo es nur Bilder gibt…). Das heisst aber natürlich nicht, dass Facebook und Co. nicht gute Instrumente wären, User überhaupt erstmal zu erreichen (um sie dann aber auf die eigene Seite zu locken).

    Mein Post hierzu von gestern ist übrigens hier nachzulesen: http://blog.recrutainment.de/2012/04/18/facebook-karriereseiten-sind-nur-geborgt/

    Liebe Grüße!
    Jo

    • http://simone-janson.de Simone Janson

      Hallo Jo,
      deinen Beitrag habe ich doch im Text verlinkt und zitiert – er hat mich ja zu dem Blogpost inspiert.
      Was ich nicht verstehe: Warum plötzlich alle Facebook-Karriere-Seite haben wollte, wo die Gestaltungsmöglichkeiten bei Facebook im Vergleich zur eigenen Website viel bescheidener sind – ich habe mich oft genug selbst darüber geärgert. M.E. reines Marketing diverser Agenturen – hat mir auch mal jemand – von einer Agentur – so gesagt ;-)
      Gruß zurück

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