Wie ein „Landstreicher“ Hartz-IV-Empfänger zu Erntehelfern ausbildet: Spargelstechen für den Wiedereinstieg

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20.06.2012 729 Leser 8 Debatten 1061 Wörter Lesezeit: 5 Minuten, 15 Sekunden
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Das Spargelstechen hat er einst mit vier Jahren von seiner Großmutter gelern. Heute bietet Dirk Johl mit lustigem Strohhut als „Landstreicher“ Spargel-Seminare und Spargel-Touren für Touristen an. Hauptsächlich aber betreut er als Personalvermittler im Auftrag des Jobcenters Langzeitarbeitslose, denen er durch das Spargel-Stechen bei der Wiedereingliederung in den Job hilft.

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Ohne osteuropäische Erntehelfer geht es nicht!

Es ist kein einfacher Job, ich habe es selbst ausprobiert: Folie zurückschlagen, Bücken, Spargel finden, mit zwei Fingern freischaufeln, mit dem Werkzeug möglichst den ganzen Spargel rausholen, so dass er nicht abbricht, Loch mit der Kelle wieder zumachen, aufrichten – und zum nächsten Spargel.

Richtige Schwerstarbeit ist das: Jeder Erntehelfer bückt sich gut 2000 mal am Tag und holt im Schnit 100 Kilo Spargel aus der Erde, die Spitzenreiter sogar 280 Kilo. Maschinen gibt es zwar, aber die erledigen die Arbeit nicht mit der selben Qualität.

Daher würden Betriebe wie der Spargel- und Erlebnishof Klaistow bei Beelitz, südlich von Berlin, wahrscheinlich ohne die polnischen und rumänischen Erntehelfer zusammenbrechen – denn deutsche Mitarbeiter sucht man in der Spargelernte vergeblich. „Finden Sie mal deutsche Saisonarbeiter“, sagt PR-Dame Claudia Mikosch.

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Ein heißdiskutiertes Thema

Ein Thema, das von den Medien heißdiskutiert und stets mit viel Polemik begleitet wird: „Bezieher von Arbeitslosengeld II, die von den Arbeitsagenturen zum Spargelstechen verdonnert werden.“ Oder „Die Faulen Deutschen HartzIVler, die sich zu gut sind zum Spargelstechen im Vergleich zu den Osteuropäern.“

„Landstreicher“ Dirk Johl sieht das Thema gelassener: „Das hat nichts mit Faulheit zu tun. Für Osteuropäer ist das gleiche Geld einfach viel mehr Wert. Die kommen auch nur hierher, um Geld zu verdienen.“ Dementsprechend sind die Löhne: Ein osteuropäischer Erntehelfer bekommt einen Grundlohn von 900 Euro, darüber hinaus wird er Leistungsbezogen bezahlt. „Da sind 2000-3000 Euro drin“, sagt Johl.

Wiedereinstieg dank Spargelstechen

Deutsche hingegen erhalten je nach Aufgabe 5-10 Euro die Stunde. Gebraucht werden sie überall da, wo es um Kommunikation geht, etwa im Verkauf. „Gut 20 Prozent der Mitarbeiter auf einem Spargelhof sind Deutsche,“ erklärt der Landstreicher.

Johl kennt sich mit dem Thema aus: Seit 2005 betreut er Langzeitarbeitslose, denen er durch das Spargelstechen einen Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht. Insgesamt 1500 Fälle hat er seitdem für das Jobcenter betreut, für das im Landkreis Potsdam-Mittelmark seit Januar die Optionskomune  zuständig ist.

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Mehr als ein 1-Euro-Job

Ein 1-Euro-Job ist das Spargelstechen nicht: „Natürlich können die Leute auch nicht Hartz IV und den vollen Lohn bekommen. Sie verdienen aber auf alle Fälle durch die Saisonarbeit mehr als nur beim Arbeitslosengeld II.“

Ziel der Maßnahme sei aber nicht das Geld, sondern dass die Leute wieder in den Job zurückfänden: „Wenn die Leute einige Jahre nicht gearbeitet haben, sind sie regelmäßige Jobs nicht mehr gewöhnt. Das Spargelstechen hilft dabei, sich wieder an das Berufsleben zu gewöhnen.“

„Wer nur rummeckert, verbessert nichts!“

Zur Zeit betreut er 200 Leute, 98 von ihnen hat er zur Zeit in einem Job untergebracht. Viele schaften durch die Saisonarbeit den Wiedereinstieg. „Man ist ja immer auch ein wenig die Mutter Theresa für die Leute und freut sich, wenn man sie dann wiedertrifft und sie es geschafft haben,“ zeigt sich Johl begeistert. „30 Prozent meiner Leute sind nach 3 Jahren wieder soweit, dass sie arbeiten wollen!“

Wie viele Leute genau im Laufe der Zeit wieder in einen Job gekommen sind, kann er nicht sagen. Von Polemik gegen die Arbeitsagentur, wie sie in den Medien oft vorkommt, hält er allerdings nichts: „Es geht ja daraum, die Situation der Leute zu verbessern und konstruktiv etwas zu tun. Wer nur rummeckert, erreicht gar nichts.“

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Ein bewegtes Berufsleben

Johl selbst ist der beste Beweis für ein bewegtes Berufsleben: 1970 in Treuenbrietzen in Brandenburg geboren,wollte er schon als Kind in der Landwirschaft arbeiten: „Mich haben einfach Traktoren und Mähdrescher fasziniert“, grinst er verschmitzt.

1986-1988 absolvierte er daher eine Ausbildung zum Facharbeiter für Pflanzenproduktion und arbeitete in einem landwirtschaftlichen Betrieb in der ehemaligen DDR. Dann aber brach nach dem Mauerfall die Landwirtschaft zusammen.

Johl arbeitete in den folgenden Jahren u.a. als Fenstermonteur, Kohlefahrer und Speditionskraftfahrer. 1999 musste er harte körperliche Arbeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und machte eine Reha-Umschulung zum Kaufmann für Bürokommunikation.

Aus Liebe zur Landwirtschaft

Doch die Liebe zur Landwirtschaft hohlte ihn wieder ein: Seit 1999 arbeitet er in der Arbeitsvermittlungsagentur „Agrotime“ in Potsdam, die Arbeitskräfte in der Landwirtschaft vermittelt. Nebenbei hat Johl die Figur des Landreichers ins Leben gerufen – aus Liebe zur Region und weil sich das so ergeben hat: „Irgendwann wurde ich halt einfach gefragt, ob ich nicht auch Führungen machen kann, “ erklärt Johl.

Die Vermittlung von Saisonarbeitern indes ist ein Job, der ihn das ganze Jahr über beschäftigt: Im Winter hält er Infoveranstaltungen ab und motiviert Leute zur Saisonarbeit. Und im Sommer geht er mit ihnen aufs Feld!

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