Gutes Thema, vertane Chance: Warum ist Digital nun wirklich besser? – BEST OF HR | B E R U F E B I L D E R . D E

Gutes Thema, vertane Chance: Warum ist Digital nun wirklich besser?



„Digital ist besser“ hieß das erste Album der deutschen Indierock-Gruppe Tocotronic – Meilenstein der deutschsprachigen Musikgeschichte. Und genau deshalb haben auch der Journalist Kai-Hinrich Renner und der Musik-Unternehmer Tim Renner (Jahrgang 62 und 64) ihr Buch so genannt. Nun, ein Meilenstein ist dieses Buch nicht.

Jedenfalls nicht für Internetjunkies wie mich. Aber vielleicht bin ich einfach nicht die Zielgruppe. Dass digital Besser ist, steht für mich nämlich außer Zweifel. Für viele andere aber offenbar nicht. Und genau an diese kulturkonservative Bildungsbürger wenden sich die Autoren!

Das Anti-Schirrmacher-Buch

2009 erschien Das Buch „Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“, in dem Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, seine Überforderung durch das Internet bekannte.

Er schreibt von Systemen, die unsere Intelligenz überfordern, Konzentrationsstörungen und von einem Computer, der in der Lage ist, unser Gehirn umzuprogrammieren. Übrigen Vorurteile, die noch lange nicht tot sind – man schaue sich nur anm was Bill Keller, Chefredakteur der internetaffinen New York Times noch 2011 über das Internet zu sagen hatte.

Um nochmal zu Schirrmacher zurückzukommen: Ein ziemlich blödes Buch, das für mich nur eines aussagt: Der Mitherausgeber der FAZ hat entweder keine Ahnung von Technik oder er gesteht damit ein, dass er selbst zu undisziplinert ist, um bei der ganzen Internet-Ablenkung noch effektiv zu arbeiten.

Schlecht recherchierte Science Fiction?

Jedenfalls löste Schirrmacher eine heftige Diskussion um die Gefahren des Internets aus, die auch 2011 noch nachwirkt: In „Digital ist Besser“ arbeiten sich die Autoren Kai-Hinrich und Tim Renner regelrecht an den Internet-Vorurteilen von Schirrmacher ab, den sie stellvertrend für eine ganze Reihe von Autoren in den Mittelpunkt rücken!

Sie identifizieren ihn als Kulturkonservativen, der tut, was Kulturkonservative immer getan habe: Auf den technischen Fortschritt schimpfen. Und sie enttarnen Schirrmacher Ausführungen als schlecht recherchierte Science Fiction.

Konkrete Infos fehlen

Das ist wichtig. Und das ist gut so. Noch besser allerdings wäre, wenn sich in dem Buch neben diesen Aussagen auch nützliche Informationen fänden. So gibt es am Ende einen Diskurs über die Chancen und Gefahren der digitalen Zukunft gewünscht.

Welche immensen Chancen das Internet aber durch die Demokratisierung bietet, gerade zum Beispiel für Kleinunternehmer in der Kreativindustrie, sich zukünftig unabhängig von Verlagen oder Plattenlabeln unabhängig zu vermarkten.

Netzneutralität als politisches Highlight

Darauf gehen die Autoren, die übrigens beide der in Kreativindustrie arbeiten, ebenso wenig ein wie auf die politischen Entwicklungen und das heftig umstrittene Thema Datenschutz.

Immerhin wird das wichtige Thema Netzneutralität ausführlicher behandelt, wenn auch sehr resignierend: „Diejenigen Internetportale ode Surfer, die durch ihr Angebo oder ihre Art der Nutzung besonders viel Datenverkehr verursachen, werden zukünftig stärker zur Kasse gebeten werden. Denn genau die Politiker, die das verhindern können, fehlen uns.“

Anekdotensammlung

Abgesehen von solchen Highlights bleibt das Buch aber eine Ansammlung von netten Anekdoten: Die Autoren erzählen viel, für meinen Geschmack zu viel, aus ihrem eigenen Leben und von ihrer eigenen Erfahrung mit diversen Medien.

Offenbar wollen Sie Ihre Leser durch zahlreiche Beispiel vorsichtig davon überzeugen, dass die Digitalisierung auch wirklich die Lebenswirklichkeit von uns allen betrifft. Weil es viele eben immer noch nicht glauben.

Warum ist Digital nun wirklich besser?

Die Leute, die diese „Fortsetzung der Popkultur“ mit anderen Mitteln nicht verstanden haben, eben da abholen wo sie stehen. Schade, dass sich auch das Tempo dieses Buches den Kulturkonservativen angepasst hat. Und schade auch, dass sich „Digital ist besser“ ständig erklärend für die digitalen Umwälzungen rechtfertigen muss, statt Lust auf das Neue zu machen!

Die Frage, die der Titel aufwirft zu beantworten – das bleibt uns dieses Buch schuldig. Nämlich: Warum ist Digital nun wirklich besser?

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    Meistdiskutiert im letzten Monat:
  1. Tanja Handl

    Gute Frage. Ich bin für: Digital ist anders. Eine Bereicherung, oft eine Erleichterung, manchmal vielleicht lästig – aber es liegt immer in der Eigenverantwortung, wieviel und welche Zeit man mit Computer & Co. verbringt. Manchmal ist auch analog besser – was digital aber nicht schlechter macht. Im Gegenteil: Erst beides gemeinsam, jedes davon zur rechten Zeit, macht das Leben richtig gut.

  2. KompetenzPartner

    Gutes Thema, vertane Chance: Warum ist Digital nun wirklich besser?: Vergrößern Sie das Bild hie…

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