Menschen sind generell hilfsbereit – vor allem dann, wenn sie wirklich helfen können. Doch das macht sie – Männlein wie Weiblein – leider auch anfällig für das Lolita-Syndrom: Die nur scheinbare Hilflosigkeit von anderen, die es tatsächlich darauf anlegen, Arbeit auf andere abzuwälzen.
So eine Situation kennt vermutlich jeder: Da steht die junge, hübsche, blonde Praktikantin vor dem Chef, Schmöllmündchen, nettes Lächeln – und vor allem eines: Unsagbar überfordert mit der ihr zugedachten Aufgabe… Es fallen Sätze wie “Das können Sie doch viel besser” oder “Oh Gott, ich habe einfach keine Zeit mehr” – und schon sagt der Chef: “Ach, lassen Sie mich das machen”. Vielleicht denkt er dabei auch die etwas genervtere Variante wie “Das mach ich schon, dann klappts wenigstens”. Aber eines hat die Masche auf jeden Fall erreicht: Die Praktikantin hat sich vor der Arbeit und damit der Verantwortung gedrückt.
Dass ich das Beispiel junge, hübsche, blonde Praktikantin bemüht habe geschah aber nur aus einem Grund: Es ist ein Klischee – und ein Fall, wo die Masche wahrscheinlich besonders gut funktioniert. Tatsächlich hat die Sache aber nur am Rande etwas mit sexuellen Reizen und vielmehr mit der Hilfsbereitschaft von Menschen zu tun. Sie funktioniert daher bei beiderlei Geschlechtern und auch bei optisch weniger attraktiven Menschen.
Aber Tatsache ist: Es funktioniert. Ziemlich oft. Und ziemlich gut sogar. Achten Sie mal darauf. Das hat auch damit zu tun, das Hilfsbereitschaft ein konventionalisertes Verhalten ist, d.h. man muss hilflos wirkenden Menschen einfach helfen. Wer dann “Nein” sagt, verstößt praktisch gegen die gesellschaftlichen Konventionen. Und das will niemand.
Tatsächlich ist damit aber niemandem geholfen: Man selbst fühlt sich am Ende doch irgendwie ausgenutzt und ärgert sich, weil man mal wieder nicht “Nein” sagen konnte. Und auch der angebliche hilflose Praktikant hat zwar kurzfristig weniger Stress, langfristig aber nichts bei der Sache gelernt: Zum einen wird er oder sie die erfolgreiche Masche kaum ändern, weil sie eben so gut klappt. Und auch die ihm/ihr zugedachte Aufgabe wird in Zukunft wohl kaum besser erledigt.
Also besser gleich nachdrücklich “Nein” sagen.


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