Wenn Naivität hilft, sich vor Verantwortung zu drücken: Achtung Lolita-Syndrom

Menschen sind generell hilfsbereit – vor allem dann, wenn sie wirklich helfen können. Doch das macht sie – Männlein wie Weiblein – leider auch anfällig für das Lolita-Syndrom: Die nur scheinbare Hilflosigkeit von anderen, die es tatsächlich darauf anlegen, Arbeit auf andere abzuwälzen.



So eine Situation kennt vermutlich jeder: Da steht die junge, hübsche, blonde Praktikantin vor dem Chef, Schmöllmündchen, nettes Lächeln – und vor allem eines: Unsagbar überfordert mit der ihr zugedachten Aufgabe… Es fallen Sätze wie “Das können Sie doch viel besser” oder “Oh Gott, ich habe einfach keine Zeit mehr” – und schon sagt der Chef: “Ach, lassen Sie mich das machen”. Vielleicht denkt er dabei auch die etwas genervtere Variante wie “Das mach ich schon, dann klappts wenigstens”. Aber eines hat die Masche auf jeden Fall erreicht: Die Praktikantin hat sich vor der Arbeit und damit der Verantwortung gedrückt.

Dass ich das Beispiel junge, hübsche, blonde Praktikantin bemüht habe geschah aber nur aus einem Grund: Es ist ein Klischee – und ein Fall, wo die Masche wahrscheinlich besonders gut funktioniert. Tatsächlich hat die Sache aber nur am Rande etwas mit sexuellen Reizen und vielmehr mit der Hilfsbereitschaft von Menschen zu tun. Sie funktioniert daher bei beiderlei Geschlechtern und auch bei optisch weniger attraktiven Menschen.

Aber Tatsache ist: Es funktioniert. Ziemlich oft. Und ziemlich gut sogar. Achten Sie mal darauf. Das hat auch damit zu tun, das Hilfsbereitschaft ein konventionalisertes Verhalten ist, d.h. man muss hilflos wirkenden Menschen einfach helfen. Wer dann “Nein” sagt, verstößt praktisch gegen die gesellschaftlichen Konventionen. Und das will niemand.

Tatsächlich ist damit aber niemandem geholfen: Man selbst fühlt sich am Ende doch irgendwie ausgenutzt und ärgert sich, weil man mal wieder nicht “Nein” sagen konnte. Und auch der angebliche hilflose Praktikant hat zwar kurzfristig weniger Stress, langfristig aber nichts bei der Sache gelernt: Zum einen wird er oder sie die erfolgreiche Masche kaum ändern, weil sie eben so gut klappt. Und auch die ihm/ihr zugedachte Aufgabe wird in Zukunft wohl kaum besser erledigt.

Also besser gleich nachdrücklich “Nein” sagen.


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  • Stefan Noa

    … ich nenne es auch gerne “Bohrmaschinen-Syndrom”, d.h. die klassische Weigerung von Frauen, eine Bohrmaschine oder ähnliches technisches Gerät zu verwenden. Das lasse ich ja dann grundsätzlich nicht durchgehen :)
    Lieber jemanden zur “Verhaltenskorrektur” aufwendig anleiten und bei Prozessen begleiten, als deren “künstliches Unvermögen” zu kultivieren. Ist langfristig für alle Beteilgten das Beste (fängt schon bei der Erziehugn meiner Tochter an…)

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  • Simone Janson

    @Stefan Noa:
    danke für den humuristischenhumoristischen Einwand. So kann man das natürlich auch sehen :-) Mir ging es aber nicht primär um den Erziehungsfaktor, sondern darum, Menschen, die besonders anfällig dafür sind, sich ausnutzen zu lassen, mal zum Nachdenken und öfter Nein-Sagen zu überzeugen. Der Titel lockt da einfach mehr Leute an, ist halt so :-)

    • Simone Janson

      edit: humuristisch gibts natürlich (noch) nicht… aber hier verhält es sich vielleicht ähnlich wie mit Prokastination und Prokrastination – dazu bald mehr in diesem Blog…

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  • Clariss Janson

    Und ob ich dass kenne.

    Schlimmer noch: Ein Mensch der jegliche persönliche Verantwortung von sich weist, eigene Aufgabenbereiche auf andere abwälzt, aber sich als “der Macher” vor anderen ausgibt und sich dafür von diesen feiern und bewundern lässt. Hat diese Person dann von Natur aus eine oberflächig betrachtet “gewinnende Persönlichkeit” kann eben dieser reihenweise die Menschen (die nicht mit ihm leben müssen) blenden.
    Gehen die “Ausgenutzen” in die Offensive steht oft Wort gegen Wort.

    Schlimm wenn dieser Mensch (wie oben beschreiben) in welchem Bereich auch immer eine Machtposition hat (und dass auch weiß)

    • http://simone-janson.de Simone Janson

      Danke für den Bericht!

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