Interview mit Professor Gerald Lembke, Gründer der Beraterplattform ADVZR: „Online-Coaching kann eine preiswerte Alternative zum normalen Coaching sein“

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16.03.2009 154 Leser 4 Debatten 1114 Wörter Lesezeit: 7 Minuten, 37 Sekunden
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Bildung Meinung  Weiterbildung Studium Gehalt Honorar Beratung Coaching Mentoring   Im Interview erzählt Gerald Lembke, Professor für Digitale Medien, Medienmanagement und Consulting an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim, wie er auf die Idee zum Online-Coaching kam und wo er Vorteile und Grenzen des Online-Coachings sieht.

Professor Dr. Gerald Lembke arbeitet seit 12 Jahren als Coach. Er gründete 2007 die Beraterplattform ADVZR und wurde dafür mit dem Innovationspreis in der Kategorie Consulting des Deutschen Mittelstandes ausgezeichnet. ADVZR [?d’va?z?r] ist die erste Beratungs- und Coaching-Plattform zur gezielten Vermittlung zwischen Beratern/Coaches und Klienten aus Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und dem privaten Bereich. Das Ziel ist es, beide Parteien gezielt zu verbinden und die Beratungsleistungen automatisch miteinander zu verrechnen.

Herr Professor Lembke, wodurch sind Sie auf die Idee gekommen, Coaching auch online anzubieten?

Ich habe häufig festgestellt, dass von Coachingleistungen vor allem erfahrene Führungskräfte profitieren. Mitarbeiter, junge Führungskräfte und Menschen mit fachlicher Verantwortung wie zum Beispiel Projektleiter werden diesbezüglich von ihren Arbeitgebern kaum unterstützt. Ihnen bleibt zum Lernen nur das „Trial and Error“-Verfahren. Daher habe ich vor drei Jahren das theoretische Konzept der Online-Beratung, zu der auch das Coaching zählt, entwickelt.

Das Online-Coaching ist also die Billig-Variante des normalen Coachings?

Billig nur im Sinne, dass das Coaching tatsächlich preiswerter ist. Der Klient entscheidet im Dialog mit seinem Coach, ab wann er zu zahlen bereit ist. Die Preisfindung folgt hier in einem gewissen Rahmen dem web 2.0-Mitmach-Prinzip. Der Klient ist also viel stärker in die Preisbildung involviert als er es bisher in diesem Geschäft gewohnt sein kann. Der Berater kann es natürlich strickt vorgeben, die Annahme hängt vom Klienten ab. Das heißt, wir halten uns als Betreiber aus der Preisgestaltung weitgehend heraus. Wir geben lediglich einen Rahmen in Form eines Maximalpreises vor. Diesen Rahmen können wir jederzeit anpassen.

Und gibt es auch einen Unterschied in der Qualität der Beratung?

Nein, ich denke nicht. Alle bisherigen Berater wurden von uns durch Beobachtungen, Interviews und Online-Recherchen ausgewählt. Wir garantieren dem Klienten Reaktionszeiten unter 24 Stunden nach seiner Anfrage, wirgarantieren ihm Ansprechpartner, die in der Lage und willens sind, über neue Technologien konsequent zu kommunizieren. Wir garantieren hoch qualifizierte Menschen, die sich in der Praxis hervor getan haben. Summa summarum liefern wir gute Coaches und Berater, die zugleich eine hohe Medienaffinität haben und diese unter Beweis gestellt haben. Bei uns sitzen also keine „Menschen“ zu Hause auf dem Sofa vor dem TV und warten auf das Klingeln des Telefons. Vielmehr beherbergt das Portal Menschen, die eine Passion haben, die Menschen gern unabhängig Ihres Status unter die Arme greifen, die Ihre Kompetenzen über den Online Kanal anbieten und automatisch abrechnen möchten.

Sind denn alle Ihre Berater Coachs oder gibt es auch Unternehmens- oder Personalberater?

Tja, ist nicht jeder (Unternehmens-)Berater auch ein Coch und umgekehrt? Eine Definitionsfrage. Auf jeden Fall sind bisher keine Personalberater(die Recruiter) dabei. Alle haben aber einen ausgeprägten Coaching- und/oder Beratungshintergrund. Wir achten im Besonderen auf Ausbildung, Werdegang und Qualifikation. Ebenso wichtig: Die Reputation der Personen. Wir suchen für die Online-Beratung die Besten aus fachlicher und methodischer Hinsicht in der Anwendung der Online-Methode.

Wie viele ADVZR-Berater/Coachs haben Sie eigentlich zurzeit?

Zur Zeit sind 59 zahlende Beratinnen und Berater registriert, die Ihre Leistungen aktiv anbieten. Darüber hinaus sind 89 nichtzahlende Berater registriert, die aktuell auf die Leistungen nicht zugreifen möchten und dürfen.

Wie genau funktioniert Ihr Online-Coaching in technischer Hinsicht? Machen Sie das nur via Telefongespräch, Chat und E-Mail oder zeichnen Sie den Coachingprozess mit einer Webcam auf und bitten Ihre Klienten, das auch zu machen?

Nein, es gibt keine Aufzeichnungen des Prozesses über Video. Emailberatung wird aufgezeichnet und nur dem Berater und dem Klienten zugänglich gehalten. Selbst dem Administrator haben wir die Zugänge verweigert und technisch unmöglich gemacht.

Gibt es zwischen Klienten, die sich online coachen lassen wollen und die ihren Coach lieber live erleben wollen, einen Unterschied? Wenn ja, worin besteht der?

Natürlich gibt es den. Zu Kunden, die ich live coache, habe ich ein besonderes Vertrauensverhälltnis und das wird auch gewünscht. Die Online-Kunden, die ich nicht vorher kenne, tarnen sich bei Ihren Anfragen mit anonymen Usernamen.

Gibt es bestimmte Anliegen, bei denen das Coaching online nicht funktioniert? Gibt es Anliegen, bei denen es nur online funktioniert?

Manche Anliegen funktionieren tatsächlich online nur eingeschränkt. Beispielsweise möchte ein Klient ein bestimmtes Konzept entwickeln, kommt damit auf Online-Berater zu. Nach der Auftragsklärung stellt sich heraus, dass es eigentlich keine fachlichen Probleme mit der Konzepterstellung gibt, sondern der Kunde vielmehr Angst hat vor einer bevorstehenden Präsentation vor seinen Chefs. Da können Worte über Mail oder Telefon das normale Coaching zwar unterstzuetzen, auf lange Sicht kann aber die gewünschte Entwicklungen in der Persönlichkeit nur durch durch Online-Coaching nicht erreicht werden. Andererseits zeigen psychologische Untersuchungen, dass Klienten oft Problem haben, ihr Anliegen in Worte zu fassen, unabhängig in welcher Forum. Hier kann Online Coaching helfen, die eigene Schwäche zuzugeben, da man sich hier nicht so schnell entblößt und sich schriftlich langsam dem Thema nähert.

Welche Dienstleistung wird von den Klienten am besten angenommen – die E-Mail-Beratung, die telefonische Beratung, die Forenberatung oder der Chat?

Ganz klar. Die E-Mail-Beratung, gefolgt vom Chat. Telefon folgt an dritter Stelle.

Birgt das Internet nicht die Gefahr, dass der Klient ihn anlügt?

Warum sollte er das? Ist mir in der Online-Praxis bisher noch nicht zu Ohren gekommen.

Glauben Sie tatsächlich, dass Online-Coaching o viel bringen kann wie ein face-to-face Coaching?

Ja, ich halte das nicht nur für möglich, sondern Online-Coaching sogar für eine notwendige Sache. Die richtigen Impulse vom Berater voraus gesetzt, kann über Mail und Telefon gezielt ein Prozess in Gang gesetzt werden, den der Klient selbsterfahrend und damit ja selbstlernend voran treiben sollte. Nimmt die Klarheit und/oder das Tempo ab, so sollte der nächste Impuls eingefordert und geliefert werden. Insofern ist Online-Beratung nicht nur situationsabhängiger Problemlöser, sondern auch ein Prozessbegleiter, ein günstiger zudem.

Gibt es beim E-Mail-Coaching nicht wesentlich mehr Missverständnisse als beim face-to-face in der Coachingpraxis?

Missverständnisse haben Sie immer, denken Sie an Ihr privates oder engeres Umfeld. Sie lassen sich jedoch unabhängig vom Kommunikationskanal reduzieren durch die Häufigkeit der Kommunikation. In sofern ist die Betreuung von Coachees vor und nach einem möglichen fact-to-face Treffen ratsam, um dann, wenn es richtig ernst werden sollte, den Grad der Missverständnisse so weit wie möglich reduziert zu haben.

Und birgt die Distanz beim Online-Coaching nicht auch mehr Konfliktpotentieal?

Es gibt ja unterschiedliche Formen eines Konflikts: Bei den interpersonellen ist Nähe unabdingbar. Da hilft kein Online-Tool. Bei fachlichen Konflikten kann Online unterstützen. Bei intrapersonellen Konflikten halte ich für die Initiative und den Start eines Beratungsprozesses das Online-Tool auf Grund der niedrigen Eintrittsbarriere für die relevante Methode, um Selbstreflexionen anstoßen zu können.

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    Meistdiskutiert im letzten Monat:
  1. Dr, Elisabeth Mardorf

    Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Telefon- Coaching kombiniert mit Email- Coaching gemacht. Ursprünglich entwickelte es sich in der Folge von persönlichen coaching- Gesprächen, nachdem Klienten umgezogen waren. Mittlerweile habe ich aber etliche Klienten ausschließlich über Telefon- Coaching beraten. Im Vorfeld klären wir wichtige Eckdaten schon per mail, so dass das Gespräch effektiv und auch kostengünstig laufen kann. Bei wichtigen (Schreib-) Projekten senden mir Klienten im Verlauf des Coaching auch Arbeitskonzepte etc., so dass wir im Telefongespräch hart an der Sache weiterarbeiten können.Ich sehe Telefon- Coaching als wunderbare Möglichkeit für Klienten, ihren Traumcoach trotz Entfernung zu engagieren, und für mich als Coach als gute Möglcihkeit, ortsunabhängig zu arbeiten.

  2. Simone Janson

    Liebe Frau Birkner,
    danke, dass Sie uns Ihre Erfahrungen geschildert haben. Ein sehr interessantes Thema in der Tat.

  3. Monika Birkner

    Spannendes Konzept. Spannendes Interview. Herzlichen Glückwunsch!

    Ich führe seit Jahren einen Großteil meiner Coachings als Telefon- oder E-Mail-Coachings durch und habe damit beste Erfahrungen gesammelt. Über das Telefon kommen Nuancen sehr deutlich herüber, möglicherweise gerade dadurch, dass das visuelle Element entfällt. In meiner Arbeit spielt die Intuition eine große Rolle. Das Medium Telefon ist dabei sehr hilfreich.

    Das E-Mail-Coaching wird oft von Klienten gewünscht, die in Ruhe über bestimmte
    Themen und meine Impulse nachdenken möchten. Ein weiterer Grund ist, dass sie sich Zeit nehmen wollen, ihre eigenen Gedanken niederzuschreiben und diesen Prozess als sehr klärend erleben.

    Da Zeit ein immer wichtigerer Faktor wird, bin ich von der weiteren Ausbreitung von Telefon- und E-Mail-Coaching überzeugt. Denn diese Formen sind für beide Seiten insofern bequem, dass keine Reisen nötig sind, sondern man sozusagen „aus dem Stand heraus“ starten kann.

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