Gut einen Monat ist es her, dass DIW-Arbeitsmarktforscher Karl Brenke die Diskussion um den Fachkräftemangel auf ein etwas sachlicheres Niveau hob – so hätte man zumindest meinen können. Denn kurz vor dem Jahreswechsel meldet sich der VDI zurück – mit der üblichen These!
Der Verein Deutscher Ingenieure machte nun in einer Pressemitteilung erneut klar, dass in Deutschland in naher Zukunft weiter mit einem starken Fachkräftemangel zu rechnen sei. Beleg: Die Zahl der offenen Stellen im November 2010, die übrigens denen Karl Brenkes eklatant widersprechen.
Was sag der VDI?
Ein wenig wirkt das für mich wie: “Was kümmert mich die Statistik vom letzten Monat. Wir kriegen ihn schon den Fachkräftemangel – jetzt aber wirklich!” Im Einzelnen liest sich das dann so:
Auch im November 2010 verschärfte sich der Ingenieurmangel weiter. Laut VDI-/IW-Ingenieurmonitor fehlten ca. 47.000 Ingenieure. Der Anstieg um knapp acht Prozent im Vergleich zum Vormonat resultierte zum einen aus dem Anstieg der offenen Stellen auf 70.000. Gleichzeitig sanken die Ingenieur-Arbeitslosenzahlen im November erneut leicht um zwei Prozent auf 23.600.
15.800 und damit die meisten offenen Stellen gab es erneut in Baden-Württemberg, gefolgt von 13.600 Vakanzen in Nordrhein-Westfalen und knapp 10.000 in Bayern. Mit 24.500 Stellen war die größte Anzahl offener Stellen wieder bei den Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren ausgeschrieben, bei den Elektroingenieuren waren es 15.700, bei den Bauingenieuren 12.300. Für die Berufsgruppe der Elektroingenieure bedeutet dies einen Anstieg um knapp 5 Prozent im Vergleich zum Oktober 2010, im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 41,4 Prozent.
Woher kommen die Zahlen?
Quelle für die Zahlen in dieser Meldung sind übrigens die Berechnungen des Instituts für Deutsche Wirtschaft. Bei Karl Brenke sehen die Zahlen ganz anders aus – Beispielsweise die vom VDI angesprochenen Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure:
Hier konnte Brenke im Oktober 2010 nur 3.366 offene Stellen ausmachen. Und 2008, vor der Wirtschaftskrise waren es auch nur 5.018 (siehe Seite 7 in der Studie).
Kann man das so berechnen?
Wie diese starke Diskrepanz zu Stande kommt, erklärt Arbeitsmarkexperte Brenke auch gleich selbst – nämlich auf Seite 4 seiner Studie (die man hier als PDF findet) – nämlich zum einen aus einem Berechnungsfehler und zum anderen deshalb, weil längst nicht alle gemeldeten freien Stellen auch tatsächlich frei sind:
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat versucht, aus einer Kombination aus Unternehmensumfragen und Daten der Bundesagentur für Arbeit das Angebot und die Nachfrage etwa bei Ingenieuren zu erfassen. So wird dabei auf der Basis einer relativ kleinen Stichprobe er-hoben, wie viele Unternehmen ihre offenen Stellen für Ingenieure der Bundesagentur für Arbeit melden. Auf dieser Grundlage wird ein Faktor ermittelt, mit dem die bei der Arbeitsverwaltung gemeldete Zahl der offenen Stellen hochgerechnet wird, um auf die gesamte Nachfrage nach Ingenieuren zu schließen. Zuletzt wurde der Faktor sieben verwendet – die Zahl der offenen Ingenieurstellen bei der Bundesagentur wurde also mit sieben multipliziert.
Was ist das Problem?
Karl Brenke erklärt dann aber auch, warum das Verfahren problematisch ist:
Es ist aber nicht zulässig, die offenen Stellen mit einem ermittelten Multiplikator einfach hochzurechnen. Denn in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht sind nur solche offene Stellen zur Messung eines Fachkräftebedarfs relevant, die entstehen, wenn ein Betrieb sein Personal aufstocken will, oder weil Mitarbeiter aus der Erwerbstätigkeit hierzulande ausscheiden und ersetzt werden sollen. Oft sind Stellenausschreibungen aber nur auf Betriebswechsel zurückzuführen. Ein Beispiel: Ein noch im Betrieb tätiger Arbeitnehmer hat eine berufliche Veränderung angekündigt und so eine Stellenausschreibung ausgelöst. Dieser Mitarbeiter bewirbt sich nun auf eine Stellenanzeige bei einem anderen Arbeitgeber, die deshalb geschaltet wurde, weil in dessen Betrieb ein Beschäftigter sich beruflich verändern will. Es sind auf diese Weise mehrere offene Stellen entstanden, aber kein zusätzlicher Arbeitsplatz und nicht einmal eine Vakanz aufgrund des Ausscheidens eines Mitarbeiters aus dem Erwerbsleben.
Fazit
Ich würde mir wünschen, dass sich VDI und IW, wenn sie schon anderer Meinung sind, sich mit Brenkes Studie kritisch auseinandersetzen und dessen Thesen diskutieren. Die Studie des DIW totzuschweigen und einfach so weiterzumachen wie bisher, wirkt wenig transparent und glaubwürdig. Eine offene Diskussion wäre für das Thema förderlichter!
Oder glaubt man, dass dieser kurze Beitrag mit ein paar locker hingeworfenen Beispielen eine ganze Studie entkräften kann? Ich finde das ja etwas mager und wenig aussagekräftig. Beim Institut für Deutsche Wirtschaft und dem VDI ist man offenbar anderer Meinung.



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