Gunther Dueck über Ausbildung & Unternehmenskultur in Deutschland: “Kreativität wird als Krankheit betrachtet!”

Im vergangenen Dezember tagte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ zum Thema “Veränderungsprozesse in der digitalen Wirtschafts- und Arbeitswelt”. U.a. ging es um die StartUp-Förderung und Unternehmenskultur in Deutschland sowie das Bildungssystem. Dabei gab es einige überraschende Erkenntnisse zum Digitalen Wandel und zum deutschen Bildungssystem – u.a. von Gunther Dueck.


Das Video zur Sitzung war leider nur in voller, fünfstündiger Länge zu finden. Bei 1:30 macht Gunther Dueck – Mathematiker, Ex-IBM-Manager, Publizist & Speaker, seine interessanten Anmerkungen zum Deutschen Bildungssystem, das seiner Meinung nach unternehmerisches Denken bereits im Keim ersticke:

Kreativität als Krankheit?

„Kreativität wird in der Schule als Krankheit betrachtet“, urteilte er. Zudem sei die Vermittlung sozialer Kompetenz „kein Bestandteil des Bildungssystems“. Zwar werde auf das Zuhören Wert gelegt. Das Austeilen von Befehlen werde aber in der Schule aberzogen, kritisierte er. Das sei falsch, da man als Unternehmer auch mal „klare Ansagen“ machen müsse.

Etwas weniger hilfreich war Dueck Ausführung zur Frage von MdB Tabea Rößner, wie denn dem modernen Prekariat zu begegnen sei. Rößner, medienpolitische Sprecherin der Grünen, spielte damit auf die Situation vieler Kreativschaffender an.

Duecks Antwort darauf ist altbekannt und mir persönlich ein wenig zu oberflächlich: Wer die entsprechenden Soft Skills und Anpassungsfähigkeiten an die moderne, digitale Gesellschaft mitbringe, werde es schaffen. Der Rest fällt hinten runter. Das ist mir, gerade wenn es um weitreichende politische Entscheidungen geht, ein wenig zu einfach gedacht.

Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt?

Ebenfalls interessant fand ich die Ausführungen von Professor Ruth Stock-Homburg von der Technischen Universität Darmstadt (Fachgebiet Marketing & Personalmanagement) , die unmittelbar vor Dueck zu Wort kam. Sie warnte vor der völligen Vermischung von Beruf und Familie. Dies sei schlecht für die Gesundheit aber auch für die Leistung.

Und sie hatte, im Gegensatz zu Dueck, ganz praktische Vorschläge. Man könne dem mit einer hohen Medienkompetenz entgegenwirken. So könne man Arbeit zuhause „nur an bestimmten Orten stattfinden lassen, um nicht das gesamte soziale Umfeld damit zu beglücken“. Eine solche Medienkompetenz sollte ihrer Ansicht nach in einem Technologieunterricht vermittelt werden. Es sei jedoch zu beobachten, dass Unterrichtsangebote, die schon in den Grundschulen beginnen würden, „sobald der Rotstift angesetzt wird, vom Tisch sind“.

Volldigitalisierung ist inhuman

Was ich besonders spannend fand, waren Ihre Aussagen zur Digitalen Gesellschaft: Ebenso wie sich der Taylorismus, die vollständige Arbeitsteilung, zwar als wirtschaftlich effizienter erkannt, aber aus Gründen der Inhumanität und der daraus resultierenden Unzufreidenheit wieder abgeschafft wurde, werde sich auch eine vollständigte Digitalisierung der Gesellschaft nicht durchsetzen, auch wenn das erstmal praktisch klinge. Es werde immer Unternehmen geben, die stärker digitalisiert seien als andere.

Das ist ein Aspekt, der in weiten Teilen der digitalen Gesellschaft meiner Meinung nach oft übersehen wird!

Finanzierungsmöglichkeiten für Startups

Was gabs noch? Nicht so viel Neues. Dass es bei den Finanzierungsmöglichkeiten für Start-Up-Unternehmen in Deutschland Nachholbedarf gibt, ist für mich ein alter Hut – dazu muss man nur das Interview mit Carsten Foertsch hier im Blog lesen. Aber die recht unterschiedlichen Lösungswege für dieses Dilemma sind recht interessant:

Für eine „nachhaltige Förderung von risikokapitalfinanzierten Finanzierungsmodellen“ sprach sich Heiko Hebig von der SPIEGELnet GmbH aus. Mit den in Deutschland zumeist üblichen Bankkrediten sei Start-Up-Unternehmern oftmals nicht geholfen, da deren Geschäftsmodelle für derartige Kredite nicht geeignet seien, betonte Tom Kirschbaum, Mitgründer der Penelope Ventures GmbH. Durch Venture-Capital-Gesellschaften vergebenes Risikokapital dürfe man daher „nicht verteufeln“.

Steuererleichterungen für Wagnis-Kapital-Geber

In Frankreich habe man positive Erfahrungen mit Steuererleichterungen für Wohlhabende gemacht, die in Wagniskapitalmodelle investieren, sagte Frederic Hanika von der Software AG. Dadurch hätten sich mehr Wagniskapitalfonds gegründet, wodurch die Finanzierung von Start-Up-Unternehmen einfacher geworden sei.

Schwieriger als ein Start-Up-Unternehmen zu gründen, so Hanika weiter, sei jedoch der Schritt zu einem „großen Unternehmen“. Dafür bedürfe es eines hohen Vermarktungsaufwandes, betonte er. Dies sei oft teurer als die eigentliche Entwicklung.

Ein weiteres Problem für junge Unternehmensgründer, so Heiko Hebig, sei der hohe bürokratische Aufwand. Hier wäre es aus seiner Sicht sinnvoll, wenn zumindest im Anfangsstadium Erleichterungen ermöglicht würden.

Mehr Chancen als Risiken sehen

Die Bewertung von Chancen und Risiken müsse sich ändern, forderte Tom Kirschbaum. „In Deutschland wird nicht die Vision gesehen sondern die Bedenken“, befand er. Facebook etwa werde in den Medien zumeist im Zusammenhang mit eventuellen Verstößen gegen den Datenschutz genannt.

„Ich würde mir wünschen, dass wir stärker über die Chancen reden“, sagte der Unternehmensgründer. Eine dieser Chancen liege in der neuen Arbeitskultur, welche den Mitarbeiter zum „Teil des Projekts“ mache, sagte er. Die neuen Arbeitszeitmodelle, die keine festen Anfangs- oder Endzeiten und auch keine festen Arbeitsorte kennen würden, böten Vorteile und seien „spannend für die Familienplanung“, sagte auch Heiko Hebig.

Unabhängigkeit oder Isolation?

Dem Vorteil von Unabhängigkeit durch die neue Arbeitskultur stünden soziale Isolation, mangelnder Arbeitsrhythmus, fehlende Infrastruktur und fehlende Professionalität entgegen, sagte Holger Eggerichs, mitverantwortlich für „Cloudsters“ – einem gemeinnützigen Projekt zur „Zukunft der Arbeit“ des Lübecker Vereins Lubeca.

Mit dem Projekt habe man ein gemeinnütziges, städtisches „Co-Working Konzept“ geschaffen, dass allen Bürgern Zugriff auf eine virtuelle Arbeitsplattform gibt, und ihnen erlaube, unternehmensübergreifend zu kommunizieren und zu kooperieren.


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Kommentare & Reaktionen

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  • http://www.marketing-springer.de Elisabeth Göhring

    Der Coctail in diesem Artikel ist interessant.. Und ich gebe der Autorin Recht, was die Kreativwirtschaft angeht: Den “unangepassten” Rest herunterfallen zu lassen ist dünn. Es zeigt, dass nicht verstanden wurde, um was es bei Kreativität denn überhaupt geht. Meist steckt dahinter auch noch ein wildes Durcheinander verschiedener Ideen darüber, was denn eigentlich ein Künstler oder ein Kreativer sei.

    • http://simone-janson.de Simone Janson

      Danke! Ich dachte dabei vor allem an ganz praktische Probleme – wie z.B., dass die Künstlersozialversicherung noch auf dem Stand von 1970 ist.

  • http://www.seaberg-com.de Ray

    Kreativität in der Arbeit wird meiner Meinung nach schon dadurch ausgetilgt, dass Bewerber für Jobs, die nicht den stromlinienförmigen Lebenslauf vorweisen, in der Regel keine Chance haben. Am liebsten ist den Unternehmen ein Mitarbeiter, der bereits in der Kita auf den Job vorbereitet wurde und dann durch Schule, Uni und Prakika, ja sogar im Urlaub sich exakt auf diesen Job eingepeilt hat. Das Ergebnis ist ein karriere- und geldgeiler Wirtschaftsroboter, der sicher keine besonders interessanten Ideen haben wird, mit denen er seiner Firma weiterhilft. Überhaupt ist für das Entstehen von Ideen im Menschen eine innere Lockerheit nötig, die man spätestens dann verliert, wenn man sich die vielen Artikel überall durchliest, die einem erzählen wollen, wie man zu einem Job kommt. Diese – man muss schon sagen – Propaganda der Digital Industry erzeugt vordergründig eine Gewinner- und Verlierergesellschaft, die auf beiden Seiten depressiv durchwachsen ist. Ich kann da nur sagen: Immer locker bleiben. Im Übrigen wird die aktuelle hektische Erfolgszeit der digitalen Wirtschaft auch bald vorbei sein und dann wird sich vieles relativieren.

  • http://simone-janson.de Simone Janson

    Hallo Ray,
    es ist nicht nur die Propaganda der Digital Industry – aber interessanter Ansatz, die fehlende Kreativbildung in der Schule als Konsequenz der Wirtschafts-Propaganda zu sehen. Was die Prognose zum Digital-Hype angeht: Das sehe ich auch so.

    • http://www.seaberg-com.de Ray

      Ich habe ja einen guten Teil meiner Sozialisation – wie man so schön sagt – in den 80er verbracht. Damals hat kaum jemand von Karriere geredet. Man hat sich einfach gefragt, wo liegen meine Stärken, was möchte ich gerne machen, und dann ist man in die Richtung weiter gegangen. Beim Studium hat man sich gerne etwas mehr Zeit gelassen, immerhin war das erste Ziel der Bildung die eigene, auch persönliche Weiterentwicklung. Das Geld dafür hat man mit den vielen vorhandenen Studentenjobs erwirtschaft. Das Ergebnis: Deutschland war eine der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt und im Vergleich zu heute wenig verschuldet. Im nachhinein kein schlechtes Modell, scheint mir.

      • http://berufebilder.de Simone Janson

        Spannender Vergleich – darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ob das mit der Wirtschaftsmacht aber nur daran lag? Ja, offenbar sind diese Karrierepublikationen ein Kind der 90er. Habe aber den Eindruck, so langsam ist das ein Auslaufmodell, weil die Leute genug von dem Thema haben und merken, dass sie so nicht weiterkommen. http://berufebilder.de/berufseinstieg/vom-wirtschaftswissenschaftler-zum-karatelehrer-teil-1-freiheit-finden-in-sich-selbst/
        Wie ich gerade auch hier im Blog merke, wird das Thema zunehmend kritisch betrachtet.
        Wird aber wohl noch ein Weilchen brauchen, bis das Auslaufmodell auch ausgelaufen ist und das auch die Verlage/Medien merken. Bislang haben sich Karrierepublikationen ja immer sehr gut verkauft!

  • http://www.seaberg-com.de Ray

    Sorry, nachdem ich meinen grundsätzlichen Ärger wohl einmal abgelassen habe, möchte ich zum Thema Kreativität in der Schule etwas nachtragen. Das Schulwesen funktioniert eigentlich überhaupt nicht im Sinne der Wirtschaft, auch wenn in den Gymnasien – den Eindruck habe ich von den Erzählungen einer Nichte – schon getrommelt und den Kids mehr oder weniger ein 40-Stunden-Job zugemutet wird. Völliger Blödsinn, das Zeug wird zu großen Teilen vergessen, und die Schüler haben auch keine Lust, die ganze Zeit nur zu replizieren. Logisch. Die Rezepte für eine moderne Pädagogik, die den Schülern gemeinschaftliches, projektorientiertes Lernen ermöglicht, liegen ja lange vor, die PISA-Studien unterstützend. Die “alten Professoren” an den Unis haben auch ja gesagt. Und danach weitergemacht wie bisher. Die können uns mal. Ein Deutschlehrer für Grundschulen absolviert immer noch zu großen Teilen dasselbe Studium wie ein kommender Literaturkritiker. Von den Ergebnissen profitieren tut keiner, weder der Student, noch die Wissenschaft genauso wenig wie die Wirtschaft. Meiner Meinung nach.

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