Interview mit Deskmag-Gründer Carsten Foertsch über seine Erfahrung mit der Bürokratie: „Arschtritt für Unternehmen aus jungen Wirtschaftszweigen!“

Gründung & Finanzen Meinung  Steuern Bürokratie HomeOffice Coworking Existenzgründung Berufsbild Sozialwissenschaften & Geisteswissenschaften Arbeitsgeräte   Carsten Foertsch hat gerade Deskmag gegründet, ein Magazin über neue Arbeitsräume, wie sie aussehen, wie sie funktionieren, wie sie verbessert werden können und wie wir in ihnen arbeiten. Im Interview spricht er über die bürokratischen Hürden, die Existenzgründern in Deutschland in den Weg gestellt werden. Das Interview entstand aus meiner Replik auf einen ZEIT-ONLINE-Beitrag.

Carsten Foertsch studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie in Berlin und machte 2006 sein Diplom. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Institut für sozialwissenschaftliche Studien mit Fokus auf Stadt- und Regionalentwicklung sowie Arbeitsmarkt. Mitte 2010 gründete er mit Joel Alas Deskwanted, ein Suchsystem für Arbeitsplätze und das Magazin Deskmag.

Wo liegen die größten Hindernisse für Existenzgründer in deutschen Verwaltungen?

Ein besonderes Problem gerade in deutschen Verwaltungen und deren privatrechtlichen Sub-Unternehmen ist das Alter ihrer Beschäftigten, das deutlich über dem Durchschnitt der erwerbsfähigen Bevölkerung liegt. Gerade in Berlin werden junge Leute werden kaum eingestellt. Weniger als 2,5% der Leute, die in den Berliner Verwaltungen arbeiten, sind 30 Jahre oder jünger.

Worin besteht das Problem für Gründer?

In den öffentlichen Verwaltungen und Banken arbeiten daher zunehmend Leute, die kaum über aktuelle Fachkenntnisse verfügen. Gerade Unternehmungen in neuen Wirtschaftsbereichen der Kreativindustrie haben es dadurch schwer. Die Beschäftigten in den Verwaltungen kennen sich kaum aus mit neuen Technologien.

Eine Studie zeigt doch, dass man in den Verwaltungen dennoch z.B. auf Social Media Anwendungen setzt!

Die Nutzung von Social Media garantiert nicht automatisch einen Wissenstransfer. Social Media ist, wenn Sender und Empfänger aufeinander eingehen, der Sender also auch zum Empfänger wird und umgekehrt. Erst diese Interaktion macht Social Media sozial.

Und sinnvoll wird es erst, wenn die Ergebnisse dieser Kommunikation die Arbeit in den Verwaltungen positiv beeinflussen. Das sehe ich bei den meisten Verwaltungen bisher nicht. In der Regel ist es nur ein zusätzlicher Ein-Richtungs-Kanal. Außerdem ersetzt ihre Nutzung in keinem Fall den persönlichen Kontakt zu jungen Kollegen, die in den Verwaltungen fehlen.

Sicher auch eine Geldfrage…

Häufig werden die Social Media Aktivitäten wie viele andere Arbeiten auch zunehmend von Fremdfirmen ausgeführt. Das senkt die Kosten, bündelt Informationen. Aber letztlich funktioniert es wie im Spiel der stillen Post, die Nachricht am Anfang ist nicht die am Ende, vor allem nicht, wenn die Leute in den Verwaltungen nicht die Kenntnisse besitzen, das Wissen dieser Auftragsarbeiten richtig zu bewerten. Da helfen ihnen auch die besten externen Auftragsarbeiten nichts.

Die Berliner Verwaltung ist ein Extrembeispiel. Der Senat steht mit dem Abbau der Schulden vor einem verständlich großen Problem. Durch einen der Schlüsse, die ihr er daraus zog, dem praktisch jahrelangen Einstellungsstopp erhalten die Berliner Verwaltungen jedoch keinen frischen Input an internem Expertenwissen und verlieren daher seit Mitte der 90er den Anschluss an die wirtschaftlichen, technischen und bildungsrelevanten Neuerungen. Dazu mehr im Tagesspiegel.

Man fördert also nicht, was man nicht kennt?

Genau: Länger bestehende Wirtschaftszweige werden durchaus unterstützt. Gerade im Beispiel Kreativbereich offenbart sich der Unterschied zwischen Mode, einem Jahrtausende alten Gewerbe und Unternehmungen, die ihre Einkommen ausschließlich über ihr Wissen in neuen Wirtschaftszweigen beziehen.

Mode wird gefördert – siehe Fashion Week und Bread & Butter. Vielleicht noch Sachen, die mit Kunst oder klassischen Medien zu tun haben, wenn sie an die Kunsthalle oder mittlerweile gescheiterte Fernsehsender denken. Auch die neu geplante Landesbibliothek gehört dazu. Von neuen Nutzungskonzepten fehlt jede Spur. Ein altes Konzept in neuen Räumen.

Haben Sie bessere Ideen?

Ja. Warum können Leute heute, eigene Werke über die Bibliothek nicht kostenlos zur Ausleihe freigeben und von den registrierten Nutzern bewerten lassen? Warum überlassen Bibliotheken ihre Kernkompetenz bei neuen Medien Google oder Apple, wenn sie es gegen eine Mitgliedsgebühr unabhängiger und themengerechter katalogisieren könnten?

Was ich meine, die Verwaltung fördert nicht einmal intern neue Konzepte und Ideen. Da können sie sich ausrechnen, wie schwer es für Existenzgründer ist, wenn sie mit neuen Ideen von außen kommen.

Das klingt ein wenig frustriert…

Nein, ich will gar nicht die einzelne Wirtschaftszweige gegeneinander ausspielen. Im Gegenteil. Wenn es nicht um einzelne Unternehmen oder Gründer sondern um Branchentreffen geht, unterstützt der Senat sie sogar recht unkompliziert mit kleinen Summen, so eine Art kleinen Zuschuss für temporär selbst organisierte Hilfe zur Selbsthilfe. Dafür helfen die Leute von Projekt Zukunft oder Berlin Partner schnell weiter.

Was der Senat durch seine interne einseitige Personalpolitik bewirkt, ist leider trotzdem eine Riesenverschwendung von ökonomischen Potenzial. Wenn ihm die Leute aus den Bereichen schon fehlen, könnte er mehr Leute aus der Verwaltung zumindest für einzelne Branchentreffen öfter freistellen, um ihr Verständnis für neue Wirtschaftsbereiche zu stärken. Das wäre auch ein neues Verständnis von Wirtschaftsförderung. Die Verwaltung sollte nicht mehr warten, bis die Leute zu ihnen kommen. Sie sollte auch selbst öfter aktiv den Kontakt suchen.

Im Interview hat Christoph Lang von Berlin Partner auf die Unterstzützung der Investitionsbank Berlin verwiesen…

Ja, die Investitionsbank wirbt überall mit mit Krediten für Start-ups. Sie tut es jedoch eher für das Image des Standortes Berlins. Die Realität sieht anders aus. Aber wenn es nur das wäre…

Was denn noch?

Die meisten Unternehmen aus jungen Wirtschaftszweigen erhalten nicht nur keine Unterstützung, sie verschwenden auch ihre kostbare Zeit für die Beantragung von Unterstützung, die aus Ahnungslosigkeit ohne ernsthafte Bearbeitung abgelehnt werden. Es betrifft gerade die einfachen Programme der IBB.

Mit Mikrokrediten von zehn- oder zwanzig Tausend Euro können in Berlin schon viele Leute was drehen, um auf den eigenen Füßen zu stehen. Gerade aus dem Kreativbereich, wo die meisten als Selbstständige oder Kleinunternehmer starten. Für die Beurteilung fehlt der IBB jedoch die Kompetenz. Restaurants und Gas-Wasser-Sanitär sind kein Problem, aber alles, was sie noch nicht kennen, wo sie keine Expertise bisher aufbauten, wird nicht gefördert.

Na immerhin kann man es versuchen…

Die Zeit für die gescheiterten Anträge fehlt den Antragstellern später beim Aufbau ihres Unternehmens. Sie erhalten also das Gegenteil von Unterstützung, nämlich einen Arschtritt und den Verlust darin investierter Zeit, der sich schnell zu einem Wettbewerbsnachteil entwickeln kann.

Es wäre ehrlicher und für jeden einfacher, wenn sie vorher sagen, nach welchen Richtlinien sie Unternehmen fördern. Sie sollte auf Transparenz setzen als auf irreführendes PR Bla Bla.

Vielleicht muss man der Verwaltung dieses Problem erklären…

Seit fast 15 Jahren praktiziert die Berliner Verwaltung dieses Vorgehen, ohne aus ihren Fehlern zu lernen. Ein schönes Beispiel fand ich zufällig in einem Text über das Internet-Unternehmen Zanox .  Dort heißt es:

Bereits 1997 entwickeln die Studenten der Wirtschaftsinformatik das visionäre Projekt Inab (eine Abkürzung für „Internetadressbuch“), eine Website zum Speichern und Verwalten von Lesezeichen. Mit ihrer Diplomarbeit beteiligen sie sich an einem Business Plan-Wettbewerb des Berliner Existenzgründerforums, der Sparkasse und dem Stern, doch sind sie offensichtlich mit diesem Projekt ihrer Zeit voraus. Die Jury können die jungen Unternehmer jedenfalls nicht von ihrem visionären Geschäftsmodell überzeugen: Sie unterliegen beim Wettbewerb einem Berliner „Schnittchen-Bring-Service“.

Und heute sind Social Bookmarking-Dienste der Renner… Wie kann so etwas passieren?

Ich denke, sie sind eher die Ausnahme. Beim Businessplan Wettbewerb der IBB gewann letztes Jahr im Bereich Service eine Fahrradwaschanlage, ein Kinderbetreuungsdienst, eine Textilpflege, ein Online-Konzertbewertungsportal und Online-Generationsprojekt. Da ging es nicht mal um einen Kreditantrag, für den man sich nackt ausziehen muss und mehr Leute auf der Strecke bleiben.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, es sind alles tolle Sachen dabei, aber so etwas hätte die IBB schon vor zehn Jahren auszeichnen können. Nicht ein wirklich komplett neues Ding dabei – bei so vielen Bewerbungen. Und nun stellen Sie sich vor, sie möchten vor diesem Hintergrund Geld bei der IBB beantragen.

Was passiert dann?

Eine Ablehnung bei den Mikrokrediten erfolgt in der Regel, wenn innerhalb von sechs bis neun Monaten kein operativer Gewinn erzielt werden kann, mit dem Kreditraten bezahlt werden. Das gilt betrifft viele Online-Unternehmen, die sie sich erstmal einen Namen machen und Traffic erzielen müssen, um Geld zu verdienen.

Das dauert in der Regel mindestens ein, zwei Jahre. Ein besonderes Förderungsprogramm mit Kleinkrediten bieten sie dennoch nicht an. Twitter erzielte erst fünf Jahre nach Bestehen Gewinne. Google benötigte drei Jahre dafür. Und mit Kleinunternehmen entstehen viel mehr Jobs als mit Großunternehmen. Da würden sich spezielle Mikrokredite wirklich lohnen, die darauf mehr Rücksicht nehmen. Die aktuellen Mikrokrediten sind aber auch nur ein Produkt der Zeit, in dem der kurzfristige Erfolg mehr zählt als die langfristige Perspektive.

Wie sieht das bei Euch aus?

Wir verdienen mit unserem Magazin derzeit auch noch nichts, wir starteten mit dem Deskmag erst richtig im Oktober letzten Jahres. Unser Einkommen beziehen wir derzeit aus individuell angefertigten Marktanalysen. Allgemeine Zusammenfassungen stellen wir allen Interessierten kostenlos auf dem Deskmag bereit.

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