Wie Fischer in der Bretagne mit Netzwerken erfolgreiche sind: Dank Crowdsourcing auf Kurs

Im kürzlich veröffentlichten Crowdsourcing-Report habe ich u.a. über die Bedeutung von Crowdsourcing für das Sammeln von Geodaten geschrieben – Beispiel Open Street Map. Doch das Prinzip ist gar nicht neu: Auf einem bretonischen Fischkutter habe ich nun hautnah erlebt, wie wichtig Netzwerke und Crowdsourcing für den Erfolg und damit das Überleben der Fischer sind.

fischer-mit-boot

Eric Pochat (im Bild mit seinem Sohn Gauthier) ist Fischer, seit er 17 ist. Mit 25 hatte er sein erstes eigenes Boot, übernommen vom Vater. Heute, mit 48, fährt er mit seinem dritten Boot, der Avel an Heol zur See – 5 Tage in der Woche, 14 Stunden am Tag: Los geht es meist schon morgens um 3, Rückkehr ist in der Regel erst am späten Nachmittag.

Ein Knochenjob

Es ist ein Knochenjob und nicht ungefährlich: Eric hat es gut, er steuert das Boot nur, hat als Chef aber auch die gesamte Verantwortung. Seine zwei Angestellten arbeiten mit Sturzhelmen und Gummistiefeln auf dem Unterdeck: Jeder Handgriff sitzt, muss sitzen, wenn sich nicht einer der Männer bei dem harten Job verletzen will.

Sie sorgen darfür, dass die schweren Schlepp-Netze von den Turbinen richtig abgerollt und später wieder aufgerollt werden. Sie leeren die Netze und lassen sie wieder ins Wasser. Und sie sortieren den Fang sofort nach Art und Größe in Kisten, damit er Abends im Hafen von Le Guilvinec an der Fischhalle umgehend dem Händler übergeben und direkt versteigert werden kann. Frische und damit Schnelligkeit ist auch in diesem Job ein Qualitätsmerkmal.

fischer-ausladen2

Perfekte Kooperation

Dreimal werden an jenem Tag die Netze ausgeworfen und wieder eingeholt. Jedes mal wieder ein perfektes Zusammenspiel. Und eines, das ohne Netzwerk im doppelten Wortsinn nicht funktionieren würde.

Denn Kapitän Pochat hat zwar allerlei technische Navigationsgeräte um sein Steuer herum versammelt, aber beim Auffinden der Fischschwärme kommt es dann doch auf menschliche Fähigkeiten an: „Da hilft keine Technik, wo die Fische sind, muss ein guter Fischer im Gefühl haben, das kann man nicht erklären“, sagt er schmunzelnd und nicht ohne Stolz.

Der Erfolg hängt vom Netzwerk ab

Dann aber gibt er zu, dass der Erfolg auch von seinem Netzwerk abhängt: Denn während der gesamten Fahrt steht Eric via Funk in ständigem Kontakt zu anderen Fischern. Wenn er dann mitbekommt, dass woanders deutlich mehr gefangen wurde, fährt er eben auch dahin.

Und mehr noch: Auch die Schiffahrtsrouten haben die Fischer mehr oder weniger gemeinschaftlich erarbeitet.

Routen-Berechnung nach dem OpenStreetMap-Prinzip

Dazu hat Eric in seine Steuerkabine zwei Computer festgeschraubt. Mit der Software MaxSea berechnet und verzeichnet er so Schiffahrtsrouten und trägt Felsen oder Wracks gesunkender Schiffe, die er per Echolot gefunden hat und von denen es in den Gewässern vor der bretonischen Küste so viele gibt, dass sie zu einer Gefahr für die Fischerboote werden könnten.

Und die Fischer tauschen ihre Erfahrungen und routen untereinander per USB-Stick aus. Auf diese Weise partizipieren allen an den Erfahrungen der anderen – echtes Crowdsourcing, wenn auch mit kommerzieller Software, durch das mit der Zeit eine immer vollständigere Seekarte ähnlich wie bei OpenStreetMap entsteht.

Hat die Technik das Handwerk verändert?

„Die Navigation mit dem Computer ist schon ein erheblicher Fortschritt“, sagt Eric auf meine Frage, ob moderne Technik die Fischerei verändert hat. Und auch die Leistungsfähigkeit habe sich verbessert:

„Wir können heute weiter rausfahren, weil die Boote schneller sind, und mehr Netze auswerfen“, nennt Eric weitere Vorteile. Doch vieles funktioniert immer noch nach traditionellen Mustern und ist harte Handarbeit.

fischer-sortieren

Austausch ist wichtig

Daher ist Eric auch nur einer von ganz wenigen Fischern, die überhaupt Touristen mit auf See nehmen. Doch Austausch schätzt Eric sehr: „Daraus haben sich auch schon einige Freundschaften ergeben.“

Und dann muss er lachen: „Die meisten werden aber furchtbar seekrank,“ sagt er – und gibt dann schelmisch zu, dass es ihm ganz am Anfang genauso ging. Aber dann hat er sich daran gewöhnt.

fischer-ausladen

Zwischen Familientradtion und eigenen Ideen

Denn auch wenn der Job nicht einfach ist, Eric konnte sich nie etwas anderes vorstellen: Bereits mit 12 wusste er, dass er Fischer werden will. Sein Sohn Gauthier ist gerade 16 und weniger überzeugt – das merkt man ihm auch deutlich an. Zur Zeit macht er auf dem Schiff des Vater ein Praktikum. Der hat ihn auch dazu überredet, die Fischereischule zu besuchen.

Wenn Eric in ein paar Jahren in Rente geht und zu Freunden nach Korsika auswandert, will er seinem Sohn das noch relativ neue Schiff übergeben. Doch Gauthier ist noch unentschlossen, ob er wirklich die Familientradition fortsetzen oder nicht doch lieber Bäcker oder Fleischer werden will. Eric fände das sehr schade.


Konkurrenz nutzt Anti-Amazon-Diskussion: Schmetterlinge & Fairer Handel

Simone | Janson, 12. 03. 2013:

Über die Geschäftspraktiken von Amazon wurde ja in der Vergangenheit viel diskutiert. Doch während die einen noch klagen, dass man gegen den Internetriesen politisch vorgehen müsse, haben findige Unternehmer – Zufall oder nicht – Konzepte entwickelt, um Amazon die Marktführerschaft … Weiterlesen →


Emotionenen im Business – 1/3: Von der Laune zur Kaufentscheidung

Cornelia | Topf, 15. 04. 2013:

Emotionen, Stimmungen, Gemütsverfassungen, Launen haben lange Zeit als unliebsame Gespenster in der Schmuddelecke des Vernunfttempels zugebracht, obwohl sie allgegenwärtig und grundlegend für das Dasein der Menschen sind. Lange hielt sich die Ansicht, dass Gefühle im Business nichts zu suchen haben. … Weiterlesen →


Das 1×1 der Kommunikation für Führungskräfte: Vom Mitarbeiter zum Chef

Oliver | Ibelshäuser, 22. 05. 2013:

Wer vom Mitarbeiter zur Führungskraft aufsteigt, hat meist nur wenig Zeit, um sich in seine neue Rolle einzufinden, die jetzt an ihn gestellten Anforderungen kennenzulernen und ihnen gerecht zu werden. Wie gelingt der Sprung vom Mitarbeiter zu Führungskraft trotzdem? Vom … Weiterlesen →


Als Deutsche in Kanada Karriere machen: Die Hotel-Managerin, die Paul McCartney absagte

Simone | Janson, 14. 05. 2013:

Ingrid Lemm kommt aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald und hatte in der Schule eine 4 in Französisch. Heute ist sie in Kanadas französischsprachiger Provinz Quebec Managerin in einem der besten Hotels Nordamerikas und musste sogar Paul McCartney absagen. Wie … Weiterlesen →


10 Tipps, um virtuelle Teams zu führen: Face to Face oder virtuell kommunizieren?

Ghislane Caulat, 15. 05. 2013:

Im Zuge der Globalisierung ist virtuelles Arbeiten im Arbeitsalltag fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Dennoch halten viele Manager die virtuelle Kommunikation immer noch für den zweitbesten Weg. Doch ist face-to-face Kommunikation wirklich immer der beste Weg? Neue Führungskonzepte sind notwendig … Weiterlesen →


Infografik-Video der EU zum Arbeiten im Ausland: Sozialversicherung für Grenzgänger

Simone | Janson, 10. 05. 2013:

Zunehmende Mobilität der Arbeit – das bedeutet, dass es auch immer mehr Grenzgänger gibt. Steuerlich, zumindest mit Ländern, mit denen ein Doppelbesteuerungsabkommen existiert, kein Problem. Aber wie sieht es mit der Sozialversicherung aus? Dazu gibt es ein umfangreiches Informations-Angebot der … Weiterlesen →


Wie eine französische Komune einen verlassenes Ort touristisch wiederbelebte: Crowdinvesting im Fischerdorf

Simone | Janson, 01. 03. 2013:

Meneham ist ehemaliges Algenfischer-Dorf im Finistère, dem äußersten Westen der Bretagne. Es wurde 1977 aufgegeben und verfiel allmählich – bis die Gemeinde Kerlouan beschloss, daraus ein Tourismusprojekt zu machen. Das Geld dafür, über 3 Millionen Euro, kam aus einer Vielzahl … Weiterlesen →


Kommentare & Reaktionen

Unsere Kommentarsystem DISQUS wird auch in Medien wie DIE WELT, National Geographic oder Perlentaucher verwendet. Mit nur einer Registrierung, z.B. per Twitter o. Facebook, können Sie überall kommentieren. Ihre Daten werden dabei von DISQUS gespeichert. Mehr dazu in den Datenschutzbestimmungen. Sie können auch als Gast kommentieren, ohne Ihre Daten anzugeben.

Hinweise zum Kommentieren

  1. Wollen Sie eine eMail-Benachrichtigung über neue Kommentare zu diesem Thema erhalten, müssen Sie sich bei DISQUS anmelden.
  2. Um ein Foto von sich neben dem Kommentar zu nutzen, können Sie sich mit diversen sozialen Netzwerken einloggen oder das Bild bei Gravatar hochladen.
  3. In den Kommentar können Sie jederzeit ein Foto ohne weitere Anmeldung hochladen
  4. Kritische Kommentare sind willkommen, Beleidigungen werden allerdings entfernt. Lesen Sie dazu bitte die Richtlinien für Kommentare & Foren.

Überblick

Mehr als 6.000 Kommentare von über 200 Kommentatoren in diesem Blog finden Sie hier. Sie können alle Kommentare auch abonnieren.
Mehr als 3.000 Fans und über 10.000 Kommentare in diversen sozialen Netzwerken wie Twittter, Facebook, Google+ & Xing finden Sie hier.

2 Trackbacks

Trackback URL - bitte in Ihren Beitrag eintrage, um einen Trackback zu erzeugen:

http://berufebilder.de/2012/fischer-bretagne-crowdsourcing-netzwerke/trackback/


  1. Pingback: Simone Janson

  2. Pingback: Liane Wolffgang