Von Octopus-Orakeln, Physognomen und anderen Hellsehern: Wie Esoterik (nicht nur) die Personalauswahl beeinflusst – BEST OF HR | B E R U F E B I L D E R . D E

Von Octopus-Orakeln, Physognomen und anderen Hellsehern: Wie Esoterik (nicht nur) die Personalauswahl beeinflusst



Die Griechen fragten das Orakel von Delphi, die Germanen ihre Runen. Andere lasen aus den Eingeweiden von Tier- oder Menschenopfern. Heute sagt Octupus Paul die WM-Ergebnisse vorher – und auch seriöse Medien berichten über ihn. Esoterik auf dem Vormarsch? Selbst bei der Bewerberauswahl?


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Auch seriöse Medien berichten unkritisch über Esoterik

Als mich vor einigen Jahren eine Wahrsagerin anrief, um sich bei mir über Umsatzsteuerfragen zu informieren (worüber ich übrigens keine Auskunft geben darf! ), habe ich erstmal sehr gelacht und darüber dann auch einen teilironischen Post verfasst – der mir übrigens auch einiges an Kritik aus dem Esoterikbereich einbrachte.

Mittlerweile finde ich die Sache nicht mehr ganz so komisch bzw. das Lachen könnte einem im Halse stecken bleiben. Das fängt schon an bei Octupus Paul: Es mag ja eine nette, unterhaltsame Idee sein, ein Tier als WM-Orakel zu nutzen, und ok, er hatte bei dieser WM immer recht.

Aber dass das Thema auch in seriösen Medien derart gehypt wird (Focus, Spiegel, WDR und sogar die New York Times)? Unglaublich! Ist eigentlich noch keiner auf die Idee gekommen, mal zu fragen, ob nicht das Muschelfleich getürkt war?

Esoterik in der Personalauswahl

Kein Wunder also, dass die Esoterik traurigerweise auch längst in die Personalauswahl Einzug gehalten hat. Dank Daniela Krüger vom Bewerberblog bin ich auf dieses sehr gute Interview bei Spiegel-Online Uwe Peter Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der FH Osnabrück, aufmerksam geworden. Immerhin ist SPON diesmal kritisch – bei Orakel Paul hatte man noch gewitzelt, ihn in die Politik zu schicken…

Kanning berichtet darin sehr kritisch über fragwürdige Methoden bei der Personalauswahl wie z.B. die Auswahl nach Sternzeichen. Wenn das auch für viele unschwer als Mumpitz zu erkennen ist, gibt es auch Methoden, die mittlerweile eine pseudowissenschaftliche Aufwertung erfahren haben und daher vergleichsweise unkritisch betrachtet werden:

Pseudowissenschaftliche Aufwertung

Etwa Körpersprache, die in der gesamten Ratgeberliteratur vertreten ist, oder  Handschriftenerkennung: Ich habe noch in der Schule gelernt, dass man Lebensläufe mit der Hand schreibt, weil die Unternehmen aus dem Schriftbild rückschlüsse ziehen. Angeblich greifen immerhin 2,4 Prozent der deutschen Unternehmen bei der Personalauswahl auf die Graphologie zurück.

Wirklich krass finde ich aber die Schädeldeutung, die sogenannte Psycho-Physiognomik. Die behauptet, anhand der Schädelform, der Gesichtszüge, der Form von Nase und Ohren Aussagen über die Persönlichkeit machen zu können. Das ist laut Kanning nicht nur Quatsch, sondern erinnert mich auch stark an bestimmte Rassentheorien…

Warum glauben so viele die simplen Lösungen?

Auch wenn man, wie Daniela, erstmal versucht ist, sich darüber zu ärgern, dass so viele Leute den Quatsch überhaupt mitmachen: Kanning gibt auch ein paar einleuchtende Erklärungen, warum auch gestandene Personaler von so einem Humbug beeindruckt sind:

„Alle Pseudowissenschaften bieten schnelle Lösungen an und versprechen, dass der Bewerber das Ergebnis nicht manipulieren könne, was ja bei einem Vorstellungsgespräch – wenn auch nur begrenzt – möglich ist. Seinen Schädel oder sein Sternbild kann keiner verfälschen. Das klingt für viele Personaler sehr attraktiv, sie suchen so etwas wie eine geheime Formel, mit der sie Menschen durchschauen können.“

Rat in einer unsicheren Welt

Dazu kommt noch der Aspekt, dass immer mehr Menschen in einer zunehmend unsicherer werdenden Welt Rat und Orientierung suchen. Z.B. auch, wenn es um die vermeintlich todsichere Berufswahl geht. Kein Wunder, dass auch Studien zeigen, dass Esoterik ein immer größerer Wirtschaftsfaktor wird.

Und kein Wunder, dass auch das Interesse an Zukunftsforschern groß ist, die zwar vergleichsweise seriös arbeiten, im Ergebnis dann aber auch einen todsicheren Blick in die Zukunft versprechen.

Auf der Suche nach einfachen Erklärungen

Der Mensch also auch im 2Jahrhundert kein vernunftgesteuertes Wesen auf der Suche nach einfachen Erklärungen und dem todsicheren Blick in die Zukunft? Scheint fast so!

Übrigens: Das nicht ganz ironiefreie Plakat zur Bildungsmesse der IHK Lauda-Königshofen wurde mit freundlicherweise von meinem Kollegen Peter Hauff, der es entworfen hat, zur Verfügung gestellt.

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