Warum Stellenanzeigen oft falsch verstanden werden: Männer für gefährliche Reise gesucht

Gleich mehrere Studien belegen, dass die meisten Leser von Stellenanzeigen nicht verstehen, worin die ausgeschriebene Aufgabe genau besteht. Die nächste Hürde für potenzielle Bewerber ist es, die eigenen Erfahrungen, Qualifikationen und Erwartungen mit den oft überzogenen Anforderungsprofilen in Einklang zu bringen.

Die Mehrzahl der Personalanzeigen wirkt zudem unglaubwürdig, irgendwie unecht also einfach nicht authentisch. Die vielen Worthülsen und Gemeinplätze tragen auch nicht gerade zum besseren Verständnis der Stellenanzeigen bei.

Bedienungsanleitung statt verständlichem Text

Und wenn es sogar Fachliteratur für Bewerber gibt, mit Titeln wie „Stellenanzeigen richtig verstehen“ oder „Stellenanzeigen richtig lesen“, bieten die Texte in Stellenanzeigen ganz offensichtlich erhebliches Optimierungspotenzial, denn eigentlich sollte die Zielgruppe die Anzeigen ohne Bedienungsanleitung verstehen.

Die folgende Stellenanzeige erregte – so sagt man – großes Aufsehen und sorgte gleichzeitig für hohe Resonanz, also viele Bewerber:

Männer für gefährliche Reise gesucht: Geringe Bezahlung. Eiseskälte. Lange Monate vollständiger Dunkelheit. Ständige Gefahren. Rückkehr ungewiss. Bei Erfolg: Ehre und Anerkennung.

Ideal: Offenheit, Emotionen und Polarisation

Der oben abgelichtete Antarktisforscher Sir Ernest Henry Shackleton soll die Anzeige um das Jahr 1900 in der London Times veröffentlicht haben, um Teilnehmer für seine Expedition zum Südpol zu finden. Die Existenz der Annonce ist nicht belegt. Das ist aber auch nicht wichtig.

Es geht mir vielmehr um das herausragende Beispiel für Offenheit, Ehrlichkeit, Emotion und nicht zuletzt um das insgesamt hohe Maß an Polarisationspotenzial. Genau durch diese Mischung werden die falschen Bewerber abgeschreckt und die passenden angezogen.

Die „typische“ Stellenanzeige: Eine gleicht der anderen!

Lassen Sie uns nun spaßeshalber annehmen, Sir Ernest Shackleton wäre Personalleiter in einem deutschen Unternehmen. Dann hätte seine Anzeige vielleicht wie folgt ausgesehen:

Wir sind ein führendes international ausgerichtetes Unternehmen der Event- und Forschungsbranche. Unsere Produkte und Dienstleistungen setzen Maßstäbe. Wir planen heute schon für morgen, denn Erfolg ist kein Zufall. Wir wachsen – das ist Ihre Chance! Gestalten Sie mit uns die Zukunft! Für eine Reise in den Süden suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt Mitarbeiter [m/w]. Erleben Sie Natur pur! Wenn Sie teamorientiert und flexibel sind, Sie analytisch denken, kreativ, verantwortungsbewusst, durchsetzungsstark und serviceorientiert sind, dann passen Sie perfekt in unser Team. Interessiert? Dann freuen wir uns auf Ihre aussagekräftige Bewerbung mit Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung.

Klartext in Stellenanzeigen, das wäre doch was!

Ob Sir Shackleton mit dieser Art von Anzeige mehr oder weniger Rückläufe erhalten hätte, sei dahingestellt. Sicher hätten sich bei ihm jedoch vollkommen ANDERE Kandidaten beworben. Wahrscheinlich hätten sich auch viele Müßiggänger in kurzen Hosen gemeldet.

Aber spätestens, wenn diese Bewerber erfahren hätten, dass mit „Süden“ nicht 30 Grad im Schatten am Pool, sondern minus 30 Grad bei starkem Schneetreiben gemeint waren, dass mit „Natur erleben“ nicht das Luxusressort im Grünen, sondern ein Zelt gemeint war, das zudem jeden Tag selbst auf- und abgebaut werden muss – ja, spätestens dann hätten diese Menschen das Weite gesucht.

Passender Text für passende Teilnehmer

Und Sir Ernest Shackleton hätte Zeit und Geld in der Rekrutierung verschwendet oder sogar den Erfolg seiner Expedition gefährdet.

Da Sir Shackleton jedoch passende Teilnehmer suchte, formulierte er seine Anzeige dementsprechend – trotzdem soll er mehr als 4.000 Bewerbungen erhalten haben. Es schadet also nicht, wenn in Klartext gesprochen wird. Statt – wie es viele Firmen tun – zuerst Versprechungen zu machen, die sie dann nicht halten können.

Floskeln sind keine Argumente

In Stellenanzeigen lesen Bewerber oft Anglizismen, Phrasen und Worthülsen. Im besten Fall erahnen die Kandidaten, was damit gemeint sein könnte. Das sorgt nicht für Klarheit, sondern schürt Halbwissen und Vorurteile. Erfolgreiche Stellenanzeigen zu erstellen ist schwierig und eine Sache für Profis.

Was soll denn bei einer Personalanzeige herauskommen, die, von interessierten Laien übers Knie gebrochen, nur eine dünne, emotionslose Stellenbeschreibung enthält und jene Selbstverständlichkeiten und Floskeln, die gerade zur Hand sind (oder von anderen Stellenanzeigen abgeschrieben werden)?

Mehr Transparenz würde allen helfen!

Mehr Klarheit und Transparenz in Stellenanzeigen würde Bewerbern und Arbeitgebern in gleichem Maße helfen. Bis es soweit ist bleibt den Bewerbern nur, sich VOR einer Bewerbung genau zu informieren, was von ihnen wirklich erwartet wird und versuchen zu erforschen, was sie erwartet.


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