Interview mit Fremdsprachen-Expertin Heidrun Englert zum heutigen Tag der Europäischen Sprachen: “Fremdsprachen sind wichtig für die europäische Integration”

inlingua Deutschland-zweite Vorsitzende Heidrun EnglertSeit 2001 wird jährlich am 26. September der „Europäische Tag der Sprachen“ begangen, eine Initiative der Europäischen Union und des Europarats. Neben 23 Amtssprachen gibt es in der EU mehr als 60 Sprachgemeinschaften mit Regional- oder Minderheitensprachen – Sprachen nicht mitgerechnet, die von Bürgern aus anderen Ländern gesprochen werden. Doch in der EU werden deshalb 300 Millionen Euro pro Jahr für Übersetzungen und 1 Milliarde Euro für alle Sprachendienste ausgegeben. Heidrun Englert, zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der deutschen inlingua Trainingscenter, spricht im Interview über die politische Bedeutung von Fremdsprachen.

Heidrun Englert, Jahrgang 1961, ist Magister für germanistische Linguistik. Nach einigen Jahren als Studien- und Kursberaterin bei inlingua München, übernahm sie 1998 als Inhaberin das Trainingscenter in Stuttgart, wo sie anfangs auch selbst unterrichtete. Seit 2008 ist sie zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der deutschen inlingua Trainingscenter. Sie spricht Deutsch, Englisch und Spanisch.

Frau Englert, alle sprechen von der Euro- und Europakrise. Welche Rolle spielen Sprachunterschiede dabei? Behindern die unterschiedlichen Sprachen nicht das Zusammenwachsen Europas?

Ja, die Vielfalt der europäischen Sprachen hemmt im wahrsten Sinne des Wortes die Verständigung der Völker untereinander und ist eines der größten Probleme bei der Idee eines gemeinsamen Arbeitsmarktes.

Aktuell besuchen zum Beispiel sehr viele Südeuropäer bei uns Deutschkurse. Sie bringen Qualifikationen mit, die in unserem Land verzweifelt gesucht werden, aber sie sprechen oft kein Wort Deutsch, was am Arbeitsplatz natürlich viele Schwierigkeiten mit sich bringt.

Wie unterstützen Unternehmen Fachkräfte aus dem Ausland bei der Integration?

Zum Glück hat sich in Sachen Willkommenskultur 2012 bei deutschen Unternehmen einiges getan. Viele unterstützen ihre Mitarbeiter aus dem Ausland bei der sprachlichen Integration.

Aber trotz dieser Probleme sind Sprachen und Dialekte natürlich ein schützenswertes Gut, sie haben ganz viel mit der kulturellen Identität zu tun.

Was heißt das für die Zukunft?

Ich denke, die Zukunft liegt in der Zweisprachigkeit. Das heißt, dass Kinder bereits im Kindergarten und der Grundschule neben ihrer Muttersprache eine zweite Sprache lernen, mit der sie später überall in Europa am Arbeitsmarkt zurechtkommen.

Das kann Englisch oder auch eine andere Sprache sein. Aufgrund der ökonomischen Entwicklung liegt Deutsch aktuell stark im Trend.

Werden damit nicht automatisch die anderen Sprachen irgendwann verdrängt?

Ich glaube das nicht, aber natürlich ändern sich Sprachen und manche verschwinden auch irgendwann ganz. Das war immer so und das wird immer so sein. Neulich habe ich im Aufzug bei uns in der Sprachschule eine Brasilianerin, eine Türkin und einen Italiener miteinander sprechen hören.

Ihre einzige Kommunikationsbrücke war ihr erst ein paar Lektionen altes Deutsch. Manchmal entstehen aus solchen Gesprächen auch wieder ganz neue Dialekte, denken Sie etwa an das so genannte Kiezdeutsch. Sprachen sind nicht starr, sondern lebendig und das ist ganz wunderbar so.

Wie wichtig ist das Sprachenlernen für die Integration?

Es öffnet die Menschen zu einander, deshalb gehört es zu den wichtigsten Bestandteilen der Integrationsarbeit.

Als Tipp vom Experten: Gibt es einen wichtigsten Satz, den man in jeder Sprache beherrschen sollte?

Die Frage haben wir neulich auch mal im Team diskutiert. Die romantische Kollegin nannte den Klassiker „Ich liebe Dich“, der pragmatische Kollege fand „Ich habe Hunger!“ wichtig. Ich denke, man sollte Begrüßungsfloskeln kennen, um Kontakt zu den Menschen aufbauen zu können.

Wie alt ist ihr ältester Sprachschüler, wie alt ihr jüngster?

Ich weiß von einer 89-jährigen, die in unserem Trainingscenter in Kiel einen Englisch-Kurs besuchte. Grundsätzlich kommen relativ häufig Rentner zu uns, die nach dem Ende ihres Berufslebens noch einmal durchstarten wollen.

Das lebenslange Lernen ist also durchaus schon in den Köpfen angekommen. Unsere jüngsten Sprachschüler in den Kinderkursen sind vier Jahre alt. Viele Eltern wollen ihre Kinder heute zweisprachig aufwachsen lassen.


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