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Regine Heidorn wollte eigentlich Langzeitstudentin werden. Heute arbeitet sie als Webentwicklerin, Informations-Architektin, Dozentin und Consultant in Berlin. In Teil 2 des Interviews spricht sie über die Ängste und Hilflosigkeit von Personal-Verantwortlichen angesichts Bewerbern die, aus dem Raster fallen und philosophiert über den Sinn von Abschlüssen.
Heidorn begann mehrere Studiengänge – zum Beispiel Germanistik, Philosophie, Sport, Ethnologie, Soziologie, Romanistik und Kulturwissenschaften in Gießen, Marburg und Bremen. Konsequenterweise, das Berufsziel Langzeitstudentin im Auge, hat sie keinen davon mit einem Abschluss beendet. Seit fünf Jahren verfehlt sie allerdings ihr Berufsziel: Bei Twitter ist sie erfolgreich als @bitboutique unterwegs.
Im ersten Teil des Interviews ging es um Ihre Acquisestrategie via Twitter. Hand auf Herz: Meinen Sie nicht, dass es auf dem traditionellen Bewerbungsweg besser – z.B. finanziell – besser laufen könnte?
Möglich. Aber was habe ich davon, wenn ich hinterher mit Leuten zusammenarbeite, mit denen die Chemie nicht stimmt? Daher bewerbe ich mich auf manche Aufträge, bei denen Explizit nach einer bestimmten Ausbildung gefragt wird, erst gar nicht.
Warum nicht?
Es hat keinen Sinn. Gerade in Vorstellungsgesprächen habe ich oft gemerkt, dass viele Personaler regelrecht Angst haben, Leute einzustellen, die aus dem Raster fallen. Nicht besonders innovativ – eher hilflos!
Hilflos?
Ja, denn Personaler gehen oft lieber auf Nummer sicher und nehmen jemanden mit einer Ausbildung, die ins Schema passt – nur damit sie hinterher selbst nicht angreifbar sind. Statt die Kompetenzen zu entdecken und zu beurteilen, verwalten viele Personaler lieber ihre eigenen Ängste. Sind Personaler denn hilflos, dass sie sich immer durch das Urteil von anderen absichern wollen?
Haben Sie nicht versucht, dieses Problem zu lösen, indem Sie einen entsprechenden Abschluss erworben haben?
Doch natürlich. Zu Beginn meiner Karriere habe ich eine Multimedia-Weiterbildung an einem privaten Institut gemacht, dem SAE Institut gemacht. Das hat 14.000 Euro gekostet. Allerdings habe ich mein Ziel, den Bachelor zu machen, nicht erreicht und stattdessen mit dem Creative Media Diploma abgeschlossen.
Klingt doch auch gut…
Ja, aber das ist nur ein Zertifikat, das der Bildungsträger selbst geschaffen hat und das auf dem Arbeitsmarkt kaum jemand kennt. Praktisch ist das wertlos.
Woran ist der Bachelor gescheitert?
M.E. an der schlechten Betreuung: Als ich meinen Dozenten um Hilfestellung bei Aufgaben gebeten habe, hat er zum Teil auf Tutorials im Internet verwiesen. Das hing sicher auch damit zusammen, daß Kurse oftmals hemmungslos überbucht waren, so dass teilweise niemand von den Betreuern mehr ansprechbar war. Ausserdem waren die Bewertungskriterien nicht transparent, so dass mir bis heute niemand sagen kann, was genau ich für meine Nachreichung hätte erfüllen sollen, an der der Abschluss hängt. Für 14.000 Euro kann man, meine ich, mehr erwarten.
Das ist natürlich eine sehr subjektive Sichtweise…
Weniger subjektiv ist, dass ich für eine Prüfung Techniken lernen musste, die schon damals völlig veraltet waren – etwa Lingo-Programmierung und HTML4-Framesets. Das habe ich nicht eingesehen, zumal ich das gleiche Ergebnis auf andere, bessere Art erzielen konnte. Ich habe das vor der Prüfung angesprochen mit dem Ergebnis, dass explizit von mir verlangt wurde, veraltete Techniken extra für die Prüfung zu lernen. Vom Prüfungsjahrgang nach mir weiß ich, dass ihnen freigestellt war, welche Technik sie einsetzten.
Und jetzt haben Sie den Glauben an das Deutsche Bildungssystem verloren?
Nein, aber ich glaube nicht mehr daran, dass Abschlüsse allein etwas über unsere Fähigkeiten aussagen, im Gegenteil, viele Leute hören auf, zu lernen und sich weiterzuentwickeln, weil sie ja das Zeugnis in der Tasche haben. Um die Aussagekraft von Bildungsabschlüssen zu reflektieren, haben wir gerade die Assoziation Abschlussloser gegründet, mit der wir Abschlusslose, aber auch ungewöhnliche Biographien sichtbar machen wollen.


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