Interview mit Paar-Beraterin Dr. Elisabeth Bröschen über Doppel-Karriere in der Partnerschaft: „Für die heutigen Herausforderungen gibt es wenig Rollenvorbilder“

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10.08.2011 1735 Leser 6 Debatten 1334 Wörter Lesezeit: 9 Minuten, 28 Sekunden

Familie & Smart Home Meinung  Marketing Verhandlungen Verkaufen Frauen Gender Emanzipation Erfolg Resilienz Eltern Kinder Erziehung Beratung Coaching Mentoring   Im Job wird heute eine hohe Flexibilität und Mobilität erwartet. Wenn beide Partner Karriere wollen – und auch Kinder, sind Konflikte oft vorprogrammiert, zum Beispiel wenn ein Partner einen Ortswechsel anstrebt und der andere wegen einer besonderen beruflichen Spezialisierung ortsgebunden ist. Paarberaterin Dr. Elisabeth Bröschen erzählt im Interview, wie man beides dennoch unter einen Hut bekommt.

Dr. Elisabeth Bröschen ist seit fast zwanzig Jahren als Einzel-und Paarberaterin, Paarcoach, Familientherapeutin, Supervisorin und Projekt-und Prozeßberaterin tätig. Einer der Schwerpunkte meiner Arbeit ist die Begleitung und Unterstützung berufstätiger Paare vor und in der Familienphase.

Frau Dr. Bröschen, welche Paare kommen zu Ihnen?

Paare kommen zu mir, wenn sie Entscheidungshilfe brauchen oder aus beruflichen Entscheidungssituationen oder Veränderungswünschen heraus in eine Beziehungskrise geraten.

Paare kommen aber auch, weil der Stress, der mit den unterschiedlichen und hohen Anforderungen durch Familie und Beruf einhergeht, die Beziehung belastet.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Paare zu kämpfen, die sich bei Ihnen beraten lassen?

Zum Beispiel ein junges Paar um die 30 Jahre kommt mit seiner Fernbeziehung nicht mehr klar: er ist Trainee in München, sie arbeitet in einem anspruchsvollen Job in Hamburg.

Das gemeinsame Abendessen findet via Skype vor der Webcam statt: Er soll demnächst eine mehrmonatige berufliche Ausbildungsstation in Asien absolvieren, sie denkt langsam an Kinder, eine gemeinsame Lebensbasis ist nicht in Sicht.“Wenn Kinder verhaltensauffällig werden, muss man eine neue Balance finden.

Also vor allem Paare, die noch in der Planungsphase stecken?

Nicht nur. Ich hatte kürzlich ein Paar Mitte 40 mit einem achtjährigen Sohn. Beide sind mit einem eigenem Unternehmen selbständig, beide arbeiten sehr viel.

Verhaltensauffälligkeiten des Sohnes wie auch eine Beziehungskrise, in der sie meine Hilfe suchen, ließ beide verstehen, dass sie nach einer neuen Balance zwischen Familie und Beruf suchen müssen, wenn sie wieder zueinander finden wollen.

Welche Probleme ergeben sich denn durch Paare durch die oft geforderte berufliche Flexibilität?

Große! Auch da habe ich ein Beispiel: Ein Paar Ende 30, er ist freiberuflich in der Werbebranche tätig. Sie möchte nach der Elternzeit mit dem zweiten Kind zurück in ihren alten Job in die Marketingabteilung eines großen Unternehmens.

Für beide bieten sich neue berufliche Chancen, für jeden in einer je anderen Stadt. Beide wollen eigentlich in Hamburg bleiben, auch weil sie hier auf ein gutes Betreuungsnetz für die beiden Kinder zurückgreifen können.

Sind die Ursachen für solche Konflikte den eher individuell oder eher gesellschaftliche Gründe?

Beides. Wie ein Paar die Themen Karriere und Familie miteinander verhandelt, ist zum einen gesellschaftlich bedingt. Gesellschaftliche Rollenanforderungen prägen auch die individuellen Einstellungen.

Zugleich verhandeln Paare diese Themen aber auch auf einem individuell-biografischen Hintergrund: da spielt z.B. eine enorme Rolle, wie die Eltern mit diesen Themen umgegangen sind, wie Konflikte gelöst wurden und welches Rollenvorbild ich verinnerlicht habe.

Undwie kann ein Paarcoaching in all diesen Fällen helfen?

Paarcoaching hilft dabei, sich der unterschiedlichen Faktoren, die die individuelle Paarsituation bestimmen, und ihrer Bedeutung bewusster zu werden.

Es kann deshalb dazu führen, Veränderungen in der äußeren Situation zu initiieren, z.B. eine Bewerbung oder die Einstellung einer Haushaltshilfe. Es kann aber auch vorrangig darum gehen, die Zeit der familiären und beruflichen Situation angemessener zu strukturieren.

Es geht also vor allem um Zeitmanagement-Probleme?

Nicht nur, es geht auch um Kommunikation und Konflikte. Ein Paar kann bei einem Coaching auch unterstützt werden, konstruktiver zu kommunizieren oder Konflikte fairer auszutragen.

Oder die Partner entdecken beim Paarcoaching, dass unbewusste Identifikationen mit Rollenmustern aus der Herkunftsfamilie berufliche wie auch familiäre Entscheidungen und Schritte blockieren.

Warum erkennen die Paar solche Probleme nicht von alleine? Warum ist ein Coaching überhaupt nötig?

Nur, was mir bewusst ist, kann ich auch steuern. Stellen Sie sich die Beziehung als ein beliebiges Gefährt vor, mit dem beide unterwegs sind, ein „Paarmobil“:

Kein Mensch käme auf die Idee, dass ein reales Gefährt wie ein Auto oder ein Boot ohne Inspektion und Wartung, ohne die Klarheit, in welche Richtung man fahren will oder ob der Motor einwandfrei läuft, ohne die Klarheit, wer wann steuert, wer mitfährt, wieviel Gepäck man an Bord nimmt usw., ruhig und sicher fährt.

Aha. Sie verstehen sich also als eine Art Werkstatt…

Als Coach begleite, strukturiere und unterstütze ich einen Austausch- und Entscheidungsprozess unter den Partnern, der faire und nachhaltige Lösungen für alle Beteiligten ermöglicht.

Paare können an den Herausforderungen wachsen und diesen Prozess will ich fördern. Im oben genannten Bild gesprochen: es kann sein, dass das Paarmobil oder die Familienkutsche nur kurz neu justiert werden müssen. Es kann aber auch sein, dass ein längerer Umbauprozess nötig oder ein neues, besser passendes Gefährt entwickelt werden muss.

Sind die Ehen von Karrierepaaren trennungsgefährdeter als Ehen von traditionellem Zuschnitt, wo in der Regel die Frau ihr berufliches Fortkommen zurückstellt zugunsten von Kindern?

Die Herausforderungen von berufstätigen Paaren sind einfach anders und es kommt darauf an, welche individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wie z.B. auch ein „Paarcoaching“.

Das Leben als Paar hat mit seinen unterschiedlichen Phasen des Sich-Bindens, der Familiengründung und dann des Flüggewerdens der Kinder und des Alterns zu allen Zeiten Paare zu Entwicklung herausgefordert.

Was ist dann heute so anders?

Für die heutigen Herausforderungen gibt es wenig Rollenvorbilder. Die Lebenskonzepte sind heute sehr individuell. Das ist gleichzeitig eine Riesen-Chance und eine Riesen-Herausforderung.

Die eigenen wie auch die gesellschaftlichen Erwartungen an unsere männliche bzw. weibliche Rolle in Familie und Beruf haben sich in den letzten 30 bis 40 Jahren tiefgreifend gewandelt.!

Und das bedeutet?

Jedes Paar muss sich, ganz besonders, wenn Kinder ins Spiel kommen, damit auseinandersetzen, welche Visionen beide für ihre familiäre Situation und ihre berufliche Entwicklung haben und wie sie diese umsetzen können.

Die Chancen sollte man klug nutzen!

Welche Möglichkeiten gibt es für Paare mit Doppelkarriere, ihren Kindern ein fürsorgliches Zuhause zu bieten?

Die Frage beinhaltet bereits eine wichtige Feststellung: Kinder brauchen ein fürsorgliches Zuhause, das zugleich Selbständigkeit und Entwicklung fördert. Das sollten Partner, die beide Karriere machen oder machen wollen, im Blick haben.

Kinder brauchen Sicherheit und Bindung und nachhaltiges Interesse an ihrer persönlichen Entwicklung, das alles vermittelt sich auch über verlässliche Anwesenheit

Was muss ein Paar dafür tun?

Beide Partner brauchen die Fähigkeit, mit klarem Blick einzuschätzen, für wen gerade was am wichtigsten ist und wem im Moment ein Kompromiss am ehesten zuzumuten ist.

Und zwar nicht nur bei kleinen, sondern auch noch bei pubertierenden Kinder, die sich schließlich nur an jemanden reiben können, der da ist. Das braucht sorgfältige Absprachen, die Einbeziehung verlässlicher Dritter, ein gutes Unterstützungsnetzwerk.

Nette Theorie: Aber wie sieht das konkret in der alltäglichen Praxis aus?

Mal kann ich vielleicht mein Kind per Handy ins Bett dirigieren, aber nicht dreimal pro Woche. Und ich muss bestimmt nicht bei jedem Flötenvorspiel meines Kindes dabei sein, aber ich muss mitbekommen, wann es besonders wichtig ist und es dann auch tun.

Wie entgehen vor allem Frauen dem Rabenmutter-Vorwurf?

Indem sie für sich selbst und mit ihrem Partner klären , ob sie – ohne überzogene Ansprüche daran zu haben – ,  das Richtige und Notwendige für ihre Kinder tun.

Wenn beide Eltern das tun, können Frauen dem Vorwurf selbstbewusst begegnen.

Kompromisse sind also notwendig?

Um diese Herausforderungen zu bewältigen braucht es immer wieder auch die Fähigkeit zu dem, was ich „heiteren Verzicht“ nenne.

In Zeiten, in denen wir gewöhnt sind, alles, möglichst schnell und möglichst sofort zu bekommen, ist Verzicht ja nicht gerade populär…

…vor allem, wenn dann doch meist die Frau verzichtet!

Wichtig ist, dass Verzicht, wo er nötig ist, nicht einseitig nur von einem Partner erbracht wird und dass ein Paar gute Deals miteinander findet. Diese Perspektive schafft Spielraum, Kinder gut im Blick zu behalten.

Doppelkarrieren müssen – und dafür gibt es gute Beispiele – auch nicht immer genau beiden Partnern gleichzeitig denselben Einsatz abfordern. Das kann auch oft phasenweise abwechselnd geschehen.

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  1. Tanja Handl

    Ein wirklich spannendes Thema mit hohem Konflikt-, aber auch Entwicklungspotential für Partnerschaften. Das Wort Balance fällt nicht umsonst mehrmals im Artikel – sie zu finden ist die echte Herausforderung.

  2. e-fellows.net

    #DOPPEL-KARRIERE: "Für die heutigen Herausforderungen gibt es wenig #Rollenvorbilder” via@berufebilder

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