Interview mit Monika Wulf-Mathies über Karriere, Frauen und Geisteswissenschaftler: „Man erreicht viel, wenn man es nur will und sich nicht entmutigen lässt“

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09.10.2009 526 Leser 7 Debatten 775 Wörter Lesezeit: 4 Minuten, 51 Sekunden
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Berufsbilder & Karrieren Meinung  Mut Risiko Köpfe Monika Wulf-Mathies Frauen Gender Emanzipation Berufsbild Wirtschaft Berufsbild Sozialwissenschaften   Dr. Monika Wulf-Mathies arbeitete im Kanzleramt, war ÖTV-Vorsitzende, in der europäischen Kommission und Beraterin für Gerhard Schröder. Seit 2001 ist sie bei der DHL. Im Interview berichtete Sie von ihrem Erfolgsrezept.

Nach Studium der Geschichte , Germanistik und Volkswirtschaft und ihrer Promotion 1968 in Hamburg war Wulf-Mathies zunächst Hilfsreferentin im Bundesministerium für Wirtschaft, dann im Bundeskanzleramt u.a. Leiterin des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik. 1976 wurde sie in den Vorstand der Gewerkschaft ÖTV gewählt, 1982 wurde sie Vorsitzende. 1994-1999 war sie Mitglied der Europäischen Kommission, danach war sie bis 2000 europapolitische Beraterin von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Seit 2001 ist sie bei der Deutschen Post DHL, zunächst als Leiterin des Zentralbereichs „Politik und Nachhaltigkeit“, seit 2009 als Beraterin des Vorstands. Wie hat Sie es geschafft, als Frau und Geisteswissenschaftlerin so erfolgreich zu sein?

Frau Dr. Wulf Mathies, Sie haben ein beeindruckenden Lebenslauf hinter sich – trotz oder wegen Ihres Geisteswissenschaftlichen Studiums?

Ich glaube nicht, dass man sagen kann, weil ich Geisteswissenschaftlerin bin, war ich erfolgreich. Aber grundsätzlich vermittelt jedes Studium Schlüssel- und Basiskompetenzen, die einem ermöglichen, Sachverhalte zu strukturieren, sich neue Themen systematisch zu erarbeiten und sein Wissen auf unterschiedlichen Gebieten anzuwenden. Geisteswissenschaftler entwickeln darüber hinaus wichtige Kompetenzen, von der Sprache über die Kultur, die Gesellschaft und das Leben im Allgemeinen bis hin zu einer guten Schreibe und einer Sensibilität für „soft skills“, die für viele Tätigkeiten nützlich sind.

Geisteswissenschaftlern wird häufig nachgesagt, sie seien weltfremd und für den Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen. Welche Qualifikationen haben Ihnen geholfen?

Neben den genannten Fähigkeiten braucht man sicher zusätzliche Eigenschaften wie Engagement und Fleiß, Leistungswillen, Freude an der Arbeit, Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, Risikobereitschaft, ein gesundes Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungsfreude, und , nicht zu vergessen: Glück!

Sie sind als Frau und Geisteswissenschaftlerin erfolgreich – war das nicht eigentlich ein doppeltes Handicap für Ihre Karriere?

Ja und nein. Natürlich gibt es immer noch viele Vorurteile gegen Frauen in Führungspositionen. Aber wenn man gut ist und sich etwas zutraut, ist man auch sichtbarer als ein Mann,– und das kann helfen, dass wichtige Leute auf einen aufmerksam werden. Frauen haben häufig zu viele Selbstzweifel, wenn sie Karriere machen wollen, obgleich sie meist qualifizierter sind als männliche Bewerber. Ein gesundes Selbstvertrauen ist deshalb unbedingt erforderlich für die Karriere.

Wie stehen Sie zu dem gerne geäußerten Vorwurf, dass, wer etwas nur aus Spaß an der Freude studiert, sich ja hinterher nicht zu wundern braucht, wenn er keinen Job findet?

Ohne Freude an der Sache und an seinem Studienfach gelingt einem gar nichts. Natürlich ist es leichter, als Jurist oder Betriebswirt auf den späteren Beruf hin zu studieren, aber selbst diese Studien sind ja noch keine Garantie für immerwährenden Erfolg. Auch da muss man bereit sein, vieles hinzuzulernen. In Großbritannien gab es mal den Rat ,The Greeks“ zu studieren, befähige einen zu den höchsten Regierungsämtern. Will sagen: Hauptsache man studiert das, was man studiert, mit Leidenschaft und lernt dabei, offen zu sein für alles weitere, dann findet man auch einen Job, der einem Freude macht.

Sie haben auch Volkswirtschaft studiert, sind also keine reine Geisteswissenschaftlerin. Hat Ihnen dieses Studium bei Ihrer Karriere geholfen?

Nicht unbedingt oder nur in dem Sinne, dass ich mein Studium von vornherein breiter angelegt und damit bewiesen habe, dass ich nicht allein auf Germanistik und Geschichte fixiert bin.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Karrierefaktoren?

Natürlich sind Glück, Zufall, Eigeninitative, Netzwerke gleichermaßen wichtig. Aber es bleibt dabei, dass am Ende das eigene Engagement und der Wille sich durchzusetzen oder auch durchzubeißen , entscheidet.

Gerne wird suggeriert, Karrieren seien planbar: Wie stehen Sie dazu und worauf kommt es nach Ihrer Erfahrung an?

Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nur wenig planbar ist: Wichtig sind hingegen Mut und Risikobereitschaft, weil man im Laufe seines Berufslebens immer wieder an Wegmarken stößt, wo man sich entscheiden muss: für einen eher gemütlichen und unaufregenden Weg oder für eine Herausforderung, deren Konsequenzen man nicht unbedingt vorher bis ins Kleinste abschätzen kann. Natürlich birgt jedes Risiko auch die Gefahr des Scheiterns, aber man erreicht viel, wenn man es nur will und sich nicht entmutigen lässt.

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  3. Simone Janson

    Guten Tag Frau Weichert, leider kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, werde die Frage aber weiterleiten!

  4. Wiebke Weichert

    Guten Tag!
    Ich bin auf der Suche nach einem Spezialisten (Prof.), der/die sich hervorragend mit unterschwelliger Diskriminierung auskennt. Wir benötigen diesen Fachmann/-frau für eine Diversity-Podiumsdiskussion.
    Herzlichen Dank.
    Viele Grüße
    Wiebke Weichert

  5. Simone Janson

    Hallo Aydurmus,
    wenn Sie so eine Meinung haben, dann würde mich natürlich ihr Hintergrund interssieren: Waren Sie bei entsprechenden Verhandlungen persönlich zugegen? Haben Sie Hintergrundinformationen zu den finanziellen ungereimtheiten?
    Von Reinwaschen kann ich in dem Interview nichts erkennen: Es geht um einen ganz anderen Aspekt als der, den Sie ansprechen, nnämlich um das Thema persönliche Karriereplanung.
    Ich freue mich über Ihre Meinung: Bitte aber etwas differenzierter und ausführlicher.
    Danke
    S. Janson

  6. O.Aydurmus

    Dr.Monika W-M. seine ÖTV vorsitsender hat uns gegen tarifpartner verraten, von uns abgelehnte Angebot akzeptiert.
    Nur nicht in ÖTV auch in EU parlament gewisse finanzielle unregelm. verursacht. Jetzt auf einmal mit Persil gewaschen?
    Oder sprechen wir hier von jemand anderen?

  7. Klaus Ebensberger

    Lange nix von gehört oder gelesen – hier ein interessantes Interview mit Dr. M. Wulf-Mathies #Karriere #Job

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