Interview mit Karriere-Experte Sascha Schmidt über berufliche Sinnkrisen & Auswege: „Werden Sie Entscheidungsträger in eigener Sache“

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03.09.2012 784 Leser 0 Debatten 866 Wörter Lesezeit: 5 Minuten, 24 Sekunden

Gesundheit & Feelgood Meinung  Selbstfindung Management Führung Krise Krisenmanagement Erfolg Resilienz   Sascha Schmidt begleitet hauptsächlich Führungskräfte durch die berufliche Midlife Crisis. 2012 ist sein neues Buch „Ganzheitliche Karriereplanung. Ein Leben in Balance“ erschienen. Im Interview spricht er über die berufliche Sinnkrisen, über Auswege und warum ein Jobwechsel nicht die alleinige Lösung ist.

Sascha Schmidt, lebt und arbeitet in München. Er studierte Geschichte, Philosophie und Pädagogik. Danach startete eine zehnjährige Karriere mit Höhen und Tiefen in der Medienbranche. 2005 gab er seiner Karriere eine neue Richtung. Er machte sich selbständig – zuerst als Unternehmensberater und seit 2009 als Coach und Personalberater. 

Herr Schmidt, Was ist eine berufliche Midlife Crisis?

Midlife Crisis ist zuerst einmal ein Schlagwort, hinter dem man sich gut verstecken kann. Wir kennen das ja gut im privaten Umfeld. Ja, er hat seine Midlife Crisis, das geht schon wieder vorüber.

Und so ist das dann häufig auch. Nach dem Kauf eines Motorrades oder der kurzen außerehelichen Affäre kehrt man zurück in den Trott des bisherigen Lebens. Das muss so nicht sein. Andere nutzen diese Sinnkrise im Leben dazu, sich fundamentale Fragen über den bisherigen und zukünftigen Verlauf des eigenen Lebens zu stellen.

Hier gibt es wieder eine Bandbreite an Antworten – das geht zum Wiederbeleben eines alten Hobbies bis hin zur Trennung von dem bisherigen Partner. Genau diese Phänomene lassen sich auch im beruflichen Umfeld beobachten.

Können Sie das anhand eines Beispiels verdeutlichen?

Gerne – Ich erzähle Ihnen ein Beispiel aus meinem Buch. Eine Gesprächspartnerin von mir wurde gegen Ihren Willen befördert. Das klingt schräg und war ihr auch nicht so bewusst. Was war passiert?

Sie wurde als Fachexpertin zur Teamleitung berufen. Ihr Vorgesetzter war sich sicher, eine gute Wahl getroffen zu haben. Ihr ging es oberflächlich auch so; nur im Job verlor sie Spass und Freude an ihrem Tun.

Im Karrierecoaching kam sie für sich dahinter, dass Karriere für sie bedeutet, Freude und Spaß in der Arbeit im Team zu haben. Genaue dieses vermisste sie in der Führungsrolle. Sie zog für sich daraus die Konsequenz und kündigte den Job. Nun arbeitet sie wieder als Fachexpertin in einem neuen Unternehmen.

Eher ungewöhnlich, dass jemand freiwillig einen Schritt zurückgeht. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Ja, das ist nicht häufig der Fall. Hier war es zugleich die richtige, weil individuelle, Lösung. Denn sinnvolles und damit erfülltes Arbeiten fand sie nicht in der Führungsrolle. Übrigens kennen viele Ärzte dieses Phänomen. Wer befördert wird, hat immer mehr mit Bürokratie und Repräsentationspflichten zu tun.

Das Eigentliche, dem Helfen von Kranken und der damit verbundene zwischenmenschliche Kontakt, geht verloren. Zugleich ist es immer eine individuelle Entscheidung. Es gibt keinen goldenen Weg! Wer erfüllt davon ist, Teams und Menschen zu führen und zu motivieren, der wird den klassischen Karriereweg wählen. Und das ist dann gut so.

Woran erkenne ich, was mein richtiger Weg ist?

Indem Sie Entscheidungsträger in eigener Sache werden. Bevor Sie eine Entscheidung treffen, sollten Sie Fakten und Gefühle zu dem Thema prüfen. Was stört mich am Job? Was gefällt mir im Job? Was kann ich ändern? Was wird sich nicht ändern? Wozu mache ich meine Arbeit?

Und so weiter – es gibt eine Vielzahl an offenen Fragen. Wichtig ist, schon beim Prozess des Antwortens auf sich und seine Gefühle zu achten.

Was heißt das?

Also, die Antwort auf das „Wozu mache ich den Job“ kann lauten, um meine Familie ernähren zu können. Ein rational nachvollziehbarer Grund. Wenn Sie sich emotional nicht gut fühlen mit der Antwort, dann wird es Zeit, sich nach Alternativen umzuschauen.

Wie kann ich meine Familie anders ernähren? Das kann sein, dass Sie einen neuen Arbeitgeber suchen, es kann sein, dass die mit ihrem Partner die Rollen tauschen. Der Mann wählt die Elternzeit, während die Frau das Geld verdient – alles Modelle, die lebbar sind.

Wenn ich in der beruflichen Sinnkrise bin, raten Sie mir also nicht sofort dazu, einen neuen Job zu suchen?

Richtig, wer sich unwohl fühlt, sollte zuerst dieses Unwohlsein anerkennen. Dies ist der Startschuss für eine wirkungsvolle Veränderung der beruflichen Karriere. Was ruft bei mir dieses Unwohlsein hervor? Wer sich hier auf Spurensuche begibt, der vermeidet, durch einen Schnellschuß vom Regen in die Traufe zu wechseln.

Es kann sein, dass Sie erkennen, dass Unwohlsein oder die Sinnlosigkeit resultiert aus dem Strategiewechsel des Unternehmens. Sie können dahinter nicht mehr stehen. Dann hilft ein Jobwechsel. Denn Sie kennen jetzt Ihre Parameter, unter denen Sie für sich sinnvoll Arbeiten können.

Man muss immer gleich den Job wechseln?

Nein, natürlich nicht. Wenn Ihr Unwohlsein sich nur auf Ihren Vorgesetzten bezieht und ansonsten alles gut ist, dann reicht ein Abteilungswechsel aus. Wer einen Schritt weitergehen will, kann sich dann auch fragen, wieso stört mich der Chef überhaupt?

Immer wieder reicht alleine die Erkenntnis in einem Coachinggespräch aus, dass der Chef nicht der Vater ist, sich plötzlich befreit zu fühlen. Ein Jobwechsel ist hierfür gar nicht notwendig.

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