Ein Rhetorik-Experte analysiert den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff: Eine Rede ohne Applaus

Heute um 11 Uhr vormittags gab Bundespräsident Christian Wulff im Berliner Schloss Bellvue seinen Rücktritt bekannt. Rhetorik- und Wirkungsexperte Michael Moesslang analysiert die Körpersprache und Wirkung seiner Rücktritts-Rede.

Betont sachlich gibt Bundespräsident Christian Wulff seinen Rücktritt bekannt. Versetzen Sie sich in seine Lage: Nach einer erfolgreichen politischen Karriere hat er erst vor relativ kurzer Zeit das höchste Amt im Staat erhalten.

Das Ende seiner Karriere!

Dann werden Vorwürfe gegen ihn publik, immer mehr und immer lauter. Allerdings Vorwürfe, über deren Gewicht viel Diskussion nötig war. Und Vorwürfe, von denen Christian Wulff selbst überzeugt ist, dass sie nicht zutreffen. Und nun muss er diesen Auftritt absolvieren, …

… der das Ende seiner Karriere bedeutet. Nach diesem Amt gibt es keines mehr. Er kann nicht als Berater zu Gazprom oder BMW gehen, wie dies ein ehemaliger Bundes- oder Vizekanzler kann. Er bleibt Bundespräsident, wenn auch mit dem Zusatz AD für „Außer Dienst“. Auf dem Video sieht man, wie groß die Schar der Reporter ist, die sich im Raum drängt und die das beste Bild und den besten Ton ergattern wollen.

Betont sachlich, ohne jede Emotion

Wulff betritt also mit seiner Frau den Raum. Sein Blick ist dabei ein zaghafter Sicherheitsblick zu den Reportern, ohne diese direkt anzusehen. Gemessenen Schrittes geht er auf das Rednerpult zu und steigt auf das kleine Podest. Weder hektisch noch zaghaft beginnt er seine Rede. Diese ist allerdings auffällig „betont sachlich“.

Er spricht monoton und versucht dabei jegliche eigene Emotionen zu vermeiden. Er versucht auch, sich in seiner Körpersprache nichts anmerken zu lassen. Seine Finger spielen zwar nervös mit den Redekarten, am Rand des Rednerpults und klammern sich zeitweise leicht an diesem fest – und das alles im ständigen Wechsel – doch diese sichtbare Nervosität ist verständlich, angesichts der Situation.

Blickkontakt fällt ihm schwer

Auch sein leichtes Schwanken von einem aufs andere Bein ist wohl dieser Nervosität geschuldet. Die Beherrschung erkenne ich jedoch an den betont langsamen Bewegungen. Dass sein Blickkontakt jeweils nur kurz zu den Reportern geht, macht die Fotografen sicher verrückt, ist es doch reine Glücksache, so ein gutes Bild zu bekommen.

Lediglich in der Passage, in der er den Rücktritt ausspricht, ist er bemüht, etwas länger Blickkontakt zu halten. Es fällt ihm sichtlich schwer. Insgesamt wirkt Wulff sehr starr, angespannt und wie ferngesteuert. Er scheint irgendwie nicht wirklich anwesend zu sein. Sichtbare Emotionen gibt es keine.

Abgang ohne Applaus

Ich will jetzt nicht den Inhalt analysieren, in dem er geschickt seine Ziele und Vorhaben nochmals einbringt. Vielmehr interessieren körpersprachliche und stimmliche Signale. Die jedoch aufgrund der Verhaltenheit des gesamten Auftritts spärlich ausfallen.

Auch beim Hinausgehen – sicher der schwerste Moment, denn bei so einer Situation gibt es keinen Applaus – gibt es nur einen halben Blick zu den Fotografen. Wortlos verschwinden Christian und Bettina Wulff durch die Tür.


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